Die Farben – unsere Welt ist bunt

Wenn der Blick an heitern Tagen
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
Beim Sirok der Sonnenwagen
Purpurrot sich niedersenkt,
Da gebt der Natur die Ehre,
Froh, an Aug und Herz gesund,
Und erkennt der Farbenlehre
Allgemeinen, ewigen Grund.
 

                                        J. W. von Goethe

Alle Lebewesen stehen in enger Verbindung mit den Schwingungen des Lichtes und damit auch der Farbenwelt. Wissenschaftler und Künstler haben Farbkombinationen und Farbwirkungen über Jahrtausende beobachtet. Sie haben nicht nur die individuellen Effekte der Farben, sondern auch die Harmonie von Farbkombinationen oder Farbmustern und Theorien für die Anwendung von Farben entwickelt.

Dass Farbvorgängen nicht nur objektiv Wellenlängen zugrunde liegen, sondern dass sie ein eigener Seinsbereich der Natur sind, hat schon Goethe mit seiner Farbenlehre verdeutlicht. Er betrachtete Farbvorgänge auch im philosophisch-biologischen Zusammenhang auf das Qualitative der Natur ausgerichtet im Gegensatz zu Newton, der überwiegend die naturwissenschaftliche quantitative Betrachtungsweise anwendete.

Wir nehmen nur cirka 1 % des gesamten elektromagnetischen Spektrums mit unseren Augen wahr und sehen alle Regenbogenfarben von Violett, der kürzesten Wellenlänge, bis Rot, der längsten Wellenlänge. Für unsere Augen unsichtbar sind die kürzeren Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums vor der violetten Region, die Röntgenstrahlen, Gamma- und kosmischen Strahlen oder die direkt hinter dem roten Ende des Spektrums befindlichen längeren Wellen der Infrarotstrahlung.

Das auf- und durchfallende Licht wird teils absorbiert, teils reflektiert. So absorbiert Schwarz beispielsweise bis zu 100 % der Lichtstrahlung im Gegensatz zu Weiß, das bis zu 100 % reflektiert. Deshalb können schwarz und weiß nicht als Farben bezeichnet werden.

Einige Beispiele der Vergangenheit zu physiologischen und psychologischen Auswirkungen von Farben

Wenn auch das Farberleben subjektiv verschieden wahrgenommen wird, konnten allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten festgestellt werden, wie zahlreiche Beispiele der Vergangenheit demonstrieren.

Die Ägypter bauten Tempel zur Behandlung ihrer Kranken mit Licht und Heiler verordneten ihren Patienten, Kleidung in bestimmten Farben zu tragen, um ihre Krankheiten zu heilen oder abzuschwächen.

Georg Fabricius (1516-1571) kam zu der Erkenntnis, dass die chemische Beschaffenheit gewisser Körper durch Lichtmassen verändert werden kann und Henry Alexander Tessier (1741-1837) machte Versuche mit Pflanzen und Farben. Die Pflanzen unter dunkelblauem Glas blieben am grünsten, unter dunkelgelbem wurden sie bleich. Nach seinen Angaben wirkt die blaue Beleuchtung auf Pflanzen wie das reine Sonnenlicht, die dunkelgelbe Beleuchtung hingegen wie die Finsternis: sie werden bleich und schießen stärker.[1]

1876 beschreibt Pleasanton in seinem Buch «Blue and Sun-Lights» u. a. die Wirkung der wärmenden Sonnenstrahlen in Verbindung mit blauem Licht zur Stimulierung der Körperdrüsen, des Nervensystems und der Ausscheidungsorgane von Mensch und Tier. Er berichtete, dass blaues Licht bei Tieren verschiedene Krankheiten heilen, die Fruchtbarkeit erhöhen und die körperliche Reifung beschleunigen könne. Im vorigen Jahrhundert veröffentlichte Dr. Seth Pancoast das Buch «Blue and Red Lights». Er benutzte blaue oder rote Filter, durch die Sonnenlicht geleitet wurde, zur Beruhigung oder Anregung des Nervensystems.[2]

Dr. Edwin Babbit beschreibt 1878 in seinem Buch «The Principles of Light and Color» die Behandlung seiner Patienten mit Sonnenlicht, das er durch farbige Glasscheiben leitete. Er entwickelte hierzu bestimmte Filter und erfand Sonnenelixiere.[3]

Im Jahre 1900 entdeckten Wissenschaftler, dass Substanzen, beispielsweise Eosin, ein Rotpigment, lebendes Gewebe schädigen kann, wenn es mit Licht bestrahlt wird, während es im Dunkeln nicht toxisch wirkt.[4]

Dinshah P. Ghadiali gründete 1920 das Spectro-Chrome-Institut. 1933 publizierte er seine dreibändige «Spectro-Chrome Metry Encyclopedia».[5] Dr. Spitler beschäftigte sich intensiv mit den Erkenntnissen von Dinshah P. Ghadiali und Dr. Babbit. Er setzte die Lichttherapie in einem von ihm geleiteten Sanatorium erfolgreich ein.[6] Später, nach 1923, führte er aufschlussreiche Experimente durch. Er bestrahlte in Käfigen untergebrachte Kaninchen mit verschiedenen Farben. Alle sonstigen Bedingungen (Ernährung, Käfige) waren für die verschiedenen Gruppen gleich. Schon nach 3 Monaten waren signifikante Veränderungen des Gesundheitszustandes der Tiere zu beobachten, die sich nach einem Jahr erhärteten: verschiedene Krankheitssymptome wie Fellverlust, Vergiftungssymptome, Unfruchtbarkeit, abnorme Knochenentwicklung und Grauer Star. Er führte dies auf die Wirkung des verschiedenfarbigen Lichtes zurück. Er untersuchte unter anderem, inwieweit Licht und Farben in Zusammenhang mit Störungen des autonomen Nervensystems und des endokrinen Systems stehen können und kam zu der Überzeugung, «(…) dass Gehirnbereiche, die das autonome Nervensystem und das endokrine System direkt kontrollieren, unmittelbar mit den Augen verbunden sind, und zwar über die kürzesten, direktesten und am höchsten organisierten Nervenbahnen des Gehirns. Er schloss daraus, dass Licht die wichtigste Rolle bei der Veränderung von Körperfunktionen, Verhalten und physiologischen Reaktionen spielt: «Schon die Veränderung der Farbe des Lichts, welches durch die Augen eintritt, kann das Gleichgewicht des autonomen Nervensystems und der davon abhängigen Funktionen stören oder wiederherstellen (…)».[7] 1927 begann Dr. Spitler, mit speziellen Geräten therapeutisch die Augen von Patienten mit Farben zu bestrahlen. Seine siebzehnjährige Forschungsarbeit führte ihn zu einer neuen Wissenschaft, die er «Syntonics» nannte.

In den letzten Jahren wurde die Photodynamische Therapie (PDT) entwickelt.[8] Man entdeckte, dass bestimme intravenös injizierte lichtempfindliche Chemikalien nicht nur in Krebszellen akkumuliert werden, sondern unter UV-Bestrahlung gerade diese Zellen ansteuern und sie selektiv zerstören, wenn sie danach mit rotem Licht aktiviert werden.[9] So gelang es 1973 gelang Dr. Thomas Dougherty erstmals, mit einer empfindlichen Chemikalie und rotem Licht einen Tumor bei einem Menschen zu entfernen. Einem Artikel zufolge, der im Journal of National Cancer Institute veröffentlicht wurde, sind mit der Photodynamischen Therapie bis heute weltweit mehr als 3000 Menschen mit verschiedenen Tumoren geheilt worden.[10]

Die Neugeborenengelbsucht (Hyperbilirubinämie) wird mit blauem Licht einer bestimmten Wellenlänge behandelt. Bilirubin, ein gelber Stoff, der für diese Gelbsucht verantwortlich ist, wird von dem Licht zerlegt und vom kindlichen Körper ausgeschieden. Blaues Licht hat sich zur erfolgreichen Schmerzreduzierung bei Personen mit rheumatischer Arthritis erwiesen[11] und mit blinkenden roten Lichtern erfahren viele unter Migräne leidende Personen Erleichterung ihrer Schmerzen. Dr. J. Anderson benutzte erfolgreich für Experimente eine Spezialbrille, die auf die Augen Lichtimpulse schickte. Bei 72 % der Patienten verschwand der Kopfschmerz nach einer einstündigen Behandlung.[12]

Am Institut für Pflanzenphysiologie der Universität Berlin ergaben Versuche, dass Algen unter dem Einfluss von Blaulicht eine fast viermal stärkere Zunahme des Trockengewichtes und Proteingehaltes gegenüber solchen mit Rotlicht bestrahlten Pflanzen haben. Übrigens beschreibt schon Goethe in seinen Tag- und Jahresheften 1796 die Zusammenhänge von Lichtwirkung und Wachstum auf Pflanzen.[13]

Prof. Niels Finsen, Nobelpreisträger, beobachtete die Farbeinwirkung u. a. bei der Bildung von Spurenelementen. So entwickelt sich Eisen und Schwefel bei grüngelber Farbeinwirkung, bei roter Farbstrahlung Argon und Magnesium. Bei Pflanzen, in deren Nährsubstrat diese Elemente nicht vorhanden waren, wurden sie bei der chemischen Pflanzenanalyse gefunden.

Wie wir diese Erkenntnisse für unsere Wohnwelt umsetzen können, dazu demnächst mehr bei den Netzfrauen.

© Netzfrau Birgitt Becker

Foto:© Annet Audehm


[1] Ott, G.: Goethe; Farbenlehre Band 1, Verlag Freies Geistesleben, 2. Aufl., Stuttgart, 1986.

[2] Pancoast, S.: Blue and red Lights, Philadelphia 1877; Schöb, V.: Bedeutung und Wirkung der blauen Farbe, Verlag DLZ, Winterthur; Frieling, H.: Mensch und Farbe, Heyne Verlag, München, 1972.

[3] Babbit, E.: The principles of Light and Color, New York, 1878; Schiegl, H.: Colortherapie. Heilung durch Farbenkraft, Verlag DLZ, Wintertur, 1972.

[4] Raab, C.: Über die Wirkung fluoreszierender Stoffe auf Infusoria, in «Zeitschrift für Biologie» Nr. 39, 1900.

[5] Dinshah, P. Ghadiali: Spectro-Chrome Metry Encyclopedia, Malaga/New Jersey, 1933; Darius Dinshah.: Let there be Light, Malaga/New Jersey, 1985.

[6] Spitler, H.R.: The Syntonic Principle, College of Syntonic Optometry, Eaton/Ohio, 1941.

[7] Liberman, J.: Die heilende Kraft des Lichts, Scherz-Verlag, Bern, München, Wien, 1994.

[8] Dougherty T.J.et al: Photoradiation Therapy II: Cure of Animal Tumors with Hematoporphyrin and Light. in «Journal of National Cancer Institute» n. 55, 1975.

[9] Libermann, J.: Die heilende Kraft des Lichts, Scherz-Verlag, Bern, München, Wien, 1994.

[10] Dougherty T.J.: Photoradiation Therapy New Approaches in Seminar in Surgical Oncology, in «Journal of National Cancer Institute», n. 5, 1989.

[11] Mc.Donald S.F.: Effect of Visible Light Waves on Arthritis Pain, in «International Journal of Biosocial Research» n. 2, 1982.

[12] Anderson, J.: in «Brain/Mind Bulletin», n. 4, 1990.

[13] Ott, G.: Farbenlehre, Historischer Teil, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1986; Die Wirkung des Lichts auf das Wachstum der Pflanzen untersuchte Goethe 1796. Vergl. Tag- und Jahreshefte zu 1796; ebenso Versuche von Jean Senebier (1742 – 1809) und Henry Alexander Tessier (1741 – 1837).

[14] Libermann, J.: Die heilende Kraft des Lichts, Scherz-Verlag, Bern, München, Wien, 1994.

Der Artikel beinhaltet Textauszüge aus dem Buch Bauen Wohnen Leben, 2001, Birgitt Becker

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