Wir sind hier, wir sind laut! Leben – ohne Gewalt!

Gewalt325. November: Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen – Alljährlich soll mit dem internationalen Gedenktag das öffentliche Interesse auf die Gewalt gegen Frauen gelenkt werden und Strategien zur Bekämpfung in den Mittelpunkt rücken.

Weltweit erfährt eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens Gewalt, in Deutschland ist es jede vierte. Alle drei Minuten ereignet sich in Deutschland eine Vergewaltigung.

Öffentliche Hinrichtungen, Missbrauch, Misshandlungen, Zwangsverheiratungen, Mädchen und Frauenhandel – Gewalt gegen Frauen lässt sich nicht als kulturelle oder religiöse Folklore entschuldigen. Es handelt sich nicht um Einzelfälle. Jeder einzelne Fall ist Teil eines Ganzen. Teil des Femizids.

Auch hier in Europa erleben unvorstellbar viele Frauen psychische, physische oder sexuelle Gewalt. Ob zu Hause, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit – Frauen sind nirgendwo vor Übergriffen geschützt!

„Ich konnte nicht schreien. Ich konnte mich nicht rühren. Ich war wie gelähmt… erstarrt…“

Sie haben Angst, sie können ihre Gefühle und Gedanken nicht zuordnen. Sie sind verletzt, schämen sich und fühlen sich darüber hinaus sehr oft auch noch schuldig. Sie schweigen!

Wie konnte es passieren, hätte ich es verhindern können? Weshalb habe ich mich nicht gewehrt? Weshalb war ich wie erstarrt? Weshalb habe ich alles über mich ergehen lassen? Warum bin ich nicht geflüchtet? Warum bin ich noch bei ihm geblieben? Warum habe ich keinem etwas gesagt?

Fragen, die sich Frauen stellen, wenn sie Gewalt erfahren. Und die wird oft gefragt, wenn die Gewalt hinter verschlossenen Türen stattfand: „Warum hast du diesen Mann nicht verlassen?“

Hier gibt es unterschiedliche Gründe, zum einen gibt es die Hoffnung, dass sich diese Tat nicht wiederholt, und viele Frauen fühlen sich mitschuldig. Hinzu kommt die Angst, alles zu verlieren, sich selbst hat das Opfer bereits verloren, wenn dann noch Kinder im Haushalt sind, wird versucht, diesen weiterhin ein Bild der sogenannten „heilen“ Welt zu bieten. Welche Mutter hat nicht Angst, ihre Kinder zu verlieren? Dann gibt es die gemeinsamen sozialen Kontakte, die mit der Zeit aufgebaut wurden, und die Ungewissheit, was kommt nach der Trennung? Vieles ist auch heute nicht in der Gesetzgebung eindeutig geklärt.

Worte wie zum Beispiel: „Wenn du etwas sagst, dann nehme ich dir deine Kinder.“ – oder – „Wenn du was sagst, dann passiert etwas Schlimmes.“
Gewalt geht fast immer einher mit psychischer Gewalt. Ob also nun sexuelle Gewalt oder psychische Gewalt, beides führt dazu, dass Frauen die Kontrolle über ihr eigenes Leben verlieren, und diese Kontrolle muss sie wieder gewinnen. Ein langer Prozess, denn was bleibt, sind die Narben auf der Seele.

Frauen, die häusliche Gewalt erfahren mussten, stehen im Gegensatz zu von Unbekannten vergewaltigten Frauen in einer anderen Beziehung zum Täter. Sehr oft kommt es zu einem Wechsel zwischen Gewalttätigkeit und scheinbarem reuevollem Schuldbewusstsein. Schließlich stand am Anfang der Beziehung die Liebe, es war vielleicht sogar der Traummann, mit dem die Frau den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Die schönen Szenen mischen sich mit dem schrecklich Erlebten.

Und wie in der Natur zieht sie sich wie ein verletztes Tier in eine Höhle zurück, sucht Schutz und hofft, dass die Gewalt ein Ende hat. Blaue Flecken im Gesicht werden überschminkt und das blaue Auge gern mit eigener Tollpatschigkeit erklärt. Sie möchte nach außen ihr Gesicht wahren, möchte als eine selbstständige Frau wahrgenommen werden, nicht zeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Möchte sich nicht erklären müssen, sondern möchte ihren Kindern ein liebevolles Zuhause bieten. Sie schweigt, sie verschweigt, wäre der richtige Ausdruck dafür. Noch immer kommt es vor, dass Opfer aus häuslicher Gewalt wie Aussätzige behandelt werden. 

Fragen Sie sich, wie Sie reagieren würden, wenn Sie von einer Frau erfahren, dass diese in einem Frauenhaus wohnt. Das soziale Umfeld spielt auch immer eine Rolle, wann sich eine Frau dazu entschließt, ihr Schweigen zu brechen, den Partner anzuzeigen und sich Hilfe zu suchen.

Genau hier müssen wir „Flagge“ zeigen. Wir müssen zeigen, dass Täter keine Chance haben, und wir müssen die entsprechenden Rahmenbedingen schaffen. Nicht so leicht in der von Männern dominierten Welt. Und schauen wir uns doch an, was in dieser Welt zählt: Das sind die Gewinner, für Verlierer gibt es keinen Platz. Misshandelte Frauen fühlen sich aber wie Verliererinnen. Sie haben versagt, sie fühlen sich gedemütigt und sie wurden „gebrochen“.

Allein der soziale Abstieg ist für jedes Opfer eine Herausforderung. Was sie danach erwartet, ist der lange bürokratische Weg, den eine Frau nach der Trennung zu gehen hat, unvorstellbar!

Gewalt gegen Frauen muss ein Ende haben

Staaten sollen in Zukunft die Rechte von Frauen genauso schützen wie die von Männern.

Die mehr als 2000 Vertreter von fast 200 Regierungen verabschiedeten in New York auf der 57. Tagung vom 04.-15. März 2013 eine Erklärung, die die Pflicht der Staaten festschreibt, die Rechte von Frauen und Mädchen genauso zu schützen wie die von Männern und Jungen.

„Frauen 2000: Gleichstellung, Entwicklung und Frieden für das 21. Jahrhundert.“ Entwurf der vereinbarten Schlussfolgerungen, vorgelegt von der Vorsitzenden der Kommission, Frau Marjon V. Kamara (Liberia), auf der Grundlage informeller Konsultationen. [Die Beseitigung und Prävention aller Formen der Gewalt gegen Frauen und Mädchen lesen Sie hier: http://menschenrechte-durchsetzen.dgvn.de/fileadmin/user_upload/DOKUMENTE/UN-Dokumente_zB_Resolutionen/Erkl%C3%A4rung_Gewalt_gegen_Frauen.pdf]

Neben Ägypten und dem Vatikan hatten der Iran, Saudi-Arabien, Katar, Libyen, Nigeria, Sudan und Honduras, Vorbehalte gegen die Erklärung. Ihnen passte es u. a. nicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht durch Sitten, Traditionen oder religiöse Ansichten gerechtfertigt werden kann. Am Ende der Verhandlung unterschrieben auch diese Länder das 18-seitige Dokument.

In der Erklärung wird Gewalt gegen Frauen und Mädchen verurteilt, zudem soll die Aufmerksamkeit erhöht und sollen Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt ausgebaut werden. Die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen wurde ebenso festgehalten wie das Recht auf gynäkologische Versorgung. Man verständigte sich darauf, künftig von einem „Femizid“ zu sprechen, wenn Frauen allein wegen ihres Geschlechts ermordet werden.

Und obwohl diese Erklärung von 200 Regierungen unterschrieben wurden, ist Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig.
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Genitalverstümmlung und Beschneidung weiblicher Genitalien

Unter die Begriffe Genitalverstümmlung und Beschneidung weiblicher Genitalien fallen verschiedene Arten traditioneller Beschneidungsriten an Frauen und Mädchen.

  • Schätzungen zufolge mussten sich mehr als 130 Millionen Frauen Beschneidungen unterziehen – vor allem in Afrika und in einigen Ländern des Nahen Ostens.
  • Jedes Jahr sind zwei Millionen Mädchen der Gefahr der Beschneidungsriten ausgesetzt.

„Ehrenmorde“

In vielen Teilen der Gesellschaft werden Opfer von Vergewaltigungen und Frauen, die des vorehelichen Geschlechtsverkehrs oder des Ehebruchs beschuldigt werden, von ihren Verwandten ermordet. Die Rechtfertigung für die Morde ist der Verlust der Jungfräulichkeit, der als Angriff auf die Ehre der Familie verstanden wird.

Schätzungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) zufolge werden weltweit jährlich mehr als 5000 Frauen Opfer sogenannter Ehrenmorde.

Menschenhandel

500 000 bis zwei Millionen Menschen werden jährlich in die Prostitution, Zwangsarbeit oder die Sklaverei verschleppt – 80% der Opfer sind Frauen und Mädchen.

Diskriminierung und Gewalt

Viele Frauen leiden an verschiedenen Formen der Diskriminierung und tragen deshalb ein erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden.

  • Frauen indigener Gruppen in Kanada sterben mit einer fünf Mal höheren Wahrscheinlichkeit an den Folgen von Gewalt als andere Frauen desselben Alters.
  • Mehr als die Hälfte aller behinderten Frauen in Europa, Nordamerika und Australien sind Opfer von Gewaltakten. Im Vergleich erleiden nur ein Drittel der nichtbehinderten Frauen ähnliche Angriffe. Quelle

Wie weit verbreitet Gewalt gegen Frauen in Europa ist, zeigt der aktuelle Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA).

  • Etwa 62 Millionen Frauen in Europa (33%) haben seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt.
  • Über 41 Millionen Frauen in Europa (22%) haben in einer Partnerschaft körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt.
  • Über 9 Millionen Frauen in Europa (5%) sind seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt worden. An etwa der Hälfte der außerhalb der Partnerschaft erlebten Fälle waren mehrere Täter/Täterinnen beteiligt.
  • Über 80 Millionen Frauen in Europa (43 %) waren oder sind in einer Partnerschaft psychischer Gewalt ausgesetzt, wurden beispielsweise öffentlich bloßgestellt, eingesperrt, mussten gegen ihren Willen pornografische Filme ansehen und/oder wurden mit Gewalt bedroht.
  • Etwa 62 Millionen Frauen in Europa (33 %) haben in ihrer Kindheit körperliche oder sexuelle Gewalt durch Erwachsene erlebt. 22,5 Millionen (12 %)  waren in der Kindheit von sexueller Gewalt betroffen, die Hälfte davon durch fremde Männer. Hier wurden häufig Genitalien gezeigt oder die Mädchen an Genitalien oder Brüsten berührt.
  • Ungefähr 33,8 Millionen Frauen in Europa (18 %) waren ab ihrem 15. Lebensjahr von Stalking betroffen, über 9,3 Millionen (5%) innerhalb der letzten 12 Monate vor der Befragung, wobei das Stalking in 21% der Fälle (über 7 Millionen) länger als zwei Jahre anhielt.
  • Über 20 Millionen Frauen in Europa (11 %) wurden bereits über die neuen sozialen Medien, per Mail oder SMS belästigt. Von den Frauen unter 29 Jahren waren es sogar 20%, die online belästigt wurden.
  • Über 100 Millionen Frauen in Europa (55 %) wurden bereits sexuell belästigt. Etwa ein Drittel davon berichtet, dass es sich bei dem/den Tätern/Täterinnen um Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden handelte.
  • 67 % aller betroffenen Frauen in Europa meldeten die schwerwiegendsten Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft weder der Polizei noch einer anderen Organisation.

Frauenrechte sind Menschenrechte

Menschenrechte sind allumfassende Rechte, die gleichermaßen für Männer, Frauen und Kinder, also für alle Menschen basierend auf ihrem Menschsein, gelten. Im Gebot der Nichtdiskriminierung ist dieser Anspruch auf gleiche Rechte verankert. Ohne Unterschied nach Geschlecht, Hautfarbe, Rasse, Religion, Geburt, nationaler oder sozialer Herkunft, politischer oder sonstiger Anschauung, Sprache oder Vermögen, hat jeder Mensch Anspruch auf diese erklärten Rechte und Freiheiten.

Solange Gewalt gegen Frauen grausamer Alltag ist, bleiben die Versprechen der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte unerfüllt.

Wir sind hier, wir sind laut!

Wir müssen mehr Druck auf Regierungen ausüben, damit Frauenrechte geachtet und umgesetzt werden. Es gibt Verträge, an die die Länder sich halten müssen. In vielen Ländern müssen mehr Schulen gebaut werden, in denen auch Mädchen unterrichtet werden dürfen. Es muss Zugang zu medizinischer Versorgung für Frauen geben, dort, wo dieses nicht umgesetzt wird.

Die mehr als 2000 Vertreter von fast 200 Regierungen verabschiedeten 2013 eine Erklärung, die die Pflicht der Staaten festschreibt, die Rechte von Frauen und Mädchen genauso zu schützen wie die von Männern und Jungen. Zumindest auf dem Papier sind die Rechte der Frauen gestärkt worden. Es ist jetzt an uns zu fordern, dass diese Rechte auch umgesetzt werden, weltweit und auch hier in Europa.

Wir müssen laut sein und bleiben, nicht nur an diesem heutigen Tag, der der Gewalt gegen Frauen gewidmet ist. Nein, Frauen brauchen eine Stimme und das sofort.

Die Freiheit ist wie eine unsichtbare Krone, die Ihr alle auf Euren Köpfen tragt, ohne es zu bemerken. Diese Krone ist nur für uns Gefangene sichtbar, denn wir dürfen sie nicht tragen!“
Reyhaneh Jabbari

Netzfrau Doro Schreier

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Grade in einem Teil der Welt, wo die Männer am häufigsten von Ehre reden, passieren den Frauen die schlimmsten Dinge.
    Haben diese Männer nicht verstanden, was Ehre bedeutet?
    Es ist nicht ehrenhaft Frauen zu schlagen, zu vergewaltigen oder ihre Genitalien zu verstümmeln.
    Ich kann da nichts ehrenhaftes dran finden, nicht mal im Ansatz.
    Ehrenhaft wäre es dagegen vorzugehen und die Frauen zu beschützen, das würde einen waren Helden ausmachen.

    Aber das Problem scheint noch etwas Grösser zu sein, zumindest was die Genitalverstümmelungen angeht.
    Ein Mann, der das verhindern wollte, müsste, soweit mir bekannt ist, auch wieder gegen Frauen vorgehen, denn die meisten Frauen werden nicht von Männern verstümmelt, sondern von Frauen, die selbst verstümmelt wurden.
    Ein übler Kreislauf!
    Sogar in Deutschland gibt es Afrikanerinnen, die in Privatwohnungen solche Beschneidungen durchführen. Diese Frauen werden nicht von einem Mann dazu gezwungen!
    Wie kann das sein?
    Es kann sein, weil es in ihre Kultur eingebettet ist und diese Frauen das für richtig halten, obwohl sie selbst Opfer dieses Rituals geworden sind.
    In Ägypten werden, soweit mir bekannt ist, ca. 80% der Frauen beschnitten.
    Ein Land mit dem wir regen Handel treiben, ja sogar Waffen verkaufen wir an dieses Land.
    Diese Waffenverkäufe werden einzig und alleine von einer Frau getätigt, Angela Merkel, ohne deren Zustimmung nicht ein Panzer nach Ägypten geht.
    Zumindest das Problem mit den Genitalverstümmelungen ist kein rein männerverursachtes Problem, sondern ein gesellschaftliches, das in den meisten Fällen von Frauen vollbracht wird.
    Natürlich gehe ich davon aus, das der Ursprung dieses Elends mal bei einem Mann begann, nur geht es absolut nicht in meinen Kopf, das Frauen, die in Deutschland leben und nichtmal einen Mann haben, der sie unterdrückt, trotzdem dieses Ritual weiter betreiben.
    Kann mir das bitte jemand erklären?
    Sucht die Schuld bitte bei der Geselschaft und nicht nur bei den Männern!

    Gruß Marcus

    • Hallo Marcus- gestern war der Tag – Gewalt gegen Frauen. Wir haben durchaus in dem Beitrag auch die Gesellschaft benannt. In der Häuslichen Gewalt ging es diesmal um die Männer, natürlich gibt es auch Männer, die Häusliche Gewalt erfahren, doch dieses Tag, wie beschrieben, galt den Frauen. Wir suchen die Schuld nicht nur bei Männern. Wir wollten an diesem Gedenktag ein Zeichen setzen, wenn es zu einer Diskussion führt, so ist es gewollt. Denn erst eine Diskussion führt dazu, dass wir alle etwas lernen können.

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