Frühlingsbotschaft

Die nachfolgende Frühlngsbotschaft von Leo N. Tolstoi (Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi) bedarf wohl kaum einer weiteren Erklärung. Sie ist eine Erinnerung an das eigentlich Offensichtliche:

Der Frühling ist da!

 
Wie sehr die Menschen sich mühten, nachdem sich einige Hunderttausend von ihnen auf einem kleinen Raum angesammelt hatten, die Erde, auf die sie sich drängten, zu verunstalten, wie sehr sie den Boden mit Steinen zurammten, damit nichts darauf wüchse, wie eifrig sie ihn von jedem hervorbrechenden Gräschen reinigten, wie sehr sie mit Steinkohlen, mit Erdöl die Luft verpesteten, wie immer sie die Bäume beschnitten, alle Tiere und Vögel verjagten – der Frühling war Frühling, sogar in der Stadt.

Die Sonne wärmte, das junge Gras wuchs, grünte überall, wo immer man es nicht weggekratzt hatte, nicht nur auf den Rasenstücken des Boulevards, sondern auch zwischen den Steinplatten; Birken, Pappeln, Traubenkirschen entfalteten ihre klebrigen, duftigen Blätter; die Linden schwellten ihre berstenden Knospen; Dohlen, Spatzen und Tauben bereiteten schon frühlingshaft-fröhlich ihre Nester; und Bienen und Fliegen summten, von der Sonne erwärmt, an den Wänden.

Fröhlich waren die Pflanzen, die Vögel, die Insekten, die Kinder. Nur die Menschen, die großen, erwachsenen Menschen hörten nicht auf, sich selbst und einander zu betrügen und zu quälen.

Die Menschen glaubten, dass nicht dieser Frühlingsmorgen heilig und wichtig sei, nicht diese Schönheit der Gotteswelt, die zum Heil aller Wesen erschaffen ist, die Schönheit, die zum Frieden, zur Eintracht, zur Liebe geneigt macht – sondern heilig und wichtig war, was sie selbst ausgedacht hatten, um übereinander zu herrschen.

Leo N. Tolstoi

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.