„Schweigen wie bei der Mafia“ – der tragische Tod der Luisa Bonello

Luisa Bonello1Der tragische Selbstmord von Dr. Luisa Bonello und die Versuche der katholischen Kirche, Missbrauchsfälle zu vertuschen, empört.

Sechs Tage vor ihrem Tod sprach Dr. Luisa Bonello, Fachärztin für Allgemeinmedizin in der norditalienischen Kleinstadt Savona, in einer städtischen Buchhandlung zu einigen ZuhörerInnen über das, was ihr Leben zerstört hatte. „Ich bin praktizierende Katholikin, schon immer“ sagte sie zu Anfang.

Mit Hingabe hatte sie sich in ihrer Freizeit für die Menschen ihrer Gemeinde eingesetzt, als Katechistin und Ministerin der Eucharistie war sie für die Kommunion der Kranken zuständig. Ganz besonders wichtig war ihr der gemeinsame Weg des Glaubens mit ihrem Beichtvater Don Nino Majo, in dem sie tiefe Erfüllung fand. Ihr ganzes Leben lang hatte der katholische Glaube eine zentrale Rolle in ihrem Leben gespielt. Bis sich vor etwa sechs Jahren alles änderte.

Sexuell missbraucht

Alles begann damit, dass sich Dr. Bonello in ihrer Funktion als Hausärztin zwei Patienten anvertrauten und über ihre traumatischen Erlebnisse sprachen. Sie waren von Geistlichen, die in der Diözese Savona, ihrer eigenen Diözese, Dienst taten, sexuell missbraucht worden. Und litten seitdem an den schwerwiegenden Folgen der Übergriffe.

Intervista a Luisa Bonello «Io, delusa dal mio vescovo» Interview mit Luisa Bonello „Ich war von meinem Bischof enttäuscht“

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Dr. Bonello war durch diese Aussagen derart erschüttert, dass sie nicht nur weitere Nachforschungen anstellte, um der Sache auf den Grund zu gehen, sondern sich auch umgehend an den zuständigen Bischof wandte. „Ich war naiv“, stellte sie während ihrer Rede zu den Menschen in der Savoneser Buchhandlung klar. „Ich war davon überzeugt, dass er sofort einschreiten würde“.

Doch Monsignor Vittorio Lupi tat nichts dergleichen – im Gegenteil. „Irgendwann wurde mir klar, dass er bereits über alles Bescheid wusste und in den Gesprächen mit mir lediglich herausfinden wollte, bis zu welchem Punkt ich von den Ereignissen Kenntnis haben konnte – über die er bereits vollkommen im Bilde war.“

Nach Dr. Bonellos Aussage änderte sich das Verhalten des Kirchenmannes drastisch, sobald ihm bewusst wurde, dass sie sich von einer getreuen Anhängerin seiner Kurie zu einer „pentita“, einer Reuigen, zu wandeln anschickte, die keine Ruhe geben würde, bis sie die ganze Wahrheit kannte. „Ich wurde von meinem Amt entbunden“, berichtete Dr. Bonello den Medien. Sogar von gezielten Bedrohungen erzählte sie während jenem letzten Vortrag, so habe sie einmal „Alkohol unter dem Tank ihres Autos vorgefunden“ – doch hier brach sie ab und meinte, sie fand den Vorfall seltsam, könne aber nichts Belegbares dazu sagen.

Belegt sind allerdings die Worte, die der betreffende Bischof Monsignor Lupi öffentlich zu ihren Anschuldigungen äußerte – und die haben es in sich: „Ich habe nicht die Absicht, zu den Lügen Stellung zu nehmen, die von einer Frau verbreitet werden, die Rache im Sinn hat“, ließ der Bischof verlauten. „Einer rachsüchtigen Person, die auf Grund ihrer Entfernung aus dem Eucharistischen Ministerium Lügen gegen unsere Kirche verbreitet.“ – „Bischof Lupi ist ein Mann ohne Gott. Ein Mann, der in seinem Leben niemals Erbarmen mit irgendjemandem gehabt hat“, konterte Dr. Bonello an jenem Nachmittag. „Sein Verhalten ist infam.“

Luisa Bonello gab nicht auf und schrieb einen Brief an Angelo Kardinal Bagnasco, Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz CEI und Erzbischof von Genua, Hauptstadt der Region Ligurien, in der auch Savona liegt. Seine Reaktion verstörte sie derart, dass sie ihn vor den Zuschauern in der Buchhandlung sechs Tage vor ihrem Tod als „schifezza“, widerlichen Kerl, bezeichnete.

Neben unerklärlichen Alkoholpfützen unter ihrem Auto und Verleumdungen durch den Bischof Monsignor Lupi war es offensichtlich vor allem eine Folge ihres Mutes und ihrer Aufrichtigkeit, die Luisa Bonello zerstören sollte: Die verantwortlichen Kleriker unterbanden den Kontakt zu ihrem Beichtvater Don Nino Majo, der ebenfalls bereits mit Missbrauchsvorwürfen in Berührung gekommen war – allerdings nicht als Beschuldigter, sondern als Vorgesetzter überführter und verurteilter Priester.

Plötzlich durfte sie ihn nicht mehr sehen. Dr. Bonello kam der Verdacht, Bischof Lupi und seine Vorgesetzten hielten sie in der Absicht, zu verhindern, dass sie weitere Details über Missbrauchsfälle erfahren könnte, von ihrem Beichtvater fern. Dennoch wollte sie sich nicht geschlagen geben, obwohl sie durch den ganzen psychischen Stress und Druck und weitere Faktoren, die im Lauf der Ermittlungen zutage treten sollten, bereits Symptome einer Depression zeigte.

… direkt an den Vatikan und an Papst Franziskus zu wenden

So beschloss sie, sich direkt an den Vatikan und an Papst Franziskus zu wenden. Der Heilige Vater war in seiner Stellungnahme zu den bis dahin bekannten Missbrauchsvorwürfen recht eindeutig gewesen und hatte die italienischen Bischöfe zur „größtmöglichen Transparenz“ aufgerufen. Im Februar dieses Jahres reiste Dr. Bonello mit einem dicken Dossier, das die Missbrauchsvorwürfe in der Diözese Savona dokumentierte – Gerichtsurteile, Briefe, Zeugenaussagen einschließlich des Briefverkehrs zwischen Joseph Ratzinger und den Savoneser Bischöfen, die unmissverständliche Anweisungen enthalten, die Vorfälle zu vertuschen – nach Rom.

Sie wurde im Vatikan empfangen und konnte mehrfach mit dem Papst selbst sprechen, außerdem wurde ihr ein ranghoher Prälat zugeteilt, der sich mit der Sache befassen sollte. „Assicurazioni“, Zusicherungen, seien ihr gemacht worden, so Dr. Bonello.

„Es ist absolut nichts passiert. Absolut nichts“.

Doch sieben Monate später, an jenem Nachmittag in der Buchhandlung in Savona, sechs Tage vor ihrem Tod, blieb ihr nur das ernüchternde Fazit: „Es ist absolut nichts passiert. Absolut nichts“. Von „omertà“ sprach sie, dem verhängnisvollen Schweigegebot, das in mafiösen Clans üblich ist – und offenbar auch im Vatikan. Einen letzten Hoffnungsschimmer hatte sie noch: „Wenn der Papst wirklich etwas tun will, dann wird sich das zeigen. Dann wird er Angelo Kardinal Bagnasco nicht im Amt bestätigen, sondern ihn entfernen“.

Vielleicht war es die traurige Ahnung, wie unbegründet diese Hoffnung tatsächlich war. Dr. Luisa Bonello, die sich nicht nur in einzigartiger Weise für ihre italienischen Patienten, sondern auch für Arme und Kranke in Rumänien eingesetzt hatte, erschoss sich in der Nacht vom 18. auf den 19. September 2014 gegen 1:00 Uhr früh in ihrer Wohnung in Savona mit einem Pistolenschuss in den Mund.

Kurz vor ihrem Tod schickte sie eine SMS an ihren Ex-Ehemann, die lediglich lautete: „Mauro, verzeih mir.“ Der Ex-Mann las die Nachricht erst am nächsten Morgen und fuhr sofort zu Luisa Bonellos Wohnung im Stadtteil Valloria, wo er einen Anblick vorfand, „den ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde.“

Die Polizei ermittelte, dass Dr. Bonello noch eine Stunde vor ihrem Tod mit einer Freundin telefoniert hatte, der nichts Besonderes an ihr aufgefallen war: „Sie erschien mir heiter, es ging ihr gut“, gab diese zu Protokoll. Da Luisa Bonello allem Anschein nach nur eine Stunde später ihr Leben beendete, untersuchte die Polizei die Speicher ihres Handys und ihres Computers nach Anrufen oder Nachrichten, die sie so sehr verstört haben konnten, dass sie nicht mehr weiterleben wollte. „Istigazione al suicidio“, Anstiftung zum Selbstmord, lautete der Ermittlungsansatz der Behörden.

Sie haben sie „suizidiert“

Die Ermittlungen dauern an. Die Schlagzeilen und Kommentare im Internet sind mehr als eindeutig: „L’hanno suicidata“, sie haben sie „suizidiert“, ein in der italienischen Sprache verankerter Begriff – in Bezug auf die Mafia! – für einen als Selbstmord getarnten Mord. Bisher hat die Polizei herausgefunden, dass ein Inspektor aus ihren eigenen Reihen in den Fall verwickelt ist: Alberto Bonvicini, Leiter der „Polizia Postale“ in Savona, der Luisa Bonellos emotional labile Situation ausgenutzt haben und sie um Geld und sonstige Gefälligkeiten angegangen sein soll. Bonvicini wurde nun wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen und beteuert gegenüber den Medien seine Unschuld.

Auf Luisa Bonellos Beerdigung am 25. September fand der Gemeindepfarrer von Lavagnola, Don Giovanni Lupino, deutliche Worte für die „moralische Verworfenheit“ seiner Kollegen, die Dr. Bonello knapp zwei Wochen vorher noch so verzweifelt angeprangert hatte. Er forderte Gefängnisstrafen sowie die Entfernung aus ihren Ämtern für alle überführten Priester. „In der Kirche soll wieder die Wahrheit dominieren!“ rief Don Lupino den Trauergästen zu. Ob es hilft?

Wir möchten uns verneigen vor einer Frau, die die Kraft fand, ihr „J’accuse“ in aller Deutlichkeit auszusprechen, bevor sie daran zerbrach. Wir wollen ihre Arbeit als ihr Vermächtnis lebendig halten und weiterführen.

Ist es noch nötig, für die Hypothese der „Anstiftung zum Selbstmord“ irgendwelche E-Mails oder Anrufe zutage zu fördern? Was Luisa Bonello tatsächlich das Leben kostete, ist durch ihre eigene Arbeit nahtlos dokumentiert. Sie hat sich auf tragische Weise zu den Opfern der Kirche beziehungsweise ihrer Mafia-Methoden gesellt. Sie ist ein Opfer der moralischen Korruptheit der katholischen Kirche. Man fühlt sich an den berühmten Drehbuchschreiber erinnert, den man bitten möchte, nicht so dick aufzutragen, weil kein Mensch glauben würde, dass solche Dinge tatsächlich möglich sind.

Francesco Zanardi, Namensvetter des Pontifex und Sprecher der italienischen Organisation „Rete L’Abuso“, Netz gegen den Missbrauch, stellte schon während Dr. Bonellos Ansprache in der Savoneser Buchhandlung – sechs Tage vor ihrem Tod – resigniert fest: „Wenn der Papst wirklich etwas unternehmen wollte, wäre es sehr einfach, die Bischöfe zu verpflichten, jeden Missbrauchsfall in ihrem Zuständigkeitsbereich zu melden. Das wäre der einfachste Weg. Aber leider scheint die Kirche nichts unternehmen zu wollen.“

Am 22. September 2014, drei Tage nach dem Suizid Dr. Bonellos und drei Tage vor ihrer Beerdigung, wurde „der ekelhafte Kerl“ Angelo Kardinal Bagnasco durch Papst Franziskus in seinem Amt bestätigt.

Wir haben diesen erschütterten Beitrag über den Selbstmord von Luisa Bonello und den Versuchen der katholischen Kirche, die Missbrauchsfälle zu vertuschen, sowie noch einige andere Quellen für Sie übersetzt und zusammengefasst. Original (u. a.): L’HANNO SUICIDATA? HA DENUNCIATO AL PAPA I PRETI PEDOFILI, IERI L’HANNO TROVATA MORTA IN CASA. LA PROCURA HA PERTO UN INCHIESTA

Netzfrau Katja Seel

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6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo ihr fleissigen und mutigen Frauen

    Danke für all eure Arbeit. Ich wollte auf die italienische Seite dieses Berichts und kann ihn nicht lesen ohne, dass ich ihn like – ist für mich mehr als fragwürdig.

    lg magelan

    • Hallo magelan,

      vielen Dank für das Kompliment! Uns ist hier auch ein kleiner Fauxpas passiert, eigentlich ist der Artikel keine Übersetzung von dem italienischen Artikel, sondern eine Zusammenfassung aus mehreren Artikeln und Videos. Ich fand es auch sehr fragwürdig, dass man „gezwungen“ wurde, die Seite zu liken, bzw den Artikel andernfalls nur nach Ablauf einer gewissen Zeit lesen konnte. Ich persönlich hab mich dann für’s Warten entschieden, für mich überwog dann, die Informationen zu bekommen. Aber davon abgesehen gebe ich Ihnen voll und ganz Recht.

      Viele Grüße
      Katja Seel

  2. bin auch der Meinung dass in der kath. Kirche mündige Katholiken nicht geduldet werden.
    Des wegen werden Frauen nie ihren Platz dort bekommen der ihnen eigentlich zusteht.
    Der jetzige Papst hat gute Ansätze aber leider ist der Rest ein Machtgeiles Geschwulst.
    Erst wenn sie alle vor lehren Kirchenbänken stehen werden und ihre Geldsäcke leer sein werden wird sich etwas verändern.
    Wenn Jesus noch leben würde er würde mit ihnen wie mit den Gelehrten im Tempel verfahren…..

  3. Ja, toll, dass Sie diesen Bericht eingestellt haben. Möge er viele LeserInnen finden…

    Ein Hinweis für alle Opfer von Institutionen wie die Römisch Katholische Kirche eine ist:
    http://www.eckiger-tisch.de/forum/comment-page-34/#comment-7499

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    • Liebe Frau Oetken,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich finde es sehr mutig, dass Sie so offen zu den erlittenen Verletzungen Ihrer Kindheit stehen. Es ist einfach furchtbar, was manche Menschen anderen in der sensibelsten, schutzbedürftigsten Phase ihres Lebens antun. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren Lebensweg.

      Herzliche Grüße,
      Katja Seel

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