Abtreibung – eine Frage des Geschlechts

UltraschallDie Pränataldiagnostik (PND) bietet heute Untersuchungsmöglichkeiten mit hoher diagnostischer Sicherheit an ungeborenen Kindern und schwangeren Frauen, u. a. durch Fruchtwasserpunktion und Ultraschalluntersuchung. Jedoch ist der Wunsch nach einem gesunden Kind zunehmend nicht mehr oberste Priorität; denn die vorgeburtliche Geschlechterwahl um „gender disappointment“ vorzubeugen, ist dank moderner Technik inzwischen der Grund vieler Abtreibungen weltweit. 

Albanien, 2013

C. liegt auf dem Untersuchungstisch. Sie ist in der 14. Woche schwanger. Fragend schaut sie den Arzt an. Der Mediziner kennt diese Blicke. Die Gesundheit des Fötus spielt dabei eine untergeordnete Rolle, hingegen die erste Frage nach dem Geschlecht gilt dem fragenden Blick der Patientin. Die Antwort wird entscheiden, ob die Schwangere ihr Kind zur Welt bringen wird oder nicht, denn ihre Familie hat längst beschlossen, dass sie abtreiben muss, wenn bei dem heutigen Ultraschallergebnis das unerwünschte weibliche Geschlecht diagnostiziert wird. Eine Abtreibung ist zwar gesetzlich nur bis zur 12. Woche erlaubt, aber eine illegale Spätabtreibung ist für 150 bis 200 Euro auch über diesen Zeitraum hinweg einfach zu organisieren, egal ob zu Hause oder in einer Privatklinik.

Patriarchalische Familienstrukturen fordern Söhne

Traditionelle Familienstrukturen erfordern männliche Nachfolger. Mädchen sind eine Last, erfordern Mitgift, männliche Nachkommen tragen den Familiennamen weiter und während Frauen nach der Heirat ihre Familie verlassen, kümmern Söhne sich um ihre alten Eltern.

Der Europarat in Straßburg stellt in einer Resolution von 2011 fest, dass die „pränatale Geschlechtsselektion besorgniserregende Ausmaße angenommen hat.“  Wir wissen, dass in China und Indien die Abtreibung weiblicher Föten und die Tötung von neugeborenen Mädchen an der Tagesordnung sind. Dort kommen in manchen Regionen bereits 120 bis 130 Jungen auf 100 Mädchen mit der Folge, dass in Asien ca. 117 Millionen Frauen fehlen. Wie eine Studie des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) aufzeigt, nehmen die dramatischen Folgen zu: Männer finden keine Frauen, es kommt zu einer Zunahme von Menschenhandel, Prostitution, Gewalt und Zwangsehen im Kinderalter.[1]

Von EU-Beitrittskandidaten ist die Rede

Nein, diesmal ist nicht die Rede von China oder Indien. Die Rede ist von Europa, genauer gesagt, von dem EU-Beitrittskandidaten Albanien. Nach einer Studie des UN-Bevölkerungsfonds kommen dort auf 112 Jungen 100 neugeborene Mädchen, im Kosovo und in Montenegro sind es 109 bis 110 Jungen. Experten schlagen Alarm, dass auch in Europa mit neuen Diagnostikverfahren gezielt Eltern das Geschlecht ihrer Kinder auswählen. Diese Daten stellt auch der französische Bevölkerungsexperte Christophe Guilmoto, Forscher der Universität Paris-Descartes, fest. Für diese Entwicklung macht er eine fast „archaische Einstellung“ verantwortlich, die vor allem auf dem Balkan verbreitet sei.[2]

Wird sich die EU des Abtreibungsproblems des Balkans annehmen?

Doris Stump ist Schweizer Abgeordnete in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg. Sie hat für das Parlament einen Bericht verfasst, der deutlich macht, dass die vorgeburtliche Geschlechterselektion mittlerweile auch in einigen europäischen Ländern praktiziert wird. Die Frage, ob dieses Vorgehen einen Einfluss auf den Beitritt dieser Länder in die EU hat, ist schnell mit Nein beantwortet. Die Europa-Abgeordnete betont, dass wir zwar die Familienplanung Chinas kritisieren dürfen, da China ein Entwicklungsland sei, hingegen sei dies bei den Balkanländern, die in die EU wollen, anders. Das Problem der gezielten Abtreibung von weiblichen Föten fällt in den Bereich der Gesundheits- und nicht der Menschenrechtspolitik und somit gibt es keine Handhabe gegen die Abtreibungspolitik der EU-Beitrittskandidaten.[3]

Die Direktorin der größten Geburtsklinik in Tirana, Dr. Rubena Moisiu, kritisiert in einem Interview das abwartende Verhalten der albanischen Regierung.[4] Da auch die Daten des albanischen Statistikamtes bestätigen, dass auf 100 weibliche Geburten 116 männliche Geburten kommen und bekannt sei, dass der Hauptgrund hierfür die gezielte Abtreibung auf Grund des Geschlechtes ist, wünscht sich Dr. Moisiu mehr Einsatz seitens der Regierung. Sie fordert Statistiken zu Abtreibungen und mehr Kontrolle für private Kliniken. Seit sie in mehreren Fernsehsendungen eingeladen wurde, beginnt langsam die Diskussion in der Öffentlichkeit und das albanische Gesundheitsministerium lud Ende 2012 zu einer Tagung ein, um sich diesem Tabuthema zu widmen. Es wurde beschlossen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die sich mit dem geschlechterspezifischen Ungleichgewicht beschäftigen soll.

© Copyright 2013 Netzfrau Birgitt Becker


[1] http://www.unfpa.org/public/home/publications/pid/12405

[2] http://www.demographie.net/guilmoto/pdf/research%20note%20on%20BM%20in%20SE%20Europe4.pdf

[3] http://www.queeramnesty.ch/docs/Femizid_in_Osteuropa_Doris_Stump_20130314.pdf

[4] http://www.podcast.de/episode/206590400/M%25C3%25A4dchen%2Bunerw%25C3%25BCnscht%2B-%2BGezielte%2BAbtreibungen%2Bin%2BAlbanien/#

 

8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. „Das Problem der gezielten Abtreibung von weiblichen Föten fällt in den Bereich der Gesundheits- und nicht der Menschenrechtspolitik und somit gibt es keine Handhabe gegen die Abtreibungspolitik der EU-Beitrittskandidaten.“

    Ich kann diesen Satz überhaupt nicht nachvollziehen.

    • wie geschrieben:
      „Weil Abtreibung dem Gesundheitsbereich zugeordnet wird, und nicht der Menschenrechtspolitik, gibt es derzeit in der Europäischen Union keine rechtliche Handhabe, gegen die Abtreibungspraxis bei EU-Kandidaten auf dem Balkan vorzugehen.“ Nach EU-Recht ist das so gesetzlich geregelt.

  2. Warum verbietet man nicht per Gesetz die Auskunft, welches Geschlecht das Ungeborene hat?
    Wir wussten früher auch nicht, wird es ein Junge oder ein Mädchen, gestorben sind wir alle nicht und eigentlich war es viel spannender für alle.

    • Fraglich, ob es gut für ein Kind ist, ungewollt geboren zu werden, nur weil der Arzt das Geschlecht nicht preisgeben darf. Ein solches Gesetzt würde lediglich ein Symptom einer „kranken“ Gesellschaft betreffen. Sicherlich würde es neue Probleme nach sich ziehen. Wie viele Frauen wären genötigt, nach der Geburt das ungewollte Mädchen irgendwie loszuwerden? Die Wurzel allen Übels muss bekämpft werden durch Aufklärung und Gleichstellung der Geschlechter. Inwieweit die EU da mitreden kann und darf ist ebenfalls nicht so einfach zu klären.

    • Das Gendiagnostikgesetz (trat am 1. Februar 2010 in Kraft) verbietet die Mitteilung des Geschlechtes des Embryo oder Fötus vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche.

  3. Es betrifft hauptsächlich zivilgesellschaftliche unterentwickelten Ländern und dort arme Bevölkerungsgruppen. Es erinnert stark an die brutale Vergewaltigung und den Mord an einern jungen indischen Frau in Mumbay letztes Jahr. Wo es in bestimmten Gebieten in Indien an der Tagesordnung ist, (ungeborene oder gerade geborene) Mädchen zu töten. Das reicht bis zur (verbotenen) Wittenverbrennung und hat einen Männerüberschuss erzeugt, der sich wiederm sehr negativ auf die Frauen auswirkt (Stichwort „Armuteprostitution“). Hier sieht man vielleicht deutlicher als in Europa, wo das Problem liegt.

    Der Druck muss von Außen kommen, aber die eigentliche Veränderung von den Menschen selbst. Aufklärung tut ebenso Not wie die Beseitigung der Armut und die Trennung von Religion und Staat.

  4. Das Problem betrifft oft die Entwicklungsländer, aber hier sieht man den Druck, der auf einer Frau lastet. Im Gegenteil zu den Balkan Ländern ist es in der Europäischen Union anders. Die Frau das alleinige Recht zu entscheiden wann und unter welchen Umständen Sie abtreiben bzw. einen
    Schwangerschaftsabbruch vornehmen möchte. Ein Schwangerschaftsabbruch kann viele Gründe haben. Auch einige körperliche Erkrankungen der Mutter gehören dazu, ebenso seelische Probleme oder auch ein mangelhaftes soziales Umfeld. Trotzdem ist es in allen Ländern Europas ein umstrittenes Thema.

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