In Indien werden Frauen mit Behinderungen weggesperrt, misshandelt und missbraucht!

Macht endlich Schluss mit Zwangseinweisung, sexueller und physischer Gewalt und der unfreiwilligen „medizinischen“ Behandlung!

Indien

© 2013 Shantha Rau Barriga/Human Rights Watch

Wir haben schon viele Berichte über die Schicksale der Frauen und Mädchen in Indien geschrieben, wie zum Beispiel, dass eine  Ehefrau beim Stillen verbrannt wurde. Erinnern möchten wir in diesem Zusammenhang auch an die 254 indischen Frauen, die als Versuchskaninchen benutzt wurden. Bei der Studie handelte es sich um eine Methode des Zervixkarzinom-Screenings. Die Frauen, die dabei starben, waren Teil einer Kontrollgruppe, die ohne Screening blieb, um die Sterberate bei nicht gescreenter Bevölkerung zu ermitteln.

Lesen Sie dazu: Indische Frauen, die als „Versuchskaninchen“ benutzt wurden. – 254 starben.

Auch der folgende Bericht von Human Rights Watch berührte uns, sodass wir ihn für Sie übersetzt haben.

Das Foto zeigt eine Bewohnerin, die auf dem Fußboden auf der Frauenstation im Thane Mental Hospital sitzt, einer 1857-Betten-Einrichtung in einem Vorort von Mumbai.

In Indien werden Frauen mit Behinderungen weggesperrt, misshandelt und missbraucht!

(New Delhi) – In Indien werden Frauen und Mädchen mit Behinderungen in psychiatrische Anstalten zwangseingewiesen, in denen desolate hygienische Zustände herrschen. Dort sind sie physischer und sexueller Gewalt ausgesetzt und werden unfreiwillig „behandelt“, sogar mit Elektroschocks! Sie sei „schlechter behandelt worden als ein Tier“, berichtet eine Frau.

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Die Organisation Human Rights Watch stellte fest, dass in staatlichen Nervenkliniken und anderen Institutionen zwangseingewiesene Frauen schweren Missbrauch erfahren. Sie fordert die Regierung auf, unverzüglich Schritte einzuleiten, die weg von der Zwangseinweisung und hin zu in den Gemeinden angesiedelten Einrichtungen führen, in denen behinderte Menschen auf Freiwilligkeitsbasis unterstützt werden.

„Frauen und Mädchen mit Behinderungen werden von Familienangehörigen oder der Polizei in „Irrenhäuser” gesteckt, weil die Regierung keine adäquaten Hilfeleistungen bereitstellt.”

„Und sind sie erstmal weggesperrt, besteht ihr Leben oftmals aus Isolation, Angst, Misshandlung und Missbrauch – ohne jede Hoffnung, dem entfliehen zu können.”

Kriti Sharma von Human Rights Watch

Die indische Regierung muss dies unverzüglich untersuchen und regelmäßige Kontrollen anordnen, und zwar in allen Heimen für Mädchen und Frauen mit geistigen oder psychischen Behinderungen, unabhängig davon, ob sie staatlich oder privat betrieben werden, fordert Human Rights Watch. Indien muss darüber hinaus dafür sorgen, dass auch Menschen mit psychosozialen oder geistigen Einschränkungen weitgehend selbstbestimmt leben können und eine Behandlung auf Basis von Information und Einwilligung erfahren.

„Schlechter behandelt als Tiere“

Der 106-seitige Bericht „Treated Worse than Animals: Abuses against Women and Girls with Psychosocial or Intellectual Disabilities in Institutions in India” („Schlechter behandelt als Tiere: Misshandlung/Missbrauch von Frauen und Mädchen mit psychosozialer Störung oder geistiger Behinderung in indischen Einrichtungen”) dokumentiert Zwangseinweisungen und willkürlichen Gewahrsam in Nervenkliniken und Pflegeheimen in ganz Indien, in denen betroffene Mädchen und Frauen Schlimmes erleben: Überfüllung, fehlende Hygiene, unzureichende allgemeine ärztliche Versorgung, Zwangsbehandlungen, einschließlich Elektroschocktherapie sowie körperliche, verbale und sexuelle Gewalt. In einem Fall wurde eine geistig behinderte Frau von einem männlichen Mitarbeiter einer psychiatrischen Anstalt in Kolkata sexuell missbraucht. Der Bericht beleuchtet auch die verschiedenartigen Barrieren, die verhindern, dass Mädchen und Frauen mit psychosozialer oder geistiger Behinderung einen Missbrauch anzeigen oder Gerechtigkeit erfahren.

Die indische Regierung ist gefordert, dringend gesetzliche Reformen durchzuführen, (…) die solchen Missbrauch verhindern und die Rechte von betroffenen Mädchen und Frauen schützen, so Human Rights Watch.

Der Bericht analysiert die Situation von Frauen und Mädchen mit Behinderungen in 6 verschiedenen Städten Indiens. Die Nachforschungen erstreckten sich von Dezember 2012 bis November 2014 in New Delhi, Kolkata, Mumbai, Pune, Bengaluru and Mysore. Mehr als 200 Gespräche mit betroffenen Mädchen und Frauen, ihren Familien, Pflegerinnen und Pflegern, Fachkräften für psychische und psychiatrische Krankheiten, Anbietern von Dienstleistungen, Regierungsbeamten und der Polizei wurden geführt. Human Rights Watch besuchte 24 psychiatrische Kliniken und Krankenhäuser mit Psychiatrie-Bettenbelegung, Rehabilitationszentren und Heimeinrichtungen.

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Interview mit dem Wissenschaftler Kriti Sharma: Weggesperrt in Einrichtungen, aus denen kein Weg herausführt

In Indien gibt es keinerlei offizielle Aufzeichnungen oder Schätzungen der Regierung über das Vorkommen von psychosozialen Störungen oder geistigen Behinderungen. Laut einer Erhebung von 2011 sind nur 2,21 Prozent der indischen Bevölkerung von einer Behinderung betroffen, einschließlich 1,5 Millionen Menschen (0,1 Prozent der Bevölkerung) mit geistiger Behinderung und ganze 722 826 (0,05 Prozent der Bevölkerung) mit psychosozialer Behinderung (wie z. B. Schizophrenie oder bipolare Störungen). Diese Zahlen liegen signifikant unter den internationalen Schätzungen der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation, die davon ausgehen, dass 15 Prozent der Weltbevölkerung mit einer Behinderung leben. Das indische Ministerium für Gesundheit und Familie behauptet, dass eine wesentlich höhere Prozentzahl der indischen Bevölkerung von psychosozialen Behinderungen betroffen ist: 6 – 7 % (74,2 – 86,5 Millionen) „geistige Behinderungen“ und 1 – 2 % (12.4 – 24.7 Millionen) „schwere geistige Behinderungen.”

1982 startete die indische Regierung das Programm für die nationale geistige Gesundheit, um wohnortnahe Dienste (der Gemeinden und Bezirke) anzubieten. Das funktioniert jedoch nur eingeschränkt und wird mangelhaft umgesetzt angesichts nicht vorhandener Überwachungsmechanismen. In nur 123 von den 650 Bezirken in Indien gibt es überhaupt ein solches Bezirksgesundheitsprogramm, das zudem viele Einschränkungen hat auf Grund von mangelnder Anwendbarkeit und nicht vorhandenen Arbeitskräften, fehlender Einbindung in die grundlegende ärztliche Versorgung und nicht existierender standardisierter Schulung.

In einem Land, in dem die geschlechtlich-basierte Diskriminierung weit verbreitet ist, sind besonders Mädchen und Frauen mit einer psychosozialen oder geistigen Behinderung vielschichtiger Diskriminierung ausgesetzt – wegen ihrer Behinderung und wegen ihres Geschlechts. Sie werden an den Rand gedrängt und sind Missbrauch und Gewalt schutzlos ausgeliefert. Oft verstoßen von den eigenen Familien, die nicht in der Lage sind, sich um sie zu kümmern, landen viele zwangseingewiesen in Heimen. Der Prozess der Zwangseinweisung von Frauen und Männern ist in Indien der gleiche. Frauen und Mädchen mit Behinderungen stehen jedoch – anders als die Männer – vor weit größeren Problemen, einschließlich sexueller Gewalt und der Verweigerung des Zugangs zu Rehabilitationsmaßnahmen.

„Ohne eine angemessene Unterstützung von Seiten der Gemeinschaft und auf Grund von mangelndem Bewusstsein werden Menschen mit psychosozialen Behinderungen in Indien verspottet, gefürchtet und stigmatisiert,” sagt Sharma.

Familien, ein Vormund oder Kinder-Wohlfahrtsausschüsse können Mädchen und Frauen mit einer psychosozialen oder geistigen Behinderung ohne ihre Zustimmung in Heime einweisen. Halten sie sich in den Straßen auf, können sie von der Polizei aufgegriffen und mit richterlichem Beschluss in ein Heim eingewiesen werden. Wenn dann kein Familienangehöriger kommt, um sie abzuholen, bleiben sie dort oft jahrzehntelang. Keine der Frauen und Mädchen, die von Human Rights Watch befragt wurde und die derzeit in einer Einrichtung lebt oder früher dort gelebt hat, wurde mit eigener Zustimmung dort eingeliefert. In den 128 Fällen von Zwangseinweisungsmissbrauch, die Human Rights Watch dokumentiert hat, war es keiner der Frauen oder Mädchen gelungen, Zugang zu Rechtsmitteln zu bekommen, mit denen sie gegen die Zwangseinweisung oder wegen in der Einrichtung erlittenem Missbrauch hätten vorgehen können. Den meisten der befragten Mädchen und Frauen war gar nicht bekannt, dass es solche Rechtsmittel gibt.

„Eine Langzeitverwahrung von Frauen und Mädchen mit Behinderungen kann nicht die Lösung des Problems sein”, sagt Sharma. „Selbst in den schlimmsten Fällen gibt es eine Möglichkeit herauszufinden, welche Behandlung sie möchten.”

In einigen der von Human Rights Watch besuchten Einrichtungen waren Überfüllung und mangelnde Hygiene tief besorgniserregend. So lebten zum Beispiel im November 2014 knapp 900 Menschen in Asha Kiran, einer staatlichen Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Delhi – nahezu drei Mal mehr als für diese Klinik vorgesehen. Dr. Vilas Bhailume, Leiter des Mental Hospital in Pune, äußerte sich gegenüber Human Rights Watch: „Wir haben hier nur 100 Toiletten für mehr als 1850 Patienten – davon funktionieren nur 25, die anderen sind durchgehend verstopft. Harn- und Darmentleerung im Freien ist hier normal.”

In vier psychiatrischen Kliniken dokumentierte Human Rights Watch 20 Fälle, in denen Frauen und 11 Fällen, in den Mädchen gegen ihren Willen aktuell Elektroschocktherapie (ECT) erhalten oder kürzlich erhalten haben. Vidya [das ist nicht ihr richtiger Name], eine 45-jährige Frau mit einer psychosozialen Störung, wurde von ihrem Ehemann zwangseingewiesen und monatelang mit Elektroschocktherapie behandelt.

„Die ECT war wie ein Todestunnel”, erzählt sie Human Rights Watch. „Ich hatte tagelang Kopfschmerzen (…) Als meine Medikation herabgesetzt wurde, fing ich an, Fragen zu stellen. Bis dahin war ich ein „Vegetable”. Erst viele Monate später fand ich heraus, dass ich eine ECT erhalten hatte.”

Indien ratifizierte die Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD), die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, im Jahre 2007. Demzufolge sind Regierungen verpflichtet, die gesetzlichen Rechte von Menschen mit Behinderungen zu respektieren und zu schützen – dazu gehört das Recht, gleichberechtigt zusammen mit anderen in der Gemeinschaft zu leben. Zwangseinweisungen sind verboten. Nach indischem Recht dürfen Gerichte jedoch einen Vormund bestellen, der im Namen der Person mit einer psychosozialen Störung oder geistigen Behinderung Entscheidungen treffen kann – ohne dass die betreffende Person informiert werden oder zustimmen muss. Indien unterhält ein Gesundheitssystem, in dem Menschen mit solchen Behinderungen in Einrichtungen abgesondert werden, die ihnen den Zugang zu Hilfe- und sonstigen Leistungen der Gemeinschaft verwehren.

Im Bestreben, die nationale Gesetzgebung mit der CRPD in Einklang zu bringen, hatte die Regierung 2013 zwei Gesetzentwürfe eingebracht: den Gesetzentwurf zur geistigen Gesundheit und den Gesetzentwurf über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Jedoch garantieren selbst diese den Mädchen und Frauen mit einer psychosozialen Störung oder einer geistigen Behinderung nicht die vollen ihnen zustehenden Rechte, nicht einmal das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, wie es dieser Vertrag vorsieht.

Die Zentralregierung in Indien muss umgehend ein Gutachten in Auftrag geben und veranlassen, dass die missbräuchlichen Praktiken und die menschenunwürdigen Zustände in den psychiatrischen Kliniken sowie in den vom Staat und den nicht-staatlich betriebenen Heimen beendet werden – durch die Organisation einer effektiven Überwachung derartiger Einrichtungen, sagt Human Rights Watch. Darüber hinaus muss Indien unverzüglich eine großangelegte Gesetzesreform vornehmen zur Abschaffung der Vormundschaften und zur Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen mit Behinderungen mit allen anderen, einhergehend mit der Erstellung eines umfassenden, zeitgebundenen Plans zur Entwicklung von Alternativen zu der Langzeitverwahrung in Heimen. Die wenigen in Indien vorhandenen Hilfseinrichtungen auf Bezirksebene und Initiativen für ein gemeinschaftliches eigenständiges Leben – wie Anjali: Mental Health Rights Organization (Kolkata), The Banyan (Chennai), Bapu Trust for Research on Mind and Discourse (Pune) und Iswar Sankalpa (Kolkata) – werden von nicht-staatlichen Organisationen betrieben.

„Indien hat jetzt die Gelegenheit, ein System von Isolierung und Missbrauch abzuschaffen und stattdessen ein System der Unterstützung und Unabhängigkeit aufzubauen”, sagt Sharma. „Das Leben von Millionen Frauen mit einer geistigen Behinderung oder psychosozialen Störung ist in Gefahr.”

Hier der ORIGINAL-Bericht (in Englisch):

India: Women With Disabilities Locked Away and Abused

Übersetzt von Netzfrau  Heike Garisch

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1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Prima, dass Ihr Euch mit solch schrecklichen Themen beschäftigt und für Öffentlichkeit sorgt.

    Gut fände ich, wenn Ihr statt von sexuellem Missbrauch von sexueller oder sexualisierter Gewalt sprechen würdet. Missbrauch ist ein veralteter Begriff. Danke!

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