Michael Brown – Gewalt gegen Bürger in amerikanischen Städten

Netzfrauen Ferguson

Am Samstag, dem 9. August wurde Michael Brown von einem Polizisten auf der Straße erschossen.

Michael Brown war ein 18-jähriger schwarzer Teenager, unterwegs, um seine Großmutter zu besuchen.Er lief mit einem Freund zusammen in der Mitte der Straße, so erzählte der Freund es später. Ein Polizeiauto hielt an und ein Polizist sagte zu den zwei Freunden, sie sollten auf dem Bürgersteig laufen. Er sagte es aber nicht im hier üblichen Sprachgebrauch. „His exact words were get the f—k on the sidewalk,” („Seine genauen Worte waren, schaff Dich – fuck – auf den Gehweg“), so berichtete der Zeuge (Eyewitness to Michael Brown shooting recounts his friend’s death).

Hier möchte ich ein paar Gedanken einfügen. „f—k“ ist die Schreibweise amerikanischer Medien für das Wort „fuck.“ Es wird nicht ausgeschrieben, weil es als so beleidigend, so erniedrigend für den Sprechenden oder Schreibenden,  den Hörenden oder Lesenden gilt, dass man es nur andeuten darf. Obwohl so-genannte „four-letter words“ oder „swearwords“ (Fluche, Schimpfworte) von manchen Menschen in der Umgangssprache verwendet werden, gilt für viele ein Aussprechen dieser Wörter als extrem unhöflich und respektlos. Der Polizist, der Michael Brown und seinen Freund ansprach, erklärte mit diesem Wort seine Verachtung für die beiden Bürger.

Ich habe auch schon Erfahrungen mit der amerikanischen Polizei gemacht. Es war im Rahmen des Straßenverkehrs. Einmal stand ein Freund im Halteverbot, während ich schnell in die Apotheke lief, um Medikamente für ihn zu holen. Als ich zurückkam, war ein Polizist dabei, ihn verhaften zu wollen. Ich redete schnell auf ihn ein und die Verhaftung fand nicht statt. Ein andermal fuhr ich mit kaputtem Scheinwerfer, ohne es zu merken. Ein Polizist hielt mich an und ich hatte keine Dokumente dabei. Er hätte mich auch verhaften können. – Ich merkte, dass es das Beste ist, sich gehorsam bis unterwürfig zu gebärden, wenn man ohne weitere Probleme die Interaktion überstehen will. Ich muss gestehen, dass ich so opportunistisch war, meinen Gehorsam und meine Demütigkeit in übertriebener Form zu signalisieren, damit sie nachlässig gestimmt wurden. Offenbar hatte ich Erfolg mit meinen Unterwerfungsgesten.

Was ich aber noch nie erlebt habe ist, dass ein Polizist mir sagt, wo ich laufen soll. Wie andere Bewohner meiner Stadt überquere ich die Straße bei Rot, wenn kein Auto kommt. Ich laufe in der Straßenmitte meiner Wohngegend, wenn kein Verkehr ist. Ich überquere eine Straße in der Mitte zwischen zwei Ecken, was hier verboten ist – man muss an den Straßenecken überqueren. Noch nie hat ein Polizist auch nur im geringsten Notiz genommen. Warum? Ich bin eine weiße Frau.

Weil ich eine weiße Frau bin, hat noch nie ein Polizist sich bemüßigt gefühlt, mein Fußgängerverhalten zurechtzuweisen. Noch nie hat ein Polizist „fuck“ zu mir gesagt. In meinem Alltag würde das auch einfach nicht vorkommen, auch bei einem gravierenden Verkehrsverstoß, weil ich eine weiße Frau bin. In Michael Browns Alltag und dem seines Freundes und dem von Millionen schwarzer Menschen kommt es vor. Sie müssen darauf gefasst sein. Sie müssen ständig innerlich bereit sein, dass die Vertreter des Staates ihnen aggressive Verachtung signalisieren.

Wenn Menschen als weniger wert gelten, ist ihr Leben auch weniger wert. Dies ist die Realität, mit der schwarze Menschen hier ständig konfrontiert sind. Ihr Leben und ihr Tod gelten als unbedeutend. Deshalb demonstrieren die Menschen in Ferguson, der Stadt, in der Michael Brown getötet wurde, seit zwei Wochen. Manche haben auch Geschäfte geplündert. Die meisten wollten gewaltfrei demonstrieren. Sie empören sich gegen die Realität, dass ihre Schulbildung, ihre Gesundheit, ihre medizinische Versorgung und ihr nacktes Leben in ihrem Land unwichtig sind, während gleichzeitig das Land über sich selbst verkündet „one nation, indivisible, with liberty and justice for all“ (eine Nation, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle – aus dem letzten Satz der Treueerklärung an die amerikanische Fahne, die jeden Morgen in allen Schulen rezitiert wird).

Ich lebe schon lange hier und lange wusste ich das nicht. Aber heute weiß ich es und ich sage voraus, dass der weiße Polizist, der Michael Brown sagte, „get the fuck on the sidewalk” und ihn erschoss, als Michael Brown auf der Straße weiterlief (und sich anschließend nicht ins Polizeiauto zerren lassen wollte) – dass dieser weiße Polizist für die sechs Schüsse, zwei davon in den Kopf, mit denen er den jungen Mann tötete, nicht bestraft werden wird. Vielleicht wird er versetzt. Vielleicht kommt es zu einem Prozess. Aber das Recht eines weißen Polizisten in diesem Land, einen schwarzen Mann, der nach seinem Ermessen zu wenig Unterwerfungsgesten gezeigt hat, zu töten, wird im juristischen Verfahren bestätigt werden. Das glaube ich. Ich hoffe, dass ich mich irre.

Und es ist nicht nur der Glauben an die Gleichheit aller Menschen, der mich darüber sehr traurig macht. Wie sagt die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten? „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ Übersetzt: Wir halten diese Wahrheiten für offensichtlich, dass alle Menschen (oder alle Männer?) gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten, unveräußerbaren Rechten ausgestattet sind, dass darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück sind. – Ich glaube an diesen Satz, aber selbst seine Verfasser haben nicht daran geglaubt. Sie schlossen ihre eigenen schwarzen Sklaven davon aus.

Ich bin auch nicht nur für Michael Brown traurig und seine Familie und Freunde und all die jungen schwarzen Menschen, die dies wieder mit ansehen und wieder bestätigt sehen, dass ihr Leben wenig wert ist. Ich bin auch ganz egoistisch traurig. Denn eine Gemeinschaft, in der so scharf unterschieden wird zwischen Menschenleben, die geschützt werden müssen und solchen, die straflos ausgelöscht werden dürfen, ist für alle Mitglieder gefährlich.

Wie leicht wird umdefiniert, wer geschützt ist. Wie leicht kann ich selbst eines Tages unter die Definition fallen derjenigen, die ausgelöscht werden dürfen, vielleicht weil ich an einer Demonstration teilnehme. Die Granatwerfer, Maschinengewehre und andere Militärwaffen, mit denen viele städtische Polizeieinheiten in den letzten 20 Jahren ausgerüstet wurden (z.B.newsweek.com: How America’s Police Became an Army: The 1033 Program oder  washingtonpost.com The Pentagon gave nearly half a billion dollars of military gear to local law enforcement last year ) werden mich nicht verschonen, weil ich weiß bin.

Eine Gemeinschaft, in der manche Menschen als wertvoll und andere als wertlos definiert werden, ist für alle gefährlich. Aber dem Rassismus eigen ist, dass er dies nicht weiß.

Netzfrau Maria May, USA

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Gerade eben wurde ich beschimpft weil ich einen Kommentar (Völkerverbindend) zum Afrikanischen Wrestling gemacht habe die auf der Website als Ancestral Voices Esotric Africa gilt. Ich solle zurück in meinen weissen Käfig wo man eigenes weisses Fleisch frisst! Und nach 2 Kommentare von diesen Afrikanern wurde ich gesperrt??!

  2. Da bekommt der Begriff Polizistenmord gleich nochmal eine erweiterte Bedeutung. In diesem Zusammenhang muss ich an Wolfgang Grams denken, der, schwerverletzt auf den Gleisen von Bad Kleinen liegend, von Beamten des Bundesgrenzschutzes hingerichtet wurde. Die Lizenz zum Töten hat offenbar nicht nur 007.

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