Der Artenjäger vom Amazonas – Doch womöglich geht all das verloren, bevor es auch nur halbwegs entdeckt wurde

MarcDer Holländer Marc van Roosmalen gehört zu einer aussterbenden Spezies – er ist ein Naturforscher, der noch auf eigene Faust im tiefsten Dschungel unterwegs ist.

Marc van Roosmalen ist einer der wenigen Forscher, die noch auf eigene Faust im Dschungel unterwegs sind. In den vergangenen zehn Jahren hat er 20 neue Affenarten und 17 weitere Säugetierarten entdeckt. Weiterhin hat er nach eigenen Angaben 5 Vogelarten und etwa 50 Pflanzenarten entdeckt.

Seit 30 Jahren geht der 63-Jährige barfuß durch den brasilianischen Regenwald auf der Suche nach unbekannten Tierarten.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagt er: „Die Nahrungsgrundlagen der Affen verschwinden, wenn man ihnen ihren Lebensraum wegnimmt. Und wenn man deshalb dazu auffordert, den Regenwald in bestimmten Regionen in Ruhe zu lassen, dann bekommt man in Brasilien sehr wohl Ärger. Bisher habe ich nur fünf der 20 neuen, bisher unbekannten Arten ordentlich und bürokratisch publiziert.

Eine davon, Callibella humilis, das Zwergseidenäffchen, ist sogar als ganz neue Gattung anerkannt. Wenn man bedenkt, dass es etwa 200 Affenarten gibt, und ich davon 20 erstmals beschrieben habe, können Sie sich vorstellen, dass man sich damit bei den Kollegen in den Jurys der Fachzeitschriften nicht nur Freunde macht.“

Der Wissenschaftsbetrieb liebt keine Forscher, die dauernd draußen im Dschungel herumrobben und dann den Ruhm abschöpfen. Aber noch unbeliebter wird man, wenn man alle Entdeckungen in derselben Region macht. Das erzeugt Druck, dieses Gebiet zu schützen.“

Immer wieder bekommt er in Brasilien Morddrohungen.

„Ich habe fast alle meine Entdeckungen in dem Gebiet des Rio Aripuana und des Arauazinho gemacht, zwei Nebenflüssen des Madeira, der in den Amazonas mündet. Ich arbeite dort seit etwa 20 Jahren. Der Regenwald wird in dieser Region während der Regenzeit dramatisch überflutet, das Wasser steht dann zwölf Meter höher als im Durchschnitt.

Marc erzählte: „Meine Entdeckungen belegen eine besonders große Biodiversität, also einen Artenreichtum in diesem Gebiet, für den es auch eine geomorphologische Theorie gibt. Diese Theorie will ich bald veröffentlichen. In der Region Aripuana habe ich mit dem Geld von Prinz Bernhard und anderen Spendern etwa 20 000 Hektar unberührten Regenwald aufgekauft. Diese Gegend konnten wir – dank eines brasilianischen Gesetzes – zum Naturschutzgebiet erklären lassen.

In meiner Forschungsregion am Rio Aripuana will die Sojabohnenindustrie aus dem Mato Grosso die Savannenflächen roden und für den Anbau von Sojabohnen nutzbar machen. Am Nebenfluss Rio Juma herrscht im Moment ein regelrechter Goldrausch. Die Goldgräber schießen in den Wäldern, was sie Essbares finden können. Der Kies- und Schotterabbau in den Nebenflüssen soll intensiviert werden. Das ist besonders schlimm für die Flusssäugetiere, die hier ein Refugium im kristallklaren Wasser haben.“

Van Roosmalen nutzt bei seiner Arbeit das Wissen der Einheimischen, denn niemand kennt sich hier im Dschungel besser aus als sie. Und was bei ihnen tagtäglich im Kochtopf landet, kann eine wissenschaftliche Sensation sein. Als die Jäger ihm von ihrer Jagdbeute berichteten, wusste der Wissenschaftler, dass es sich um eine bislang unbekannte Nabelschwein-Art handeln müsse: das Riesen-Pekari. Ein totes Exemplar, als Jagdbeute, bestätigte seinen Verdacht.

Der Artenjäger vom Amazonas: Zwergaffen und Riesenschweine

Der Film porträtiert einen der letzten großen Entdecker der Erde, einen Querdenker, der auch immer wieder durch sein kompromissloses Eintreten für die Natur mit der brasilianischen Bürokratie aneinander gerät: Marc van Roosmalen. Ein Filmteam begleitet ihn auf seiner Expedition zum Rio Aripuaná.

Wer glaubt, die Zeit der großen Entdeckungen im Tierreich ist vorbei, kennt Marc van Roosmalen noch nicht. Der niederländische Biologe hat im brasilianischen Amazonien eine Terra incognita mit vielen bis dato unbekannten Tierarten aufgetan. In der Vergangenheit hat er über 20 Affenarten entdeckt, so viele wie kein Mensch zuvor – das ist etwa ein Zehntel aller weltweit bekannten Affenarten. Dazu fünf Vogelarten, das Zwergstachelschwein und etwa 30 Pflanzensorten. Für seine Verdienste wurde er daher vielfach ausgezeichnet, das amerikanische Magazin „Time“ kürte ihn gar zum „Hero for the Planet“.

Dem Team gelingt das Unglaubliche: Sie bekommen Exemplare der kaum erforschten Art des größten Nabelschweins Südamerikas vor die Kamera. Es ist die Entdeckung eines landlebenden Großsäugers, der sich bis ins letzte Jahrzehnt vor der Wissenschaft verbergen konnte – eine zoologische Sensation.

Ein Zitat von Marc aus 2003 in einer Dokumentation: DIE EROBERUNG DES AMAZONAS – Terra X (ZDF)

„Wirklich lebensgefährlich sind hier nicht die Schlangen oder Kaimane oder Jaguare. Haupt-Todesursache im Regenwald sind Bäume, die umfallen und dich erschlagen. Besonders nach Regenfällen werden die Blätter oft so schwer, dass die Bäume einfach am Stamm durchbrechen. Wenn man in dem Augenblick da herläuft und sie einem auf den Kopf fallen, ist man in Sekundenbruchteilen tot. Aber ich finde, das ist eine schöne Art zu sterben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich sofort so sterben wollen – irgendwo hier im Regenwald.“

Amazonas-Regenwald ist in Gefahr

Der Regenwald – Alles hier, sagt Amazonas-Experte Marc van Roosmalen gern, sei anders als irgendwo sonst. Doch womöglich gehe all das verloren, bevor es auch nur halbwegs entdeckt sei.  

Belo-Monte-Staudamm

Das Staudammprojekt “Belo Monte” in Brasilien ist der Todesstoß für 60 000 Betroffene, darunter viele Ureinwohner aus 18 verschiedenen ethnischen Gruppen. Es zerstört ein ökologisch hochsensibles Regenwaldgebiet Amazoniens. Belo Monte wird 400 000 Hektar Regenwald überfluten und hunderte Kilometer des Rio Xingu beeinträchtigen, die die Lebensgrundlage sowohl für Mensch und Tiere bildet. Viele seltene Arten werden vernichtet, ehe sie je entdeckt werden konnten.

Amazonas-Indianer – Im Jahr 1989 sind die Pläne für ein Staudammprojekt im Amazonas-Regenwald so weit vorgedrungen, dass ein massiver Protest der betroffenen indigenen Gruppen notwendig geworden ist.

Eine seltene Aufnahme aus 1989:

Traditionelle Hüter heiliger Stätten aus vier afrikanischen Ländern (Äthopien, Kenia, Südafrika und Uganda) trafen sich am 28. April 2012 in Kenia, um allgemeine Richtlinien für alle traditionellen Hüter zu erarbeiten, die ebenfalls für die Erhaltung ihrer Stätten kämpfen. Zitat aus der Einleitung der Richtlinien:

„Wir sind sehr besorgt um die Erde, denn sie leidet unter zunehmender Zerstörung trotz all der Diskussionen, internationalen Konferenzen, Berichte und Statistiken sowie Warnzeichen von der Erde selbst.

Die Zukunft unserer Kinder und der Kinder aller Spezies der Erde ist bedroht. Wenn diese letzte Generation unserer Ältesten stirbt, werden wir das Wissen, wie man achtungsvoll auf diesem Planeten lebt, verlieren, falls wir nicht von ihnen lernen. Die Generation, die jetzt lebt, trägt eine Verantwortung wie nie zuvor eine Generation vor ihr. Unser Vermögen, die gegenwärtige Geldsucht davon abzuhalten, die Lebensbedingungen und die Gesundheit unseres Planeten zu zerstören, wird die Zukunft unserer Kinder bestimmen.

Wir ersuchen die Regierungen, Firmen, Gesetzesgeber und die Zivilgesellschaft, anzuerkennen, dass Afrika heilige Stätten hat und Hüter, die sie beschützen, um das Wohl des gesamten Planeten zu sichern.“

 …dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

© Copyright 2013  Netzfrau Doro Schreier

Belo-Monte-Staudamm – Die Geschichte vom Todesurteil der Menschen an der großen Biegung des Xingu-Fluße

 

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