
Seit Jahren kämpfen Aktivisten für die Erhaltung des Restwaldes, der neben seltenen Baum- und Pflanzenarten auch vom Aussterben bedrohte und geschütze Tierarten beherbergt.
Knapp vier Wochen nach der letzten Räumung besetzten Aktivisten aus aller Welt den Wald wieder – getreu ihrem Motto: „Nach der Räumung ist vor der Besetzung“. Ein Bericht mit vielen Fotos…
Im Hambacher Forst, der Überlieferungen nach etwa 12 000 Jahre alt sein soll, wachsen Hainbuchen, Stieleichen und die seltene Winterlinde. Zudem beherbergt der Wald seltene und geschützte Tierarten wie Springfrosch, Haselmaus und Mittelspecht. Auch eine Kolonie der vom Aussterben bedrohten Bechsteinfledermaus hier zu Hause, ebenso wie weitere Fledermausarten. (Quelle: BUND)
Am 26. April 2014, dem 28. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl, besetzten die Aktivisten den Wald wieder – zum vierten Mal. In ihrem Blog schreiben sie:
„An diesem Tag vor 28 Jahren ereignete sich die nukleare Katastrophe in Tschernobyl. Wir können und wollen die Kämpfe gegen Kohle und Atom nicht voneinander trennen. Denn es reicht weder aus, Atomkraftwerke herunterzufahren und dafür auf Kohleenergie zu setzen; genauso wenig, wie es genug wäre, Kohleabbau und -verbrennung zu stoppen, nur um dann den Energieverbrauch mit Atomenergie zu decken.
Es ist ein gemeinsamer Widerstand gegen Umweltzerstörung, gegen ständiges Wachstum ohne Hinterfragen der Folgen desselben. Es ist eine Kritik an der kapitalistischen Logik, in der alles nur in Ressourcen und Kapital eingeteilt wird.
Wir können nicht warten, bis die nächste große Katastrophe den Menschen die Augen öffnet.
JETZT muss was passieren!“
Die Bagger des RWE sind unbarmherzig. In direkter Nachbarschaft betreibt RWE den größten Braunkohletagebau Europas, dem immer mehr Wälder und Ortschaften weichen müssen, um die darunter liegende Kohle zu erreichen Der zwischen Köln und Düren liegende Tagebau Hambach ist bereits etwa 8 x 10 Kilometer groß und bis zu 500 Meter tief.
Aber wofür das alles?
Braunkohle ist ineffektiv
Kohlekraftwerke haben einen sehr geringen Wirkungsgrad (30 bis 46 Prozent).
Braunkohle ist klimaschädlich
Bei der Verbrennung von Kohle wird der enthaltene Kohlenstoff als CO2 freigesetzt und beschleunigt den Klimawandel.
Braunkohle ist umwelt- und gesundheitsschädlich
Durch die Abluft von Kohlekraftwerken entsteht ein hoher Feinstaubeintrag in die nähere Umgebung mit spürbaren Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen. Stickoxide sind z.B. ein Reizgas, das sich gesundheitsschädlich auf die Atemwege auswirkt. Zudem werden hochgiftige Stoffe (Quecksilber, Blei, Cadmium, Arsen etc.) ausgestoßen, die landwirtschaftlich genutzte Böden schädigen und langfristig Eingang in die Nahrungskette und den menschlichen Organismus finden. [Sie auch unser Artikel Bei der Verbrennung von Kohle entstehen Unmengen von Kohleasche, doch was geschieht damit?]
Und wussten Sie, dass schon beim Abbau von Braunkohle radioaktive und gesundheitsschädliche Stoffe freigegeben werden? Wen das Thema im Detail interessiert, der findet weiterführende Informationen beim BUND.
Die Aktivisten im Hambacher Forst schreiben in ihrem Blog:

Doch auch jetzt sind schon einige konkrete Folgen spürbar:
- Im Umfeld der Tagebaue und Kraftwerke ist eine wesentlich höhere Feinstaubbelastung messbar, die zahlreiche Krankheiten verursacht.
- Die Tagebaue setzen Schwermetalle frei, die sich leicht in (Grund-)Wasser lösen (keine sorge, natürlich werden die Grenzwerte angepasst).
- Der Tagebau löst riesige Mengen an radioaktiven Stoffen aus den Erdschichten
- Das Wasser wird mehrere hundert Meter tief abgepumpt, damit es nicht in den Tagebau fließt. Senkungsschäden an Häusern und Straßen entstehen, das Grundwasser schwindet und Biotope verlieren ihre natürlichen Wasserquellen und trocknen aus.
- Die Vergiftung und Zerstörung von einzigartigen Biotopen wie dem Hambacher Forst oder der Jülicher Börde“
Heute war ich persönlich vor Ort, um mit eigenen Augen zu sehen, was das für Menschen sind, die sich in über 20 Metern Höhe an einen Baum anketten und RWE und den Behörden damit den letzten Nerv rauben.
Es war ein toller Nachmittag mit sehr freundlichen Menschen unterschiedlichster Art und Herkunft. Wir trafen Franzosen und Schotten und man erzählte uns, dass auch Spanier und Kanadier im Camp aktiv seien. Das Wiesencamp wurde auf eine direkt am Wald liegende Wiese gebaut, ein Privatgrundstück, das der Besitzer, selbst Kohlekraftgegner, den Aktivisten zur Verfügung stellt. Mehrfach wollte man den guten Mann zwingen, sein Grundstück räumen zu lassen, er wurde auch schon mit Bußgeldern belegt, aber er nimmt es gelassen und bleibt streitbar.
Auf der Wiese stehen jede Menge Zelte, Bauwagen, Wohnwagen usw. Es gibt kleine Gemüsebeete, Gemälde, viele Hunde, ein manchmal freilaufendes Meerschweinchen (wie uns ein Warnschild verriet) und alles in allem vermittelte der Platz den Eindruck, von sehr friedliebenden, kreativen und naturbewussten Menschen bewohnt zu sein.

Wir kamen zu einer Lichtung, auf der ein kleines Grüppchen junger Leute auf dem Boden und auf Stämmen saß und sich unterhielt.
Ein Kletterer war schon auf halber Strecke einen Baum hoch, auf dem ganz hoch oben eine Plattform befestigt war.

Die aktuelle Lage sei entspannt. Gestern, da sei neben der Baumbesetzung ja noch eine Demonstration gelaufen, da sei ziemlich viel Polizei gewesen. Aber es würde immer weniger. Bei der allerersten Räumung seien es gut 600 Polizisten auf 23/24 Aktivisten gewesen, schon ziemlich unverhältnismäßig. Das sei es jetzt immer noch, aber eben nicht mehr ganz so schlimm. Gestern nach der Demo seien viele der Polizisten noch in den Wald gekommen zur „Ortsbesichtigung“.

Nicht erst seit diesem Nachmittag, aber gerade jetzt, fände ich das sehr schade. Die Menschen, die wir da vor Ort trafen, die sind schon richtig: freundlich und aufgeschlossen und kämpfen unermüdlich für diesen Wald. Einen Wald, für den wir eigentlich alle kämpfen müssten. Einen wunderschönen Wald, im dem ich gerne auch später noch mit meinen Enkelkindern spazieren gehen möchte. Einen Wald, den ich bestimmt in der nächsten Zeit öfter besuchen werde.
Denn nicht nur, dass nach der Räumung vor der Besetzung ist, leider ist es auch andersherum: Nach der Besetzung ist vor der Räumung.
Wer die Aktivisten unterstützen möchte in ihrem friedlichen Protest gegen die Vernichtung des Waldes und gegen die weitere Verschmutzung und Zerstörung unseres Lebensraums und dem vieler Tiere und Pflanzen, der hat dazu verschiedene Möglichkeiten.
Die Wichtigste davon ist wohl die, in den nächsten Tagen vermehrt den Hambacher Forst aufzusuchen. Man kann dort fragen, wie man aktiv helfen kann. Oder man geht einfach eine Runde spazieren, bewundert den Wald, wechselt ein paar nette Worte mit den Aktivisten und zeigt so Solidarität. Diese Unterstützung ist bitte nicht zu unterschätzen, gerade im Hinblick auf eine anstehende Räumung!
Warum also nicht mal mit dem Kinderwagen eine Runde durch den Forst statt durch den Park, den Junior mal durch die Wildnis streifen und die „Waldhelden“, wie wir sie nennen, bewundern lassen. Warum nicht mal den Hund im Hambacher Forst Gassi führen, die Hunde der Aktivisten sind prima sozialisiert und wirklich lieb.
Und wenn man sowieso zum Camp fährt oder wandert, kann man (muss man nicht) auch etwas mitbringen, das die Bewohner brauchen können. Auf dem Blog findet Ihr eine Liste dessen, was genau gebraucht wird und weitere Möglichkeiten, die Aktivisten zu unterstützen.
Ganz konkret wird wohl auch immer eine Fahrgelegenheit gesucht, z. B. jemand, der sich bereit erklärt, in einer Buirer Bäckerei Brot abzuholen und zum Camp zu bringen oder jemand mit einem größeren Wagen oder PKW mit Anhänger, der hilft, Baumaterial o. ä. zu transportieren. Wer bereit ist, die Trinkwasserkanister der Camper aufzufüllen, darf sich auch gerne melden. Immer gebraucht werden außerdem Kabel, Seile, alles, was man zum Bauen oder Befestigen benutzen kann, Regenkleidung und seit der letzten Schikane seitens der Polizei…
„Heute, am frühen Morgen des 20. 03.2 014, so gegen 7:00 Uhr, stürmte eine Hundertschaft der Polizei auf die Wiesenbesetzung des Hambacher Forstes und beschlagnahmte im Zuge eines „Durchsuchungsbefehls“ alle vor Ort befindlichen elektronischen Geräte (Handys, Computer, Steckdosenleisten, …). Gegen 12 Uhr war der Einsatz beendet.

Ab 10 Uhr wurde die Polizeiaktion dann beobachtet von Unterstützer_innen aus dem näheren Umfeld der Besetzung. Ob es bislang Verhaftungen gab, können wir derzeit nicht sagen, da sich der Kontakt zu den Menschen vor Ort auf Grund der Beschlagnahmungen der Kommunikationsmittel schwierig gestaltet.

Und das war nicht die letzte Schikane: Am 23. 04. 2014 räumte die Polizei „unter Aufgebot von Maschinen und Gewalt drei völlig unschuldige Kompostklos“. Lassen Sie sich um Himmels Willen nicht dieses Video entgehen:
Und jetzt raten Sie mal, von wessen Steuergeldern derart unnütze Großeinsätze bezahlt werden? Wer bitteschön denkt sich denn sowas aus???
…naja, auf jeden Fall können seit diesem Tag auch ausgediente Handys oder Laptops, Blöcke und Stifte gut gebraucht werden.
Dies wird sicher nicht mein letzter Artikel zum Thema sein, unter anderem deshalb, weil ich direkt „am Loch“ wohne und auf die ganzen netten Nebenwirkungen des Braunkohleabbaus wie z. B. das erhöhte Lungenkrebsrisiko für mich und meine Familie verzichten kann. Und auch das Gemüse aus meinem Garten würde ich gerne noch mit gutem Gewissen essen können.
Netzfrau Andrea Wlazik
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