Studie: Gesundheitsschäden in Fukushima werden unterschätzt – Study: Fukushima health risks underestimated

Fukushima5Die japanische Regierung sagt, Atomkraft wird immer noch benötigt. Umweltschützer befürchten ein neues Fukushima

Greenpeace begann die unabhängige Überwachung der Strahlung in Fukushima wenige Tage nach dem Atomunfall im März 2011 , und es hat seitdem jedes Jahr Exkursionen nach Fukushima unternommen. Die letzte Reise fand vom 24 bis zum 27 Oktober statt.

Heinz Smita , Kernphysiker, Greenpeace-Aktivist und Teilnehmer der Strahlungsüberwachungsmission, sagte ausländischen Journalisten in einer Pressekonferenz in Tokio am 30. Oktober, dass Strahlungs-Hotspots existieren in einem Gebiet von bis 60 Kilometern im Umkreis der Katastrophe.

Beispiel: Eine Straße vor einem Krankenhaus in Fukushima City „ist ziemlich verseucht“, sagte Smitai , es wurden 1.1 Mikrosievert Strahlung pro Stunde gemessen. Obwohl es sich um einen der höchsten Werte handelt, fand Greenpeace 70 andere Plätze in der Stadt, in der die Menge der zulässigen Strahlung überschritten wurde, die vom Umweltministerium mit 0,23 Mikrosievert pro Stunde angepeilt werden.

Sievert ist die Standardeinheit für die Messung der Gefahr der Strahlung, die durch den Körper absorbiert wird. Ein Millisievert entspricht einem Tausendstel Sievert, während ein Mikrosievert ein Millionstel eines Sievert darstellt. Eine typische Computertomographie kann von 2 bis 10 Millisievert Strahlung liefern, abhängig von dem Bereich, der abgetastet wird.

Strahlungs–Hotspots

Greenpeace überprüfte auch die Kontaminierung in Miyakoji und Kawauchi, den ersten beiden Orten in der 20-Kilometer-Sperrzone um die Daiichi-Anlage, in der die Regierung die Evakuierung aufgehoben hat.

Dennoch fand Greenpeace zahlreiche Punkte auf Straßen in diesen Gebieten, die das Limit von 0,23 Mikrosievert pro Stunde überschritten.

„Und wenn man die Straßen verlässt und in die Felder und die umliegenden Wälder hinein geht, steigen die Strahlungswerte sehr stark an“, sagte Jan van de Putte, ein Radioaktivitäts-Sicherheitsberater von Greenpeace, der auch in der Fukushima-Beobachtermission beteiligt ist. Die meisten dieser Gebiete wurden nicht dekontaminiert und können auch nicht dekontaminiert werden, weil das – praktisch gesehen – z.B. in einem Wald gar nicht möglich ist.

Japans Umweltministerium (MOE) bestreitet die Behauptung von Greenpeace, dass sie die Strahlenbelastung und ihrer Risiken unterschätzen. Sie weist darauf hin, dass die Strahlung in Fukushima über die Zeit hin ständig abgenommen hat, wie auch die jüngste Luft-Überprüfung der Atombehörde, Nuklear Regulation Authority (NRA), aus dem Dezember 2013 zeigte. Ein MOE-Sprecher sagte Al Jazeera, dass die Strahlungswerte „um Fukushima deutlich gesunken seien [im Vergleich zu den NRA-Messungen im Oktober 2012] auf Grund natürlichen Zerfalls, Verwitterung, und Dekontaminationsbemühungen“.

Kritiker behaupten jedoch, dass diese Ergebnisse durch Mittelwertbildung der Strahlungsmessungen zustande kommen, was bedeutet, dass die einzelnen „Hotspots“, die Greenpeace gefunden hat, unberücksichtigt blieben.

„Es kann durchaus noch Hotspots an Strahlung geben, die höher als die Durchschnittswerte sind“, sagte Ritsuo Yoshioka, Experte für Kernreaktortechnik und Sicherheit, und Präsident des Japan Functional Safety Laboratory. „Fukushima-Bewohner wollen wissen, was die Strahlungsauswirkungen in ihrer Umgebung sind“.

Die Regierung sagt, solche Überprüfungsmittel stehen bereits zur Verfügung. „Ende des Jahres 2013 zeigten individuelle Expositionsraten, gemessen mit einzelnen Dosimetern, für mehr als 93% der Fukushima-Bewohner einen Wert von weniger als 1 Millisievert“, gibt ein MOE-Sprecher an.

Natürlicher Zerfall

Im Umgang mit verschiedenen Überwachungsmethoden und deren Ergebnissen ist es wichtig, ein Gefühl von Perspektive zu erhalten, sagt Azby Brown, Mitglied von Safecast, im Interview mit Al Jazeera. Safecast ist eine unpolitische, unabhängige Gruppe zur Überwachung der Strahlen und besteht aus Freiwilligen, Strahlungsexperten, Software- und Hardware-Designer und Universitätsprofessoren.

„Ja, es ist einfach, in Fukushima und anderswo Orte zu finden, wo noch über 0,23 Mikrosievert pro Stunde zu messen sind“, sagte Brown. „Aber in fast jedem denkbaren Fall, selbst wenn nichts getan wird, um einen Ort zu dekontaminieren, wo derzeit noch 1 Millisievert pro Jahr gemessen wird, ist auf Grund des natürlichen Zerfalls nach 30 Jahren mit einer Abnahmerate von 0,5 Millisievert pro Jahr zu rechnen“.

Andererseits stimmt Brown zu, dass Fukushima-Bewohner berechtigte Klagen führen. „Während die Experten beider Seiten sagen, das erhöhte Risiko von tödlichen Krebserkrankungen dürfte mit wenigen Ausnahmen weniger als ein Prozent im Laufe ihres Lebens sein, ist das nicht der Punkt. Was zählt, ist die Ungerechtigkeit, dieses Risiko aufgebürdet zu bekommen“.

Greenpeace, das alle Kernkraft beseitigen will, präsentierte seine Erkenntnisse umgehend der Kagoshima-Präfekturregierung. Kagoshima liegt im südlichsten Teil der Insel Kyushu, wo das Kernkraftwerk Sendai steht.

Die Zentralregierung will die Sendai-Anlage und andere neu starten, um teure Erdgas- und Erdöleinfuhren verringern zu können und den Energiemix vielfältiger zu gestalten. Aber Anti-Atomkraft-Gruppen sagen, dass die Risiken unannehmbar hoch seien und zeigen auf, was in Fukushima passierte.

Nach der Debatte stimmte die Kagoshima-Präfektur-Versammlung am 7. November dafür ab, die Anlage, die von Kyushu Electric Power Company betrieben wird, neu zu starten. Eine ähnliche Entscheidung fiel eine Woche zuvor in der Satsuma Sendai Versammlung, wo die Anlage steht.

Im Anschluss an seine Entscheidung sagte der Kagoshima-Gouverneur Yuichiro Ito in einer Pressekonferenz, dass unter Berücksichtigung jedes möglichen Faktors der Neustart der Anlage erfolgen musste, und wies auf die begrenzten natürlichen Ressourcen Japans und den Bedarf der Industrie des Landes hin.

NHK, Japans öffentlicher Radio- und TV-Sender, führte zu diesem Thema vom 31. Oktober bis zum 3. November eine Telefonumfrage zu diesem Thema durch. In Satsuma Sendai stimmten 49% der Befragten zu, 44 % lehnten die Inbetriebnahme ab. Befragte aus der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks lehnten mit 58% ab, nur 34% stimmten zu. In der übrigen Provinz lag die Zustimmung bei 32%, die Ablehnung bei 57%.

Yoshioka, der Sicherheitsexperte, sagte, dass Kernkraftgegner dieser AKW-Orte erfolgreicher argumentieren könnten, wenn sie sich zusammen schließen. Er erwähnte, dass in Hakodate die Stadtverordneten-Versammlung im April Klage einreichte, um den Bau des neuen AKW Oma zu stoppen, das 23 km entfernt in der Nachbarpräfektur liegt.

Da die Betreiber von Japans 48 anderen AKWs auch für die Inbetriebnahme ihrer Anlagen kämpfen, ist es klar, dass diese Schlacht ganz am Anfang steht.

Die IPPNW analysiert in ihrem am 6. 6. 2014 veröffentlichten ausführlichen Kommentar, wie der Bericht des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe systematisch verharmlost.

Ein Statement von IPPNW ist im Video enthalten.

Original: Study: Fukushima health risks underestimated

Übersetzung eines Artikels von Al Jazeera: Netzfrau Lisa Natterer

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1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Der „Grenzwert“ von 0.23 Mikrosievert entspricht 2 mSv pro Jahr. Das ist im Bereich der Werte, die im südlichen Schwarzwald gemessen werden. In der südlichen Schweiz bis 5 mSv pro Jahr und in Guarapai, „Stadt der Gesundheit“, bis 170 mSv pro Jahr. Evakuieren? In der Stadt der Gesundheit würde wohl eher Greenpeace evakuiert.
    Und da soll der „Hotspot“ in Fukushima – einzelne isolierte Messpünktchen – mit gerade mal 10 mSv pro Jahr eine „Katastrophe“ sein?
    So einen „Kernphysiker“ kann doch wohl keiner wirklich ernst nehmen.

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