Textilverfeinerungen à la carte

© 2013 Netzfrau Birgitt Becker

TextilienTextilhersteller schaffen Innovationen, die Mode lässt kaum Wünsche offen und die Liste der Konsumenten bezüglich ihrer Ansprüche, die sie an Kleidung haben, ist endlos lang. Sie reicht von Anti-Schmutz-, easy-wash- und antimikrobieller Ausrüstung über Filzfreibehandlungen bis zur perfekt knitterfreien Form für die Nachtwäsche. Das alles ist heute möglich. Doch brauchen und wollen wir das wirklich? Wir Konsumenten fordern und die Hersteller reagieren artig?

Es wäre müßig zu hinterfragen, ob zuerst der Wunsch, beispielsweise nach einem waschechten Farbton, von Konsumenten gefordert wird oder ob schlaue Textilchemiker für ihre Arbeitgeber innovative Formeln für neue Färbebeschleuniger oder die perfekte Nano-Ausrüstung auf den Markt werfen wollen. Genau so naiv wäre es vom Hersteller zu erwarten, dass er die Konsumenten auffordert, ihre Wünsche nach irgendwelchen Textilverfeinerungen zurückzustellen nach dem Motto: Erst müssen wir forschen, um chemische Synthesen zu entwickeln, die für Mensch, Tier und Umwelt unschädlich sind.

Chemische Textilausrüstungen

Hierzu ein Blick in die Vergangenheit mit einigen Beispielen zu chemischen Textilausrüstungen, von denen wir als Träger, wenn wir viel Glück haben, nicht einmal etwas merken, obwohl die Textilvorgeschichte ökologisch gesehen der wichtigste Aspekt der Textilproduktion ist.

So kam das Fraunhofer Institut1 in Deutschland bereits 1994 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass jährlich mehr als 110.000 t Chemikalien für die Verschönerung von Textilien verwandt wurden, von denen 80.000 t Chemikalien deutsche Gewässer belasten, d.h. der größte Teil hiervon landete im Abwasser.2 Allein in Deutschland wurden pro Jahr 200 Millionen Kilogramm Azofarbe produziert. Bei der Herstellung von 100 kg dieser leuchtend bunten Farben fallen 768 kg Abfälle und Nebenprodukte an!3 Azofarbstoffe kommen weltweit vom Textil- bis zum Lebensmittelbereich zum Einsatz. Viele dieser Farben sind krebserregend, da sie giftige Amine freisetzen. In der Vergangenheit wurden nach und nach, zur Zeit 22 Amine, verboten und die letzte EU-Verordnung hat weitere Beschränkungen und Grenzwerte eingeführt. Auch importierte Waren, z. B. aus China, dürfen nicht mehr mit bestimmten Azofarbstoffen gefärbt sein und „Stichproben“ sollen Konsumenten schützen.4 Doch sind Azofarbstoffe preiswert und färben gut, so kommen sie vor allem in asiatischen Ländern auch weiterhin zum Einsatz und wir begnügen uns weiterhin mit Stichproben.

Textilien werden imprägniert und zur besseren Konservierung und vorbeugendem Schimmelbefall, beispielsweise bei langen Transportwegen, wird PCP (Pentaclorphenol) verwand, dass über hervorragende bakterizide und fungizide Eigenschaften verfügt. Zwar ist infolge eines Verbotes in Deutschland seit 1989 die Herstellung, das Inverkehrbringen und auch die Verwendung von PCP untersagt, doch die PCP Problematik ist immer noch aktuell, z.B. kann diese hochgiftige Substanz in Produkten (Textilien, Leder- und Pelzwaren), enthalten sein, die aus den USA, Frankreich, Taiwan, Indien oder China stammen; denn dort gibt es noch kein PCP-Verbot.

In der EU werden jährlich ca. 4 Mio. Tonnen Formaldehyd hergestellt und etwa 85 % aller Kleidungsstücke sind mit dieser chemischen Substanz ausgerüstet. Neben seiner hervorragenden keimabtötenden Wirkung (Bakterien, Pilze usw.) wird diese universell einsatzfähige Substanz u.a. auch als Textilhilfsmittel zur Knitterfrei- und Pflegeausrüstung beigesetzt. Seit Juni 2011 stuft das US-Gesundheitsministerium Formaldehyd als krebserzeugend für den Menschen ein und laut EG-Verordnung wurde diese Substanz rechtsverbindlich mit „Verdacht auf karzinogene Wirkung beim Menschen“ bewertet.5 Auch für Formaldehyd liegen Grenzwerte vor, doch gelten für Textilien (Kleidung) lediglich freiwillige Schadstoffprüfungen6. Für T-Shirt-Träger bestehen nach mehrmaligem Waschen keine gesundheitlichen Risiken mehr, doch was haben Textilchemikalien für Auswirkungen auf unsere Umwelt?

Greenpeace-Studie mit Chemikalien-Screening

Greenpeace-Mitarbeiter gingen im vergangenen Jahr auf Shopping Tour. Sie kauften in 29 Ländern Kleidungsstücke von großen Modemarken, darunter Armani, C&A, Diesel, Levis, Only, Zara, Vero Moda, Gap, usw., ein. Die Einkäufe dienten einem Chemikalien-Screening, mit dem 141 Kleidungsstücke von 20 Herstellern überprüft wurden.7 Dabei zeigte sich, das 63 % der getesteten Artikel u.a. Rückstände von NPE (Nonylphenolethoxylate) enthielten. NPE sind gefährlich, da durch chemische Abbauprozesse NP (Nonylphenol) entsteht, eine giftige, schwer absetzbare und hormonell wirksame Chemikalie.

Nicht nur im Abwasser von Textil-Fabriken, sondern auch in 31 Textilproben hat Greenpeace  in Plastisolaufdrucken Phthalate (Weichmacher) gefunden. Auch Azofarbstoffe mit krebserregenden Aminen wurden nachgewiesen. Außerdem wurden weitere 13 industrielle Chemikalien entdeckt, die als „giftig“ oder „sehr giftig für Wasserorganismen“ einzustufen sind.

Hält nun nach diesen Erkenntnissen eine neue Unternehmensphilosophie Einzug? Inzwischen haben bereits einige der führenden Modelabel (Nike, Adidas, Puma, H&M, M&S, C&A, Li-Ning, Zara, Mango, Esprit, Levis, Uniqlo, Benetton, Victoris’s Secred, G-Star Raw und Valentino) die Detox-Kampagne unterzeichnet, mit der Greenpeace Modemarken auffordert, Schadstoffe bis 2020 durch ungefährliche Substanzen zu ersetzen und gemeinsam mit Lieferanten an einer giftfreien Produktion zu arbeiten.

Innovation – koste was es wolle

Verbesserte Funktionalitäten für Textilien mit neuen Eigenschaften, für die ein Zauberwort  steht: Nanotechnologie. Nanomaterialien (nános „Zwerg“ – ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter) bieten auch dem Textilsektor ein enormes Einsatzpotential. Vielversprechend sind Eigenschaften, wie beispielsweise Schutz vor UV-Strahlung, Schmutz- und Wasserabweisbarkeit, antibakterielle Textilien (mit Nanosilber ausgestattet), erhöhte Strapazierfähigkeit bis zu nicht spür- und sichtbaren Sensoren, die Körperfunktionen überwachen oder Filter für Krankheitserreger sein können.

Bei Nano-Textilien unterscheiden wir, ob synthetische Nanopartikel in die Fasern oder in das Textil eingearbeitet sind. Ob es sich um nanoskalige Fasern handelt, Beschichtungen ohne Zusatz von Nanopartikeln, d.h. Nanoausrüstung oder ob Chemie- und Naturfasern mit Nanopartikeln „veredelt“ werden, das erfahren wir als Verbraucher zur Zeit genauso wenig wie wir seitens der Hersteller über mögliche Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen informiert werden. Augenblicklich besteht großer Forschungsbedarf und der Mensch ist auch bei dieser Thematik wieder einmal Versuchskaninchen. Die momentane Risikoabschätzung ist vage, es liegen noch keine Langzeitstudien vor und viele offenstehende Fragen, beispielsweise, wie werden bei der industriellen Fertigung ArbeitnehmerInnen, die der Exposition von Nanopartikeln ausgesetzt sind, geschützt und welche Auswirkungen hat die Nanotechnologie auf die natürlichen Ökosysteme.

Was können wir als Verbraucher beim Kauf unserer Kleidung beachten?

Hauptsache buntWie viele Innovationen galten in der Vergangenheit als ungefährlich und wurden gefeiert. Erfolgreich wurden Warnungen von kritischen Wissenschaftlern in den Wind geblasen bis nach und nach Gefahrenpotentiale für Mensch, Tier und Umwelt nicht mehr abgestritten werden konnten und Grenzwerte korrigiert werden mussten.8

Mit der wachsenden Anonymität der Produktlinien liegt eine immer größer werdende Gefahr, denn die Verantwortung wird abgeschoben, der anfallende Sondermüll, der bei Synthesen entsteht, liegt nicht vor der eigenen Türe. Dass über 70 % von Chinas und Mexikos Gewässern verschmutzt sind, stört deutsche Konsumenten und Discounter, die neben Lebensmitteln auch zunehmend Kleider-Schnäppchen im Sortiment haben, nur, wenn Medien über Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in den Herstellungsländern berichten und sie um ihre Absatzmöglichkeiten bangen müssen.9

Doch sind wir bei Naturtextilien auf der sauberen Seite, können wir uns auf deren „Natürlichkeit“ verlassen? Schafe bekommen ein hochkonzentriertes Pestizidbad, beim Baumwollanbau werden synthetische Pestizide eingesetzt, Faserlein werden in der ersten Wachstumsphase Totalherbizide zugefügt und auch Seide oder Bambusfasern sind nur natürlich, so lange sie nicht chemisch aufgerüstet werden. Ebenso sagt die „Natürlichkeit“ nichts über eine sozial verträgliche Produktion aus (Niedriglöhne, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, etc.).

Seit vielen Jahren bieten zahlreiche Konfektionshersteller nachhaltige Kollektionen an, bei denen beispielsweise auf Chlor und optische Aufheller verzichtet wird, die Stoffe werden wieder mit Wasser und Dampf in Form gebracht, anstatt Formaldehyd einzusetzen. Viele Firmen verwenden für die Produktion von Naturtextilien Baumwolle, die aus kontrolliertem Anbau stammt und Stofflieferanten müssen einen sogenannten „Artikelpass“ ausfüllen, in dem Angaben zu eventuell eingesetzten Chemikalien gemacht werden. Die Qualitätsanforderungen, die an Lieferanten gestellt werden, sind streng und ständigen Kontrollen unterworfen.

Die Kleiderwahl ist unsere persönliche Entscheidung. Jeder sollte sich informieren und daraus die Konsequenzen ziehen. Wenn es auch augenblicklich keine 100 %igen Lösungen gibt und es für Verbraucher sehr schwierig ist, sich im Labeldschungel zurechtzufinden, gibt es von Herstellern aber auch von Non-Profit-Organisationen Orientierungshilfen, die uns den Kleiderkauf vereinfachen.10

Vor allen Dingen sollten wir nicht auf politische Entscheidungen warten, die kurzfristig von Wahlperiode zu Wahlperiode geplant werden. Wir als Konsumenten können dazu beitragen, dass Kleidung in Geschäften zu Ladenhütern wird. Jeder Schritt zur Nachhaltigkeit, auch wenn er noch so klein ist, geht in die richtige Richtung.

Quellen:


1 Fraunhofer-Studie: Textilindustrie u. Chemikalien in «Süddeutsche Zeitung» vom 17.5.94.

2 Studie wurde von der niedersächsischen Umweltministerin Griefahn, M. in Hannover, Mai 1994, vorgestellt.

3 Grafik anhand dem Beispiel von 100 kg rotem Farbstoff Benzopurpurin 4 B in «Ökotest» n. 6, 1987.

4 In der Verordnung (EG) 1907/2006  (sogenannte REACh-Verordnung), Anhang XVII sind seit 1.Juni 2009 (gemäß der Änderungsverordnung (EG) Nr. 552/2009 vom 22.Juni 2009) Beschränkungen von bestimmten Substanzen geregelt.

5 Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008.

6 Textilien mit einem Massengehalt von mehr als 0,15 vom Hundert an freiem Formaldehyd, die mit der Haut in Berührung kommen sind nach der Bedarfsgegenständeverordnung mit folgender Kennzeichnung zu versehen: „Enthält Formaldehyd. Es wird empfohlen, das Kleidungsstück zur besseren Hautverträglichkeit vor dem ersten Tragen zu waschen.

7 Greenpeace-Studie Giftige Garne – Der große Textilien-Test, Stand November 2012.

8 Bauen-Wohnen-Leben; Birgitt Becker, aus dem italienischen 1996, überarbeitete Ausgabe 2001, Verlag ecoKreis.

9 Im Visier. Discounter; Eine Studie über die Arbeitsbedingungen bei Zulieferern von Aldi, Lidl und KiK in Bangladesch, Herausgeber: CCC/CIR, Münster, Januar 2012.

10 Wie erkenne ich ökologische Kleidung? Eine Beurteilung von Textil-Labeln mit Umweltbezug. Herausgeber Greenpeace.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. „Formaldehyd in Bekleidung“

    Was vielen nicht bewusst scheint, dass Formaldehyd schon seit vielen Jahrzehnten nicht nur zur Konservierung , u.a. auch aus Brandschutztechnischen Gründen, sondern auch als Insektizid eingesetzt wird. Hierzu gehören auch noch viele andere Stoffe, die man
    als , für den Menschen, gefährlich einstufen sollte.
    Leider immer noch gängige Praxis, obwohl es heute schon viele biologisch unbedenklicheMittel gibt.
    Aber hier scheint wohl das Preisniveau eine Rolle zu spielen.
    Ich finde es positiv, dass man über die Thematik, so ausführlich wie möglich, berichtet . Gerade weil der Erwerb solcher Artikel zu einer gesundheitlichen Gefahr, gerade wenn schon gesundheitliche Vorschäden , bis hin zu Allergien bestehen, führen können.
    Zum Vergleich… Heute würde niemand mehr Kinderspielzeug kaufen, in dem man für die Produktion sogenannte Weichmacher verwendet hat. Was aber auch zubeachten sein dürfte… unser Kaufverhalten als Konsument.

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