Was ist eigentlich „positiver Rassismus“?

obamas_wiederwahl_1838295Der Begriff „positiver Rassismus“ ist nicht neu. Was er aber bedeutet, ist vielen nicht klar. Wie kann denn Rassismus positiv sein?

Ist er auch nicht! Auch dann nicht, wenn man ihn positiv nennt…

Unsere amerikanische Netzfrau Maria May schildert eine „Begegnung der dritten Art“ und erklärt, wie für sie „race“, eines von vielen Gesichtern des „positiven Rassismus“ aussieht.

In einem verdunkelten Hörsaal stand vorn ein Mann mit nacktem Oberkörper, mit zwei weißen Streifen auf jedem Backenknochen, einem Stirnband, und hellem Haar. Der Saal war dunkel und ein Scheinwerfer war auf den Mann gerichtet, der hip-hop-artige Verse deklamierte und dabei herumsprang und gestikulierte. Simultanübersetzungen erschienen (teils zu früh, teils zu spät, und manchmal simultan) auf die Tafel des Hörsaals projiziert.

Ich war zu einer Abendveranstaltung der „Brazil Week” meiner Universität gegangen – eigentlich hatte ich zu wenig Zeit und war zu spät gekommen.

Ich wusste nichts über den Mann, außer dass ein Dichter namens Chacal angesagt war. In den ersten Minuten dachte ich, es ist ein junger Mann – vielleicht weil er schlank war, weil seine nackten Schultern gespannte Muskelstränge zeigten, während er hin und her sprang und die Arme hochwarf, und weil seine Bewegungen schnell und energisch waren.

Nach einiger Zeit sah ich, dass sein Bauch ein bisschen hing, dass die Haare weiß und nicht blond waren, und dass er tiefe Furchen im Gesicht hatte. Die Verse handelten von Ereignissen in den 70er und 80er Jahren – von Poesiebewegungen die unter Brasiliens Militärdiktatur entstanden, von Dichtung als Widerstand, von Festen und von Karneval (daher das Kostüm als Indianer mit Streifen auf den Backen). Er schien Lebensfreude, sogar Ekstase als Widerstand gegen Folter zu empfehlen. Er sprach von „arbeiten und dabei glücklich sein.” Worte aus purer Poesie – ein Ziel, ein Traum.

Ich begriff, dass er ein Mann in seinen 60ern, vielleicht sogar 70ern sein muss, und dass er Gedichte aus seiner Jugend vortrug, die als Performance geschrieben und aufgeführt worden waren. Ich nahm mir vor, mir zu merken, dass ältere Männer auch schön sein können.

Nach der Vorstellung sah ich meine Freundin Rosa im Publikum, die auch im Widerstand gegen die brasilianische Militärdiktatur gewesen war. Ich hatte meinen Fotoapparat dabei, und machte Fotos von ihr, ihn umarmend, mit ihm Arm in Arm. Aus der Nähe waren seine hellblauen Augen sichtbar, das weiße Haar und die tiefen Falten. Er lächelte offen und froh. Ich fragte, ob sie ihn von früher kennt, weil sie wie er aus Rio de Janeiro ist. Sie sagte nein, aber dass sie von seiner Bewegung wusste. Sie selbst war im politischen Untergrund gewesen, festgenommen und gefoltert worden. Darüber spreche ich nie mit ihr. Manchmal sagt sie einen Nebensatz darüber.

Dann kam eine Freundin von Rosa, Amerikanerin, Fotografin und Künstlerin, wohl Mitte sechzig, mit kurzem rotbraun gefärbtem Haar, das gut zu ihren rotbraunen Augenbrauen und hellbraunen Augen passte. Sie trug einen grünen Schal um die solide Brust gewunden, aber das Künstlertum war nicht dick aufgetragen. Sie war gerade von einer Reise nach Mexiko und Italien zurück. Sie sprach davon, dass sie sich erst wieder daran gewöhnen müsse, wie schlecht es hier in den USA sei. Sie sagte „bad.” Sie schaute mich an, Zustimmung voraussetzend. Ich musste sie zweimal fragen, was speziell sie meinte. Dann sagte sie: „Ja, dass wir einen wunderbaren Präsidenten haben, und so einen furchtbaren Kongress.” Ich sagte zu ihr, dass ich anderer Meinung sei.

Hier muss ich einfügen, dass US-Amerikaner das Äußern einer gegensätzlichen Meinung als potentiell sehr unhöflich ansehen. Bei der Arbeit ist es ratsam, zuerst die Zustimmung zu bisher Gesagtem zu betonen und dann eine alternative Interpretation vorzubringen. Dies ist bei der Arbeit hilfreich, da Kollegen und Teammitglieder sich nicht gegenseitig ausgesucht haben, sondern von den Umständen zusammengebracht wurden, und jedes Mittel, persönliche Reibungen zu minimieren und sich auf die Sache zu konzentrieren, hilfreich ist.

Wir waren aber nicht bei der Arbeit, sondern waren freiwillig am selben Ort. Ich sah keinen Grund, zuerst ein Einverständnis zu betonen, bevor ich der Künstlerin sagte, dass ich Präsident Obama auf seine Art auch als furchtbar ansehe. Sie schaute mich verständnislos an. Deshalb sagte ich ihr, dass ich das Führen einer Liste, auf der ein Mensch ankreuzt, wer als nächstes von Raketen aus Drohnen getötet werden soll, als moralisch furchtbar empfinde. Ich erwähnte auch die 2 Millionen Menschen, die Präsident Obama deportiert hat, und damit etwa eine Million Kinder zu Deportationswaisen gemacht hat – mehr als irgend ein Präsident in der amerikanischen Geschichte.

Ich sagte, dass viele auf die Straße gehen würden, wenn ein republikanischer Präsident dieselbe Politik verfolgte, aber weil es Präsident Obama ist, gibt es viele, die wie auch sie, Taten wie den Drohnenkrieg akzeptieren.

In diesem Augenblick begann sie mich anzuschreien, was ich ihr unterstellen würde, wen ich denn gewählt hätte, ich sei ja Republikanerin, Präsident Obama sei ein echter Demokrat, der Kompromisse sucht, Präsident Obama sei ein guter Mensch, sie bräuchte gar nicht mit mir zu sprechen, sie spräche nur mit mir, weil ich eine Freundin von Rosa sei, es sei ihr egal, wer ich sei, – etc. Dies ging etwa eine Viertelstunde, was lang ist. Derweil stand vorne noch der Dichter und sprach mit jungen Brasilianern, die ihn vielleicht zu Hause nie gehört hatten, und der Ältere und die Jungen freuten sich. Die Amerikanerin tobte – uncharakteristisch, wie gesagt.

Auf der Heimfahrt dachte ich nach: welches war genau der wunde Punkt, den ich berührt hatte, um einen solchen Anfall auszulösen?

Durch die Obama-Präsidentschaft habe ich vieles über “race” in den USA gelernt. Man muss das Wort mit “Rassenpolitik” übersetzen, aber eigentlich gibt es kein gleichbedeutendes deutsches Wort. Es hat etwa 15 Jahre gedauert, bis ich nur ein bisschen anfing, einen Begriff von “race” zu bekommen. Leicht zu lernen durch die Obama-Präsidentschaft war: dass Millionen Weiße tatsächlich Obama hassen, weil er, ein schwarzer Mann, sich anmaßt, Präsident zu sein. Dass Millionen Schwarze (die sich ansonsten nur als Kriminelle, Sportler oder Rapper in den Medien sehen) Obama lieben, weil er einen schwarzen Mann als oberste Autorität – “Commander in Chief” – glänzend verkörpert. Länger dauerte es zu begreifen, dass Millionen andere Weiße Obama bedingungslos unterstützen, weil er zeigt, dass “race” ja kein Problem mehr ist: dass ein schwarzer Mann Präsident werden kann, ist der beste Beweis dafür, dass Schwarze ja nichts zu beklagen haben. Und erst an diesem Abend verstand ich etwas noch Komplizierteres.

“White guilt” – weiße Schuldgefühle – ist eine merkwürdige Mischung aus Gefühlen, Einstellungen und Handlungen von Weißen. Sie besteht aus Leugnen der Realität, in der schwarze Menschen in USA lebten und leben, nichts wissen wollen von dieser brutalen Realität, sich mitverantwortlich fühlen für diese Realität, diese Verantwortung von sich weisen, überfreundlich zu Schwarzen sein, mit denen man (selten) in Kontakt kommt, und sich unwohl zu fühlen wenn man mit Schwarzen in Kontakt kommt. Ich selbst halte Schuldgefühle für adäquat und sozial nützlich, wenn Unrecht geschehen ist und geschieht. Aber Schuldgefühle, die getanes Unrecht gutmachen wollen, stehen zu “white guilt” im selben Verhältnis wie Liebe zu Sentimentalität. Für die Zielperson kommt nichts Gutes dabei heraus.

An diesem Abend verstand ich, dass bedingungslose Unterstützung des Präsidenten Obama vielleicht für Weiße ein Besänftigen der “white guilt” ermöglicht. So wie das zuckersüße Gespräch mit einem schwarzen Partygast allen beweist, dass ich ja nichts gegen Schwarze habe, beweist meine Unterstützung von Präsident Obama, dass ich ja kein Rassist bin – und dieser Beweis muss vehement und öffentlich sein.

Dies ist traurig – weil es bedeutet, dass Amerikaner, die vielleicht theoretisch dagegen wären, dass ein Politiker in der Welt eine offizielle Liste hat, auf der er jeden Tag ankreuzt, wer als nächster sterben soll – dass diese Menschen diesen Politiker trotzdem bedingungslos unterstützen werden. Für die eigene Schuldberuhigung. Es bedeutet, dass die Anmaßung eines Rechtes des Tötens aus der Luft und das Schweigen über Folter und Kriegsverbrechen in Irak und Afghanistan, in diesem Land nur von wenigen bezweifelt werden, solange Obama Präsident ist.

Die Regierung von Präsident Johnson brachte 1964 die brasilianische Militärjunta an die Macht. Präsident Johnson wurde für seine fortschrittlichen Bürgerrechtsgesetze berühmt.

Der Dichter Chacal ist (auf portugiesisch) hier zu hören: http://www.lyrikline.org/pt/poemas/voz-ativa-10703#.U0QF52cU-Uk

Netzfrau Maria May

Foto: Harm Bengen

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1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht könnte ein deutsches Wort für „white guilt“ Kollektivschuld sein. Etwas ähnliches kenne ich auch im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Manche Menschen behandeln behinderte Menschen höflicher aber gleichzeitig auch irgendwie künstlicher oder gestellter. Es ist nicht das gleiche wie Kollektivschuld aber ich denke es sind ähnliche Beweggründe hinter den Verhaltensweisen.

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