„Mütter von Fukushima“ – Die starken Frauen von Fukushima

©Alexander Neureuter

©Alexander Neureuter

„Der Nebel des Schweigens über dem Land der aufgehenden Sonne“ 

Am 11. März 2014 jährt sich der Atomunfall von Fukushima zum dritten Mal. Wie sieht es heute aus in der Region um Fukushima? Wie hat die größte Atomkatastrophe der Geschichte den Alltag und das Leben der Menschen in Japan verändert?

IM GESPRÄCH: Chieko Shiina und Sachiko Sato, „Mütter von Fukushima“
Die starken Frauen von Fukushima 

Die beiden Frauen strahlen eine sichtbare Souveränität und anscheinend unerschütterliche Stärke aus – und sie sind sich einig: „Wir hatten ein gutes Leben, denn wir waren zufrieden mit dem, was wir erreicht hatten, und sahen einen tiefen Sinn in dem, was wir jeden Tag taten. Bis zu jenem Tag …“

Chieko Shiina, 66, fünffache Großmutter, war schon immer der Landwirtschaft verbunden. Nach ihrem Studium der chinesischen Literatur zog es sie wieder aufs Land, wo ihre Familie schon seit vielen Generationen Reis anbaute und feinen Sake-Reiswein herstellte. Sie wollte Bewährtes mit Neuem verbinden und forschte auf ihrer Farm über die Geheimnisse des biologisch-dynamischen Landbaus: stärkende Präparate für den Boden aus Mist, Heilpflanzen und Mineralien statt chemischer Dünger. „Ich lebte wirklich im Einklang mit der Natur“, erinnert sie sich, „ein einfaches Leben mit Holzofen statt Heizung und mit Kuhmist statt Komfort, aber ich war glücklich.“ Bis zu jenem Freitag, dem 11. März 2011, dem Tag, der ihr Leben unwiederbringlich zerschneiden sollte.

„Als die Pressekonferenzen des Regierungssprechers im Fernsehen liefen, spürte ich instinktiv, dass TEPCO und die Regierung etwas verschweigen und verheimlichen. In den nächsten Tagen kamen über E-Mails, Blogs und ausländische Online-Nachrichtenmagazine alarmierende Informationen ans Licht, und wer die offizielle Verharmlosung kritisch hinterfragte, konnte nun deutlich erkennen, dass Japan vor einem großen und lang andauernden nuklearen Problem stand.“

Ihre Farm wurde durch den Atomunfall so stark verstrahlt, dass sie nicht mehr bewohnt werden durfte: „Durch den Atomunfall haben wir die elementaren Grundlagen jeder lebenswerten Existenz verloren: reine Luft, sauberes Wasser und gesunde Nahrung. Als ich meine Farm verlassen musste, wusste ich, dass ich mich gegen die Atomkraft engagieren muss. Meine Kinder waren aus dem Haus, die Landwirtschaft hängte ich an den Nagel und nun arbeite ich als Anti-Atom-Aktivistin. Aber voller Stolz trage ich immer noch meine traditionelle ländliche Tracht, egal ob zu Hause in Fukushima oder auf Reisen – ich werde nicht vergessen, woher ich stamme. Ich bereue eigentlich nur, dass ich die Gefahren der Atomenergie nicht schon früher wahrgenommen habe und dagegen politisch aktiv wurde.“

Ihr Handy klingelt: Eine amerikanische Zeitungsredaktion bittet um ein kurzes Statement zu einem Bericht der WHO, die keine nennenswerten Gesundheitsgefahren durch den Atomunfall sieht. Chieko Shiina hört geduldig zu und verweist dann auf die Arbeit der privat finanzierten „Collaborative Clinic of Fukushima“, die sie mitgegründet hat. Jeden Tag untersuchen dort namhafte Krebsspezialisten Kinder aus der Präfektur Fukushima und müssen häufig bei ihnen Gewebeveränderung in den Schilddrüsen feststellen, die aber bei Kontrolluntersuchungen in anderen Gebieten Japans nicht zu finden sind. Sobald eine genügend große Anzahl vorliegt, werde man eine eigene, unabhängige Studie vorlegen. Als sie das Telefonat beendet, liegt ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht: Sie freut sich darüber, dass der neue Atomwiderstand zunehmend ernst genommen wird und langsam eine erste, zarte Stimme in den weltweiten Medien erhält.

Der Preis für ihr selbstloses Engagement ist ein neues, unruhiges und rastloses Leben: Sie campierte zusammen mit Occupy-Mitgliedern monatelang in einem Zelt auf dem Gehweg vor dem Wirtschaftsministerium in Tokio, um ihrer Forderung nach einem schnellen Atomausstieg noch mehr Nachdruck zu verleihen. Gestern noch hielt sie eine Rede vor Demonstranten in Tokio, heute sitzen wir zum Gespräch in Fukushima City, nächste Woche wird sie zu einer Reise nach Europa aufbrechen, um dort über die Situation in Fukushima zu berichten und neue Kontakte zu Atomkraftgegnern zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen.

„Als ich 2011 das Bündnis der „Mütter von Fukushima“ gründete, hätte ich nie zu träumen gewagt, damit die Keimzelle des neuen japanischen Anti-Atom-Protests ins Leben zu rufen. Aber anders als in Europa und Amerika sind es in Japan besonders die Mütter, die sich vor der Kernkraft fürchten, sich dagegen engagieren und inzwischen auch zusammentun. Ich werde für den Rest meines Lebens meinen Kampf gegen die Atomkraft nicht aufgeben. Und mir ist sehr wohl bewusst: Wie bei jeder Bewegung in der Natur gibt es auch für die Anti-Atom-Bewegung abwechselnd Ebbe und Flut. Ich bin bereit, gehen wir‘s an.“

Sachiko SatoSachiko Sato, dreifache Mutter und zweite Gründerin der „Mütter von Fukushima“, knüpft daran an: „Wir Mütter sind sehr viel kritischer gegenüber den möglichen gesundheitlichen Gefahren der radioaktiven Strahlung. Ich denke, dass Mütter einen ausgeprägten Instinkt dafür haben, was ihre Kinder und ihre Familien bedroht, und auch sehr viel schneller und sensibler erkannt haben, wie die allgegenwärtige Radioaktivität hier in Fukushima unser Leben gefährdet. Wahrscheinlich, weil Mütter ihren Kindern das Leben schenken und dadurch ein direkteres Verhältnis zum Leben haben.“

Auch sie hatte bis zum 11. März 2011 einen weithin bekannten Bio-Bauernhof, durch den sie zahlreiche Verbindungen zu umweltbewussten und eher atomkritischen Menschen knüpfen konnte. Auch sie musste ihre verstrahlte Farm nach dem Atomunfall aufgeben und verlassen. „Nach der Katastrophe wusste ich sofort, dass ich mich politisch einmischen muss, auch wenn ich so etwas vorher noch nie gemacht hatte. Als Erstes setzte ich mich einfach nur daran, alle Umweltfreunde, die ich kannte, zusammenzubringen und damit eine Art atomkritisches Netzwerk zu schaffen,“ blickt sie lächelnd zurück.

„Eine besondere Herausforderung war und ist für uns, dass alle japanischen Medien finanziell von den Stromkonzernen abhängig sind. Daher dürfen sie die Kernenergie nicht kritisch sehen und verbreiten immer noch wie eine Art Sprachrohr der Regierung und der Atomindustrie den Slogan „Atomkraft ist sicher“. Wir können daher nicht auf die klassischen Medien zählen und müssen für unseren Widerstand neue Formen der Informationsverbreitung – überwiegend über das Internet – finden, damit auch wir unsere Position angemessen darstellen können. Die japanischen Bürger müssen endlich aus dem Windschatten der Regierungsmeinung ausscheren, selbst ein kritisches Problembewusstsein entwickeln und die Atomkraft hinterfragen – doch dieses Erwachsenwerden wird lange, lange dauern. Ob wir diese Zeit haben, weiß ich nicht.

Oft denke ich an den Film „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki. Darin geht es um das Leben in einer völlig zerstörten Umwelt. Alles ist verseucht, Menschen können sich nur in Schutzanzügen und Atemmasken im Freien bewegen. Der Film zeigt die Menschen, die wegen ihrer Gier nicht in Frieden leben konnten und dadurch ihr Leben selbst zerstörten. Ähnlich ergeht es uns im Moment selbst: Durch die moderne Ökonomie des ständigen Wachstums ist viel von unserem natürlichen Lebensraum geopfert worden, viele Böden und landwirtschaftliche Flächen wurden versiegelt und bebaut oder zumindest mit Schadstoffen belastet.

Mein Wunsch ist, dass die Menschen über die Qualität ihres Lebens noch einmal nachdenken. Auch wenn wir weniger Geld haben, könnte unser Leben vielleicht friedvoller, erfüllter und vor allem mehr im Einklang mit der Natur sein.“

Als zentrale Motivation für ihr politisches Handeln sehen beide Frauen die Kinder in Japan und der ganzen Welt. Sachiko Sato erklärt ihre schlimmsten Befürchtungen: „Als meine erste Tochter 1987 zur Welt kam, waren schon ungefähr 25 Prozent der Neugeborenen in Japan an Neurodermitis erkrankt. Vor 16 Jahren sagte mir die Krankenschwester nach der Geburt meiner zweiten Tochter, dass sie ein Kind mit einer so gesunden Haut schon lange nicht mehr gesehen habe, weil damals bereits 75 Prozent aller Neugeborenen an Neurodermitis litten.

Heute plagt diese Hautkrankheit fast jedes Kind in unserem Land. Die Ursache wird im Zusammenspiel verschiedener chemischer Substanzen in unserer Umwelt vermutet – z. B. Pestizide oder Konservierungsstoffe. Ich befürchte in den nächsten Jahren einen ähnlichen Anstieg von Leukämie und anderen Krebserkrankungen bei den Kindern.“

Chieko Shiina nimmt diesen Gedanken auf und appelliert an die Europäer und Amerikaner: „Auch die Deutschen, die Engländer, die Franzosen, die Amerikaner und viele andere mehr haben Atomkraftwerke in ihrem Land – und auch diese Atomkraftwerke können jederzeit außer Kontrolle geraten. Ich sehe es als eine Pflicht der unter dem Atomunfall leidenden Einwohner von Fukushima an, die Menschen in aller Welt auf diese fast vergessene Gefahr in ihrer eigenen Nachbarschaft aufmerksam zu machen, denn sowohl die wirtschaftlichen Interessen der Atomindustrie als auch der radioaktive Fallout kennen keine Grenzen.“

Bildunterschrift 1: Chieko Shiina musste ihren verstrahlten Bio-Bauernhof aufgeben und ist jetzt eine der Galionsfiguren des japanischen Atom-Widerstands.

Bildunterschrift 2: Sachiko Sato hat die „Frauen von Fukushima“ mitgegründet und ist eine der führenden Anti-Atom-Persönlichkeiten.

© Alexander Neureuter

Der Nebel des Schweigens über dem Land der aufgehenden Sonne

Buch-VorderseiteOhne jede Vorwarnung brach am 11. März 2011 die Dreifach-Katastrophe über Japan herein und forderte auf einen Schlag 19 000 Menschenleben: Die Hauptinsel Honshu wurde von einem Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert, der folgende Tsunami riss mit seiner bis zu 30 Meter hohen Flutwelle noch mehrere Kilometer landeinwärts alle Häuser, Fabriken, Fahrzeuge, Menschen und Tiere mit sich, und schließlich hielt das vor laufenden Fernsehkameras explodierende Atomkraftwerk Fukushima Daiichi die Welt tagelang in Atem.

Inzwischen ist es ruhig geworden um diese Atomkatastrophe und es scheint, als läge über Japan ein undurchdringlicher Nebel des Schweigens, der keinen Laut und keine Information mehr über die tatsächlichen und weiterhin bedrohlichen Folgen des Nukleardesasters an die Außenwelt dringen lässt.

Im Sommer 2013 begab sich Alexander Neureuter  erneut auf Spurensuche: Drei Wochen lang war er in Japan unterwegs, er- und befuhr insbesondere die Präfektur Fukushima auf über 4000 Straßen- und Schienenkilometern, konnte bewegende Momente und schonungslose Einblicke in 17 000 Bildern fotografisch festhalten und durfte 87 Menschen begegnen, deren Leben auf unterschiedliche Weise von der außer Kontrolle geratenen Kernspaltung in Fukushima gespalten wurde – in ein Leben vor und in ein Leben nach dem Atomunfall.

Alexander Neureuter ist ein Leser unserer Netzfrauen und bot an, inhaltlich etwas beitragen zu wollen. Dem sind wir, die Netzfrauen, gern nachgekommen. Wir alle haben den gleichen Wunsch: Fukushima darf nicht in Vergessenheit geraten.

„Fukushima 360º – Das atomgespaltene Leben der Opfer vom 11. März 2011“

44 Foto-Reportagen von Alexander Neureuter – 204 Seiten, 158 meist großformatige Farbfotografien
 Flex-Cover, Fadenbindung, schweres Bilderdruckpapier 26,0 x 29,7 cm, 1.320 Gramm
 ISBN 978-3-00-044733-4  Nähere Informationen: finden Sie hier 

Alexander Neureuter wurde 1965 in Weert in den Niederlanden geboren und wuchs im Landkreis Lüchow-Dannenberg auf – keine 20 Kilometer vom Atommüllzwischenlager Gorleben entfernt. Nach seinem Jurastudium war er als Executive Manager über 20 Jahre lang bei multinationalen Konzernen wie Daimler-Benz, AXA und Microsoft in Europa, den USA und Indien tätig. Seit 2008 hat er seine heimliche Leidenschaft zum Beruf gemacht: Er arbeitet nun als freier Journalist und Fotograf mit dem Fokus auf Umweltthemen und Landschaftsfotografie und ist Redakteur des Wendland-Magazins „LANDLUFT“. Der Umweltjournalist lebt heute wieder im Wendland und arbeitet insbesondere an den Themen „Atomenergie“, „Erdgas-Fracking“, „Braunkohle-Tagebau“ und „Chemie-Altlasten“. Ein Hauptthema seiner Arbeit ist das Engagement gegen das Vergessen der Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima. So war er unter anderem im Mai und Oktober 2011 zwei Wochen lang in der evakuierten Sperrzone von Tschernobyl unterwegs und recherchierte im Mai 2013 drei Wochen lang in der Präfektur Fukushima, um über das Leben der Atomflüchtlinge zu berichten.

Alexander Neureuter, born in 1965, worked as executive manager with several blue chip companies like Daimler-Benz, AXA Insurance and Microsoft for more than 20 years. With Microsoft he moved for six years to the corporate headquarters in Seattle (USA) and finally joined Microsoft in New Delhi (India) for three years as Director Business Planning and Business Operations.In 2008, he turned his lifelong passion for photography into a profession: He now works as a freelance photo journalist and writer with focus on environmental issues and travel.  A major theme of his work is the commitment against forgetting the nuclear disasters of Chernobyl and Fukushima, so he spent two weeks in the evacuated exclusion zone of Chernobyl (May and October 2011) and traveled for three weeks within the Fukushima prefecture (May 2013), to report on the life of the nuclear refugees after the Fukushima disaster. He gained wide recognition for his lectures, photo exhibitions (on Chernobyl and on the general risks of nuclear power) and photo books about the almost forgotten nuclear catastrophe of Chernobyl. In 2012, press and public acknowledged his startling research on the almost unknown legacy of mercury and radium as byproducts of gas fracking in former Eastern Germany: Due to the increased public awareness and pressure, all of the hazardous gas production claims are now decontaminated and finally will be completely restored.

Weitere Informationen zu Fukushima 

„Nuclear Ginza“ – JAPAN, wie wir es nicht kennen

1,000 days after Fukushima: Der Brief einer japanischen Mutter – Letter from a Fukushima mother

FUKUSHIMA – Demonstranten in Japan fordern den weltweiten Ausstieg aus der Kernkraft und die Medien schweigen

Fukushima: Es gibt keine Rettung! Es wird hunderte Jahre dauern!

Was am 13.3.2011 in Fukushima wirklich geschah – Eine ernsthafte Bedrohung für die ganze Umwelt und Menschheit

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