Wie teuer ist billig? Orangen zum Dumpingpreis

Billigorangen

Bereits vor einem Jahr berichteten wir in unserem Beitrag: Das bittere Geschäft mit den Orangen“ über die Zustände, die in der Orangenproduktion herrschen. Damals richteten wir unser Augenmerk vor allem auf den weltweit größten Orangenproduzenten Brasilien. Im Fokus standen die Plantagen des größten Anbaugebiets im Bundesstaat Sao Paulo. Von dort beziehen Deutschland und Österreich immerhin gut 80 % ihres konsumierten Orangensaftes.

Seither hat sich nichts geändert. Weiterhin herrschen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Kinderarbeit ist, wie vielerorts in Brasilien, an der Tagesordnung, und das, obwohl die Arbeitsbedingungen nicht nur als menschenunwürdig zu bezeichnen sind, sie sind zudem gefährlich. Nicht selten kommt es auf Grund zu langer oder zu kurzer Leitern, fehlender Schutzkleidung und wegen extrem hohem Arbeitsdruck, der auf den Plantagen und in den Verarbeitungsfabriken herrscht, immer wieder zu Unfällen.

Einzig Produktivität zählt, und wer nicht effizient genug arbeitet, verliert sehr schnell seinen Arbeitsplatz.

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Orangensaft

  • besteht zu 100 % aus Fruchtsaft und Fruchtfleisch
  • enthält keine Zusätze wie Farbstoffe oder Konservierungsstoffe
  • pro Liter Fruchtsaft dürfen 15 g Zucker zugesetzt werden (EU)
  • die Hälfte des Vitamin-C-Gehalts geht bei Orangensäften aus Konzentraten verloren
  • alles, was zu 25-99 % aus Fruchtsaft besteht, gilt als Nektar (und darf nicht als Saft bezeichnet werden)
  • Nektar darf Konservierungsstoffe, Süßungsmittel oder Farbstoffe enthalten
  • 98 % des brasilianischen Orangensaftkonzentrats werden für den Export produziert
  • Größter Importeur ist die Europäische Union
  • Deutschlands Anteil: 17 % (Spitzenreiter und größter Abnehmer)
  • 70 % der brasilianischen Früchte werden zu Saft verarbeitet

Quelle: Studie: Im Visier: Orangensaft

Markt- und Machtkonzentration und die fehlende Verantwortung der Lebensmittelkonzerne

Im Visier: Orangensaft bei Edeka, Rewe, Lidl, Aldi & Co – Blind für Arbeitsrechte?“ ist eine Studie der CIR (Christliche Initiative Romero) und des Bundesfachbereichs Handel der Gewerkschaft ver.di . Am Beispiel der Orangensaft-Lieferkette zwischen Brasilien und dem deutschen Verbrauchermarkt deckt sie Missstände in der Orangensaftproduktion auf. Die Studie verdeutlicht die Auswirkungen von fehlender Verantwortung für gute und existenzsichernde Arbeitsbedingungen durch die wenigen großen Lebensmittelkonzerne.

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Warum schalten die Netzfrauen Werbung?

Dabei sind es eben diese Konzerne, die mittels ihrer enormen Marktmacht über die unwürdigen Arbeits- und Produktionsbedingungen entscheiden. Leider entziehen sie sich immer wieder der Verantwortung genau den Menschen gegenüber, die ihnen ihre enormen Gewinne erst ermöglichen. Sie machen es sich sehr einfach, indem sie allzu oft auf ihre rechtliche Nicht-Zuständigkeit verweisen.

Lesen Sie hierzu eine kurze Zusammenfassung der Studie: Im Visier: Orangensaft.

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Studie: Im Visier: Orangensaft bei Edeka, Rewe, Lidl, Aldi & Co – Blind für Arbeitsrechte?

Mit der Produktion von Nahrungsmitteln und ihrem Verkauf werden weltweit Milliarden verdient. Die Entscheidung über die Arbeits- und Produktionsbedingungen werden dabei von großen Konzernen getroffen.(…)

Die Orangensaftstudie stellt vom Anbau der Orangen bis hin zur Vermarktung des Saftes die ganze Lieferkette transparent dar.

Rechercheergebnisse in Brasilien und Deutschland beleuchten das, was die Lebensmittelhändler nur zu gerne vertuschen: Abhängigkeit und Ausbeutung.

Die Studie enthält:

Quelle: Studie: Im Visier: Orangensaft

Jeder kann aktiv werden

Auf die Missstände, die diese Studie aufdeckt, machte Ende letzten Jahres, am 22.November 2014, eine kleine Gruppe AktivistInnen erneut aufmerksam. Die Gruppe positionierte sich vor dem Mainzer King-Park-Einkaufcenter und verteilte dort an vorbeilaufende KundInnen die Info-Zeitung „Brennpunkt – Orangensaft im Fokus“. Ziel der Aktion war es, die KundInnen direkt vor dem nächsten Einkauf anzuregen, diesen bewusst zu tätigen.

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Die Kampagne „ausgepresst“

Die beanstandeten Missstände der Protestaktion:

  • Ausbeutung der Beschäftigten auf den Plantagen
  • Abhängigkeit der Beschäftigten
  • Schlechte und unzuverlässige Bezahlung
  • fehlende Schutzkleidung
  • hoher Arbeitsdruck auf den Orangenplantagen und in den Verarbeitungsfabriken sind keine Ausnahmen, sondern der Regelfall
  • Auch im deutschen Einzelhandel mangelt es an guten und existenzsichernden Arbeitsbedingungen

Die Forderungen der Protestaktion:

  • Schaffung, Einhaltung, Kontrolle und Nachprüfbarkeit eines Verhaltenskodex unter Einbeziehung von Gewerkschaften und glaubwürdigen Interessenvertretern
  • Es sollen die selben Rechte für die Beschäftigten an jeder Stelle der Lieferkette gelten (einschließlich Tarifverträge und Betriebsräte)

Diese Forderungen fanden sich auf einer übergroßen Postkarte mit dem Titel „ausgepresst“. Diese, von 2100 Menschen unterzeichnete Postkarte wurde im Verlauf der Protestaktion dem Einzelhandel symbolisch übergeben.

Quelle:Christliche Initiative Romero

Ich presse meinen Orangensaft selbst!

Wenn Sie nun aber glauben, dass es ausreicht, seinen Orangensaft selbst zu pressen, haben Sie sich leider getäuscht. Zwar sind die Orangen, die in den Regalen unserer Supermärkte und Discounter liegen, meistens aus Spanien oder Italien, doch auch auf den europäischen Plantagen haben die BIG FOUR des deutschen Lebensmittelhandels ihre Hände im Spiel. Mit der Folge, dass auch hier nicht hinzunehmende Zustände herrschen.

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BigFour

Die Big Four des deutschen Lebensmittelhandels

Der deutsche Lebensmittelhandel wird von den sogenannten Big Four beherrscht. Nur vier große Lebensmittelkonzerne vereinen 85 % des Absatzmarktes auf sich.

Diese Big Four sind:

  1. Edeka-Gruppe
  2. Rewe-Gruppe
  3. Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland
  4. Aldi

Außer Aldi, das nur intern wächst, wuchsen die Schwarz-Gruppe, Rewe und Edeka durch externe Übernahmen und Fusionen.

Edeka fraß beispielsweise:

Zur Rewe-Gruppe gehören unter anderem:

  • Penny
    • 5. größter Discounter weltweit
    • Umsatz von über 10 Mrd. Euro (Stand 2013 / Quelle: Wikipedia)
  • Toom
  • Globus
  • Extra (wurde u. a. zu Rewe-Filialen)

Die Schwarz-Gruppe sind:

  • Lidl (Kleinflächen)
  • Kaufland (Großflächen)
  • Kaufmarkt (Großflächen)

Die Schwarz-Gruppe ist der größte deutsche Handelskonzern und erzielte 2013 / 2014 einen Umsatz von 74 Mrd. Euro. Der Lidl-Gründer Dieter Schwarz ist seit Juli 2014 die reichste Einzelperson Deutschlands mit einem Vermögen von etwa 12 Mrd. Euro.

Aldi ist weltweit der größte Discounter.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Marktmacht genutzt werden will, um Preise für Lebensmittel so niedrig wie möglich zu halten und den Gewinn zu maximieren. Dies gilt sowohl für unseren unverzichtbaren Orangensaft am Morgen aus dem fernen Brasilien als auch für die Orangen, die wir von den Plantagen aus Spanien und Italien beziehen.

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Orangennetz

Orangen in Zahlen

  • 500 000 t Verbrauch pro Jahr
  • 35 kg verzehrt der Deutsche pro Jahr im Durchschnitt
  • 13 Cent pro Kilo erhält der spanische Bauer
  • 8 Cent pro Kilo erhält der italienische Bauer
  • 1 € Verdienst pro Kiste (auf italienischen Plantagen) für den Erntehelfer (10-20 € am Tag)
  • 90 000 Arbeitsplätze hängen vom Anbau spanischer Orangen und Clementinen in der Region Valencia (Spanien) ab
  • 4 Mio. Zitrusfrüchte pro Jahr werden in der Region Valencia geerntet (Großteil davon landet in deutschen Supermärkten)

Quelle: ZDFzoom: Video: Ausgepresst und ausgenommen (Ausstrahlung: 29.01.2014)

Preisvergleich (Orangen / kg)

Deutschland: 1.05 €

Großbritannien: 1,79 €

Italien: 1,23 €

Frankreich: 1,38 €

Quelle: Agrarmarkt Informations-Gesellschaft 2012

Auswirkungen der Marktkonzentration auf die europäische Orangenernte

Immer wieder hören wir, dass insbesondere der deutsche Lebensmittelmarkt hart umkämpft ist. Das ist nicht erstaunlich, wenn man an die Konzentration der Big Four (siehe Infobox) in Deutschland denkt. Besonders zwischen den einzelnen Supermarkt -und Discounterketten herrscht ein großer Preisdruck. Dabei müsste das nicht sein, denn oft dienen vor allem erfrischende Zitrusfrüchte wie Orangen nur als Lockvogelangebote für Kunden. Erst diese Tatsache führt zu einem enormen Preisdruck auf die Händler.

„Im Grunde haben die großen europäischen Einzelhandelsketten die Macht, die Preise festzulegen. (…) Sie sind ja diejenigen, die die Produkte an die Konsumenten verkaufen, und man kann schon sagen, dass sie soviel Macht haben wie Tyrannen, was die Preise betrifft.

Wenn die Einzelhandelskette billig verkaufen will, muss der Bauer seine Ernte noch billiger verkaufen. Und die Zwischenhändler wollen ja auch noch was verdienen. Wer nichts verdient, ist der Bauer, der die Orange anbaut.“

Gewerkschaftssekretär Josep Marrades der CC.OO (span. Gewerkschaft, die die Interessen der Landarbeiter und Kleinbauern vertritt)

Auf Grund des enormen Preisdrucks wurden bereits viele vor allem kleinere Plantagen in der Region Valencia aufgegeben. Die meisten Orangenplantagen in der Region sind kleinere Plantagen und die Bauern verkaufen ihre Orangen auf eigene Rechnung an Zwischenhändler oder Kooperativen. In aller Regel wissen sie nicht, was mit ihren Orangen passiert. Die Lieferketten besonders im Obst -und Gemüsehandel sind praktisch undurchschaubar.

Weitere Konsequenzen des Preisdrucks sind unter anderem der erhöhte Einsatz von Chemie z. B. in Dünger und Pestiziden. Ein weiteres Mittel, um die Preise so billig zu halten, sind schlechte Arbeitsbedingungen und extrem niedrige Löhne. Für die Ernte werden häufig, vor allem auf den italienischen Plantagen, afrikanische Flüchtlinge als Erntehelfer eingesetzt. Sie leben in Slums zwischen Schlamm und Müll unter den schlimmsten hygienischen Bedingungen. Die Behausungen sind notdürftig und bestehen meist aus Plastik, Pappe und Holz. In diesen Slums leben bis zum Saisonende oft bis zu 2000 Menschen – Krankheiten breiten sich sehr schnell aus.

Der Lohn beträgt etwa 1€ pro Kiste, was einem Tagesverdienst zwischen 10 und 20 € entspricht. Davon werden 3 € für die Fahrt zur Plantage abgezogen. Oft handelt es sich bei den Menschen, die unter diesen Bedingungen arbeiten müssen, um Flüchtlinge, die über die italienische Insel Lampedusa nach Italien kamen. Früher oder später landen sie in irgendwelchen Flüchtlingsunterkünften und von dort schließlich auf den Obstplantagen. Alternativen = Fehlanzeige. Viele dieser Flüchtlinge möchten am liebsten wieder in ihre Heimat zurück, doch in den meisten Fällen ist dies nicht möglich.

Will man es ganz drastisch ausdrücken, könnte man bei diesen Zuständen durchaus von moderner Sklaverei reden. Und das passiert mitten in Europa.

„Der Handel macht den Preis. Wenn man 8 Cent für das Kilo Orangen bekommt, kann man das nicht, ohne Migranten auszubeuten“

Prof. Antonio Perna (Universität Messina)

Was sagen die Big Four zu den Arbeitsbedingungen?

Rewe: Keine Antwort

Kaufland: „Hierüber liegen uns keine detaillierten Angaben vor.“

Lidl: „…selbst keine direkten Geschäftsbeziehungen zu Erzeugern vor Ort. Aus diesem Grund können wir keine detaillierten Angaben zu den Anbauverhältnissen machen.“

ALDI und EDEKA verweisen auf die Selbstverpflichtung des Handels.

ALDI Nord: „Wir sind uns bewusst, … dass die Einhaltung sowie die Kontrolle der von uns geforderten Richtlinien mitunter schwer durchzusetzen sind.“

Kurz und knapp: Der deutsche Lebensmittelhandel ist demnach nicht in der Lage, eine Garantie dafür zu geben, dass das angebotene Obst und Gemüse fair geerntet wurde. Das gilt sowohl für Obst aus Italien, Spanien als auch für die Ernten aus Griechenland. Diese Missstände sind auf EU-Ebene schon seit langem bekannt. Dass sich an dieser Situation grundlegend nichts ändert, liegt vor allem an den Interessen der vielen Lobbyorganisationen, aber auch an den Discountern und an der europäischen Agrarpolitik, die von den Lobbyinteressen stark beeinflusst ist, meint die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im EU-Parlament, Barbara Lochbieler (B’90/Grüne).

„(…) Auf der anderen Seite, gegenüber, sehen Sie einzelne Menschen, die noch nicht einmal eine europäische Staatsbürgerschaft haben, die extrem ausgebeutet werden.“

Barbara Lochbieler (B’90/Grüne)

Trägt letztendlich der Konsument die Verantwortung?

Natürlich wäre es leicht zu sagen, dass die deutschen Konsumenten die Verantwortung durch ihr Kaufverhalten zumindest mittragen, weil sie diese billigen Waren, die ja (s. o.) oft Lockangebote sind, nachfragen. Wäre es aber nicht allzu einfach so einseitig zu argumentieren? Es ist doch schließlich menschlich, dass der ökonomisch handelnde Kunde das für ihn beste Angebot auswählt. Ihm deshalb die Verantwortung für die Missstände, die auf den Plantagen und in der Weiterverarbeitung herrschen, zu geben, wäre einfach nur banal.

Fakt ist, dass ein Mangel an Transparenz herrscht und dass erst dieser Mangel dafür sorgt, dass die Mehrheit der Kunden sehr schlecht bis gar nicht über die Herkunft der Produkte informiert ist. Noch weniger ist der Kunde darüber aufgeklärt, wie es um den Einsatz von Pestiziden und um die Arbeitsbedingungen bestellt ist. Es ist also nur logisch, dass der Kunde eher zum günstigeren und konventionellen Produkt greift, anstatt zu einer mehr als doppelt so teuren Bio-Alternative aus fairem Handel.

Etiketten könnten helfen

EtikettDie Etiketten auf den Zitrusfrüchten könnten für mehr Transparenz sorgen. Leider geben sie bislang nur sehr vage Auskunft über die Herkunft eines Produkts. Oft beschränken sie sich hierbei auf das Herkunftsland, zumeist Spanien oder Italien. Nur selten finden sich weiterführende Informationen, z. B. eine präzisere Angabe des Standorts der Plantage, wo das Obst geerntet wurde, auf den Etiketten. Eine Recherche für den interessierten und engagierten Konsumenten ist somit praktisch unmöglich.

Welche Verantwortung tragen die deutschen Ketten für den immensen Preisdruck?

Auf die Frage nach der Verantwortung deutscher Lebensmittelketten für den immensen Preisdruck waren die Stellungnahmen der Big Four mehr als dürftig.

Rewe: keine Antwort

Lidl: „Unsere Geschäftsbeziehungen … zeichnen sich durch eine … vertrauensvolle Zusammenarbeit aus.“

EDEKA: „Wir streben partnerschaftliche Beziehungen an, die den Interessen beider Seiten gerecht werden.“

ALDI Süd: „Preise werden in offenen und konstruktiven Gesprächen mit den jeweiligen Verhandlungspartnern vereinbart.“

Quelle: ZDFzoom:Ausgepresst und ausgenommen

An sich klingt das ja alles gar nicht so schlecht.

Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss, ein Gremium, das das EU-Parlament und die Kommission berät, sieht die Sache jedoch ganz anders. Hier ist von „erpresserischen Geschäftsbedingungen“, der „Verletzung elementarer Grundrechte“ und „missbräuchlichen und unlauteren Praktiken“ die Rede.

„Wir haben es auf jeden Fall mit Zuständen zu tun, die mit sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun haben und auch nichts mit fairem Handel. Da werden die Verkaufs- und Preisbedingungen so diktiert, dass es zum Beispiel dazu kommt, dass unter dem Erzeugerpreis die Preise festgesetzt werden.

(…)

„Das ist eine Art von Dumpingsystem.“

(…)

„Wir erleben teilweise auch, dass es „schmiergeldähnliche“ Zahlungen gibt, die werden (teilweise) von den Großhandelsunternehmen erwartet.

Dann konnten wir auch feststellen, dass Preise erst zu einem späteren Zeitpunkt, also wenn festgestellt werden kann, wie gut ein Produkt sich verkauft, (…) nochmals neu festgelegt werden, und teilweise auch zu Lasten des Erzeugers.“

„(…) Wir erleben eine Entwicklung, dass sich die Gewinne und die Gewinnmaximierung in wenigen Händen zentralisiert, während sich die gesellschaftlichen Schäden dezentralisieren und dann der Allgemeinheit überlassen werden.

Prof. Bernd Schlüter vom Europäischen Wirtschafts- u. Sozialausschuss

Quelle: ZDFzoom: Ausgepresst und ausgenommen

Auch das Bundeskartellamt stuft die Marktverhältnisse in Deutschland mittlerweile als sehr kritisch ein und hat die Big Four der Branche bereits im Auge. Unter anderem geht es der Frage nach, ob es missbräuchlich ist, wenn Unternehmen von ihren Lieferanten erst nachträglich Vorzugsbehandlungen oder Boni verlangen.

„Wir sind tätig geworden, zum Einen, weil wir einen sehr konzentrierten Markt haben. Vier Unternehmen (EDEKA, Rewe, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, Aldi) vereinigen 85 % Marktanteil auf sich. (…) Wir hatten eine Reihe von Beschwerden aus dem Markt, von Lieferanten von diesen Unternehmen, über Praktiken, die diese jedenfalls als missbräuchlich empfunden haben.“

Andreas Mundt (Präsident Bundeskartellamt)

Fazit: Ausbeutung und Armut ist der Preis, den wir für unsere billigen Orangen zahlen müssen. Verantwortlich dafür sind die Praktiken der Big Four im deutschen Lebensmittelhandel.

Tipp: Was wir tun können

Der Weg, den der Konsument gehen kann, um die oben aufgeführten Missstände zu beseitigen, führt nicht hauptsächlich über seine Geldbörse und auch nicht über einen stillen Boykott.

Wie aber können wir ansonsten tätig werden? Indem wir mehr Transparenz fordern, damit wir in der Lage sind, unsere Kaufentscheidungen bewusster zu treffen. Dazu stehen uns die Sozialen Netzwerke und Unternehmensseiten zur Verfügung. Dort können wir direkt Kontakt zu den Big Four aufnehmen. Wir können außerdem diesen Beitrag teilen und dafür sorgen, dass immer mehr Menschen aufgeklärt werden. Je mehr Menschen diese Maßnahmen ergreifen, umso mehr geraten selbst die größten Konzerne unter Zugzwang.

Qualität der Orangen

Der Anspruch an Qualität ist hoch. Immer wieder liest man von Labortests mit erschreckenden Ergebnissen. Die meisten der konventionellen Orangen sind zu oft nicht frei von chemischen Wirkstoffen und Pestiziden. Oft handelt es sich dabei sogar um Wirkstoffe, die in Deutschland nicht zugelassen sind (z. B. Pyriproxyfen).

Sicher, das ist keine große Neuigkeit – wohl aber, dass es sich hierbei um völlig legale Vorgänge handelt. Die in einigen Ländern nicht zugelassenen Zusätze dürfen nämlich in anderen Ländern verwendet und anschließend überall hin gehandelt werden. So gelangen diese Zusätze schließlich doch noch in unsere Einkaufskörbe.

Schale zum Verzehr geeignet

Besonders hoch ist die Erwartung an die Qualität von Orangen, wenn auf dem Etikett steht: „Schale zum Verzehr geeignet“. Aber heißt das auch automatisch, dass die Orange frei von Wachs und Pestiziden ist? Nein – denn:

„Schale zum Verzehr geeignet, heißt eigentlich nur, dass kein Nacherntebehandlungsmittel, kein Schimmelpilzmittel auf die Produkte aufgebracht worden ist.

Das schließt aber nicht aus, dass während des Anbaus zum Beispiel Insektizide, Herbizide, also Pflanzenschutzmittel, verwendet werden.

Ansonsten kann man tatsächlich, wenn man die Schale von Zitrusfrüchten verwenden möchte für den Verzehr, dann am besten Bio-Produkte empfehlen, weil dort entsprechende Pflanzenschutzmittel gar nicht eingesetzt werden dürfen.“

Christa Bergmann (Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt)

Alternativen?

Es gibt mittlerweile einige Bauern, die sich frei gemacht haben von dem Preisdruck der großen Konzerne. Sie vertreiben ihre Produkte über das Internet. Dafür werden die Orangen direkt nach dem Pflücken per Kurier und ohne Zwischenhändler zum Kunden nach Hause geschickt. Die Orangen sind dadurch deutlich frischer, da sie vom Feld zum Konsumenten maximal drei Tage unterwegs sind. Deshalb ist der Geschmack auch ganz anders, als der, den der Konsument aus den Supermärkten gewohnt ist. Allerdings hat Qualität und Frische auch ihren Preis. Davon bleibt aber ein Großteil direkt bei den Bauern auf dem Hof, und genau darum sollte es doch gehen. Fair gehandeltes, leckeres, gesundes Obst – frei von Pestiziden und Sklavenarbeit.

Tipp (keine Werbung):

Orangen direkt von der Plantage können Sie beispielsweise online bei Javier Casesnoves bestellen.

Netzfrau: Yvonne Opalka

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. nicht erwähnt wird, ist, daß in Deutschland überwiegend Orangen minderer Qualität im Vergleich zu anderen Ländern zum Verkauf angeboten werden. Für Qualitätsware sind mindestens EUR 3,99 pro Kilogramm üblich. Die Säfte, welche die o. g. Durchschnittspreisangabe natürlich mindern, sind durchgehend wässrig und weisen wenig Orangengeschmack auf.

  2. Neben den menschenverachtenden Zuständen auf den Orangen-Plantagen kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu – wir brauchen ernährungsphysiologisch keine Früchte aus subtropischen Bereichen!
    Nicht umsonst heißt eine Binsenweisheit „Wo du gesät bist, sollst du blühen.“
    Ernähre dich also mit dem, was dort wächst, wo du geboren bist, bzw. wo du lebst.
    Alles was wir für unsere Ernährung brauchen, wächst vor unserer Haustür. Damit ist eigentlich auch schon zum großen Teil beantwortet, was wir essen sollten.

    Eine absolut ungesunde Sitte ist das (morgendliche) Trinken von Orangensaft. Eine Unsitte, die nach dem Krieg aus Amerika zu uns herübergeschwappt ist. In praktisch jedem Hotel findet man heutzutage das Glas Orangensaft zum Frühstück.

    Orangen sind kühlende Lebensmittel, sie wachsen ausschließlich in Gegenden, in denen es heiß ist. Sie bieten den dort lebenden Menschen die Möglichkeit eines kühlenden Ausgleichs zum heißen klima. Obst- und Gemüsesorten, die zur Reifung sehr viel Sonneneinstrahlung benötigen, wirken am kühlesten auf unseren Körper. In unseren Breitengraden daher eher kontraproduktiv.

    Essen wir hier im Winter Südfrüchte – in der Werbung fälschlicherweise so oft als vitaminreich und gesund hingestellt – übersäuern wir zudem unseren Körper, Organe wie Milz und Magen werden geschwächt. Es kommt zu einem Energiemangelzustand, was wiederum das Entstehen von Erkältungskrankheiten im Winter begünstigt. Der Körper wird zu kalt und hat nicht mehr genügend Wärme und Energie, die äußere Kälte abzuwehren.
    (Nebenbei: Orangen gerade im Winter wegen des angeblich so gesunden Vitamin-C-Gehaltes zu essen ist völliger Blödsinn – heimischer Weißkohl z.B., enthält zehnmal mehr Vitamin C!)

    Wie borniert unsere Weltanschauung aber mittlerweile ist, konnte man vor einigen Jahren sehen, als das Bundesverbraucherschutzministerium Renate Künast kritisierte, nachdem diese die Verbraucher aufforderte, mehr heimische Produkte zu kaufen. Der Einzelhandel warf der damaligen Verbraucherschutzministerin sogar noch „deutschtümelnde Kaufapelle“ vor.
    Aber solange der Rubel rollt, ist die Welt ja angeblich in Ordnung ….

    • Waren Sie schon mal in einer Gegend wo es heiß ist ? Mit einer Orange abgekühlt oder doch in den Schatten, klimatisierten Raum gegangen? Welche Vorgehensweise hatte denn einen grosseren Effekt? Ihre Ausführungen mögen ja stimmen, nur ist ihr Effekt vergleichsweise marginal.

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