In einem offenen Brief an das „Handelsblatt” wendet sich Alexis Tsipras an die Deutschen

tsiprasWir haben diesen offenen  Brief, welcher vom neuen griechischen Präsidenten Alexis Tsipras schon vor der Wahl geschrieben wurde, aus Griechenland erhalten.

Mittels der Zeitung Handelsblatt richtete Alexis Tsipras am 13. Januar 2015 einen offenen Brief an die deutschen Bürger, den wir für Sie hier veröffentlichen. 

Liebe Leser des Handelsblatts,

die Mehrheit von Ihnen wird sich bereits jetzt eine Meinung darüber gebildet haben, was sie in diesem Artikel lesen wird. Das ist mir bewusst. Ich wage es dennoch, sie darum zu bitten, sich den folgenden Zeilen möglichst vorurteilsfrei zu widmen. Denn Vorurteile sind, vor allem in Zeiten der Wirtschaftskrise, keine guten Berater, sie schüren Intoleranz, Nationalismus, Rückwärtsgewandheit, ja sogar Gewalt.

Ich wende mich mit einem offenen Brief an Sie, um Ihnen eine andere Sicht auf das zu geben, was sich vom Jahr 2010 bis zum heutigen Tage an abgespielt hat. In erster Linie jedoch möchte ich Ihnen in aller Aufrichtigkeit die Vorschläge und Zielsetzungen meiner Partei SYRIZA erläutern, welche am 26. Januar die dann neu gewählte griechische Regierung stellen könnte.

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Der griechische Staat ist seit 2010 nicht mehr dazu in der Lage, seine Schulden zurückzuzahlen. Unglücklicherweise beschloss man auf offizieller europäischer Seite, so zu tun, als könne man diesem Problem mittels des größten in der Menschheitsgeschichte je gewährten Kredites und der strikten Durchsetzung eines finanz- und strukturpolitischen Anpassungsprogramms Herr werden. Und das, obwohl dies mit mathematischer Gewissheit das Zusammenschrumpfen des Inlandseinkommens zur Folge haben musste, aus welchem die Abzahlung neuer wie alter Kredite finanziert wird.

Kreditvereinbarung entschieden abgelehnt

Man ging  das Problem an, als handle es sich beim drohenden Staatsbankrott um einen Liquiditätsengpass. Anders ausgedrückt: Man machte sich die Logik eines Bankers zu eigen, der, statt sich einzugestehen, dass sein an eine bankrotte Firma ausgezahlter Kredit „geplatzt“ ist, dieser einfach weitere Geldsummen verleiht und sich vormacht, die Kredite würden abbezahlt, wenn man die unabwendbare Pleite nur immer weiter hinauszögere.

Es hätte nicht mehr als gesunden Menschenverstand gebraucht, um zu erkennen, dass das konsequente Festhalten am „Extend and Pretend“-Dogma für mein Land in einer Tragödie enden würde. Es hätte nicht mehr als gesunden Menschenverstand gebraucht, um zu verstehen, dass man, statt Griechenland zu stabilisieren, nur Öl ins Feuer einer sich immer wieder aufs Neue selbst entfachenden Krise goss, die Europa bis in seine Grundfesten bedroht. Die im Mai 2010 verabschiedete Kreditvereinbarung wurde von meiner Partei und mir entschieden abgelehnt. Nicht weil wir glaubten, Deutschland und unsere anderen Partner hätten uns nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt, sondern weil wir der Auffassung waren, dass sie uns weit größere Summen haben zukommen lassen als angemessen, weit mehr als anzunehmen wir berechtigt gewesen wären. Geldsummen, die weder der griechischen Bevölkerung zugute kommen würden, da sie nur dazu bestimmt waren, in ein Schuldenfass ohne Boden geworfen zu werden, noch das Anwachsen der Staatschulden, deren Last unsere Partner unweigerlich immer wieder auf Ihre Bürger abwälzen würden, würden verhindern können.

Diese unleugbare Tatsache war auch der Bundesregierung bekannt und wurde dennoch verschwiegen.

Tausende Unternehmen in den Ruin getrieben

Weniger als ein Jahr darauf erwies sich unsere Einschätzung als richtig. Die Kombination aus Neuaufnahme enormer Kreditsummen und massiven Kürzungen vermochte es nicht nur nicht, die Schuldenproblematik zu zähmen, sondern traf darüber hinaus auch die Schwächsten unserer Gesellschaft hart. Gewissenhafte Arbeitnehmer waren arbeits- und obdachlos geworden und fühlten sich vor allem ihrer Würde beraubt. Die massiven Einkommensverluste trieben Tausende Unternehmen in den Ruin und verhalfen den verbliebenen dazu, sich als Oligopole zu etablieren und an Stärke zu gewinnen.

In Zeiten, in denen das Defizit an Hoffnung und Perspektive größer ist als alle anderen Defizite, brauchte es nicht lange, bis das „Schlangenei“ des Faschismus ausgebrütet war und Neonazis in den Nachbarschaften unseres Landes zu patrouillieren begannen, um Hass und Gewalt zu säen.

Trotz des fulminanten Scheiterns dieser Strategie hält man bis zum heutigen Tag an der erwähnten Logik der Verlängerung und Täuschung fest. Mit der im Jahr 2012 getroffenen Kreditvereinbarung lud man eine noch größere Schuldenlast auf die ohnehin schon schwachen Schultern Griechenlands und löste eine neue Rezession aus, während die Gelder unserer Partner in die Finanzierung eines Systems persönlicher Bereicherung und Vorteilsnahme verwendet wurden und der damals vorgenommene Haircut vornehmlich die Einlagen der Sozialversicherungs- und Rentenkassen beschnitt.

Leugnen mathematischer Tatsachen

In der letzten Zeit hört man Beobachter von einer Stabilisierung Griechenlands sprechen, sogar von Wachstum ist die Rede und davon, dass die verfolgte Politik nun Früchte trage. Dabei handelt es sich um eine willkürliche Verzerrung der Tatsachen, welche einer genaueren Analyse nicht standhalten kann. So markiert der jüngste Anstieg des realen Nationaleinkommens um 0,7 % nicht etwa das Ende der Rezession, sondern deren Fortsetzung, da im selben Zeitraum die Inflation bei minus 1,8 % lag.

Die Wahrheit ist, dass die Staatsschulden Griechenlands nicht zurückgezahlt werden können, solange die griechische Volkswirtschaft ständigen fiskalischen Ertränkungsversuchen ausgesetzt ist (fiscal waterboarding). Das Beharren auf dieser ausweglosen und menschenverachtenden Politik und das Leugnen mathematischer Tatsachen kostet den deutschen Steuerzahler Unmengen an Geld und das griechische Volk seine Würde. Und führt, noch viel schlimmer, dazu, dass sich Griechen gegen Deutsche und Deutsche gegen Griechen wenden und so dem Gedanken eines demokratischen und geeinten Europa tiefe Schäden zufügen.

Deutschland, und vor allem die hart arbeitenden deutschen Steuerzahler haben von einer SYRIZA-Regierung nicht das Geringste zu befürchten. Ganz im Gegenteil.

Kleptokratischem System den Kampf angesagt

Unser Ziel ist es nicht, auf Konfrontation mit unseren Partnern zu gehen, noch mehr Kredite oder einen Freibrief für neue Defizite zu erhalten. Unsere Ziele sind die Stabilisierung des Landes, das Erreichen eines ausgeglichenen Primärhaushaltes und die Beendigung dieses Aderlasses, den deutsche und griechische Steuerzahler dank dieser absolut unangemessenen Kreditvereinbarung über sich haben ergehen lassen müssen. Wir fordern ein Ende des „Extend and Pretend“–Dogmas, und zwar nicht zu Lasten der Bürger Deutschlands, sondern zu unser aller Vorteil.

Liebe Leser, ich weiß, dass hinter der Forderung nach genauester Durchsetzung dessen, was vereinbart wurde, die Befürchtung steht, die Griechen könnten, wenn man es ihnen erlaube, einfach weitermachen wie bisher. Ich habe großes Verständnis für diese Sorge und möchte klarstellen, dass es nicht meine Partei, dass es nicht SYRIZA war, die dieses System aus Korruption, persönlicher Bereicherung und Vorteilsnahme geschaffen hat, sondern eben jene, die heute allzu sehr auf die Einhaltung des Vereinbarten und die Fortführung des Reformprogramms pochen. Selbstverständlich nur, wenn dabei ihre eigenen Privilegien, wie dies in den vergangenen vier Jahren und unter der Regierung Samaras der Fall war, gänzlich unangetastet bleiben. Wir haben diesem kleptokratischen System den Kampf angesagt und werden eine weitreichende Reform des Staates und der öffentlichen Verwaltung vornehmen sowie Transparenz, leistungsorientierte Einstellungs- und Beförderungssysteme und Steuergerechtigkeit schaffen, darüber hinaus hart gegen Geldwäscher vorgehen.

Das ist unsere Reformagenda. Die Reformagenda, die wir dem griechischen Volk bei den kommenden Wahlen zur Abstimmung vorlegen.

Mehr Solidarität und mehr Demokratie

Ziel ist es, im Rahmen der Eurozone zu einer neuen Übereinkunft zu kommen, die es der griechischen Bevölkerung möglich macht zu atmen, ihre Produktivität freizusetzen und in Würde zu leben. Mit Wiederherstellung der Schuldentragfähigkeit und einem Ausweg aus der Rezession. Mittels Wachstumsfinanzierung statt zum Scheitern verurteilter  Austeritätspolitik, welche immer wieder in die Rezession führt. Mit Förderung des sozialen Zusammenhaltes. Mit mehr Solidarität und mehr Demokratie.

Am 25. Januar wird in Griechenland eine neue Chance für ganz Europa geboren. Mögen wir sie nicht ungenutzt lassen.

Das Nationaleinkommen sank also weiter, nur eben weniger stark als die Durchschnittspreise. Der Schuldenberg wächst beständig weiter. Wir haben es mit einer beschämenden Schönung der Statistik zu tun, mit welcher man die Effektivität der von der Troika in Griechenland verfolgten Politik zu belegen – und die Europäer, die das Recht haben, endlich die Wahrheit zu erfahren, ein weiteres mal hinters Licht zu führen versucht.

Maria von Radio-Korfu.de

Maria ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mittlerweile lebt sie seit über 13 Jahren in Griechenland, spricht beide Sprachen und fühlt sich in beiden Kulturen zu Hause. Hauptberuflich betreibt sie die Personaldienstleistungsagentur Gefyra für griechische Ingenieure. Besonders am Herzen liegt ihr der Austausch, das Verständnis und die Vermittlung zwischen Griechen und Deutschen.

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21 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Da hat uns die Merkel aber etwas anderes erzählt. Wiso darf man als Lügnerin Bundeskanzlerin sein oder ist das Vorraussetzung?

  2. Seltsam, unsere ReGIERung stellt das Ganze irgendwie anders dar, ob da System hinter steckt. Aber vielleicht bekommen sie dann bei diesen „Eklat“ das TTIP-Abkommen durch, ohne Aufschrei der Hammelherde, ‚tschuldigung meinte natürlich den Bürger der BRD.

  3. Hallo, der Ersteller muss sich nicht für seinen Brief entschuldigen, im Gegenteil. Auch das letzte Schlafschaf wird die globalen Zusammenhänge erkennen, sofern es einwenig aufwacht und eine Summe aus Vergangenem und Gegenwärtigen zieht. Ich drücke ganz Europa, jedem Politiker der seine Arbeit ernst nimmt und insbesondere der Bevölkerung Europas (auch der Welt) die Hand sich endlich klar zu werden, wo und warum es so ist wie es ist.

  4. Liebe Andrea, deine Zeilen bringen es bereits auf den Punkt. Ich kann sie nur unterstreichen.
    Aber eine Herde die schläft, wird erst aufwachen, wenn sie selbst in die Grube gefallen ist.

  5. Wir werden doch nur noch belogen und trotzdem wählt der Michel immer wieder den gleichen Parteieneinheitsbrei,die Griechen waren da jetzt ein bisschen schlauer…

  6. Ich wünsche der neuen Regierung in Athen viel Glück. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung.
    leider gibt es In meinem Bekanntenkreis noch viele schlafende Schafe. Bei denen bin ich etwas
    wirr im Kopf. Gestern war ich mal wieder auf einem Stammtisch mit Gleichgesinnten und
    das tut der Seele dann auch wieder gut.

  7. Wenn die griechischen Herren der Politik keine falschen Angaben bei der EU Kommission zwecks EU Mitgliedschaft gemacht hätten und alle ihre Steuern zahlen würden, wären sie nicht nur in der EU sondern auch nicht in dieser Situation. Kein Mitleid von mir…

    • Wer hat die falschen Angaben gemacht -die Herren der Politik – oder die Herren von Goldman Sachs? – Vielleicht erst erkundigen

    • Wenn die Deutschen Damen und Herren der Politik und die EU Kommission für alle EU Mitgliedschaften (und für “ Naehlady „) alles richtig gemacht hätten ,und nicht das eine Auge zugedrückt, und gleichzeitig mit dem anderen gezwinkert hätten …..
      würden sie “ Naehlady „die hälfte an Miete bezahlen,ihre Steuern heute noch in D-Mark begleichen, keine Solidaritätssteuer kennen ,und noch 100% ihres Zahnersatzes von der AOK bekommen ,Harz 4 wäre ein Fremdwort ,ihr Arbeitgeber wäre eventuel NOCH ein Mittelständischer Betrieb ,und ihr Arbeitsvertrag wäre unbefristet und nicht von einem ZEITARBEITSBÜRO auf 3monate befristet…..
      DANN liebe/r Frau/Herr “ Naehlady „wären sie und alle Deutschen heute nicht in der EU und auch nicht in dieser Situation.
      für all die Papagallos die Texte aus der „BILD“ nachplappern
      Kein Mitleid von mir…

  8. …es gab auch die ‚WEISSE ROSE“ damals und in mein Heimat, bei Thessaloniki in 2en Weltkrieg wurden ca 500 tausend Juden getoetet (Rockfeller’Rotschild)!!! man braucht nicht ueber die diversen Skandalen ( Siemens, OTE, U-Boote, etc ) was schreiben. Es werden in der Politik krumme Geschaefte gemacht. In der Antike musste der „Politiker“ sein Vermoegen zur Sicherheit geben und heute die korrupter Politiker werden immer reicher. Die sind Sachfiguren, weil die Banken regieren. Es ist fragwuerdig, dass die Lazzard dem Finanzminister von Syriza bereit erklaert zu helfen, genauso wie den vorherigen Finanzminister geholfen hat!!! es wurden von den Reichen hohen Summen transveriert!!!… abwarten und Daumen drucken…

    PS. 1996 habe ich 3600.-DM verdient und der Mindestlohn jetzt in Griechenland liegt bei
    600.- Euro!!!

  9. Alles was Passiert ist ein Puzel das zusammengefügt auf eine Weltregierung zusteuert.
    Damit wäre die ganze Erde unter einer Kontrolle.
    Was auch immer gesagt und getan wird, dies ist der Plan von der unsichtbaren Macht.

  10. Ich wuensche den Griechen aus tiefstem Herzen, dass sie ihren eigenen Weg gehen, unabhängig von dem ganzen kriminellen Abschaum, der uns alle an den Rand des Abgrunds getrieben hat.
    Es stehen weit mehr Menschen hinter Griechenland, als man denkt.
    Zu hoffen ist, dass das griechische Beispiel die grosse Runde macht ! >3

  11. Offensichtlich müssen erst ( symbolisch) die Jachten in Griechenland brennen, bevor die Oligarchen erkennen, wie schlecht es ihrem Volk geht. Die Korruption der ehemaligen Regierung in Griechenland war immens. Ich wünsche den Griechen die Kraft, endlich den Reichen, die ihr eigenes Volk durch irrsinnigen Steuerentzug mit in den Ruin getrieben haben, die „Zähne“ zu zeigen.

  12. Das viele Geld welches nach Griechenland geflossen ist muss ja irgendwo sein!!!
    Wenn die Elite sich aus dem Staub macht und keine Steuern bezahlt ist das kriminell !!!

    • Das Geld, welches Griechenland bekommen haben diente den Banken – Dazu haben die Netzfrauen geschrieben. Die Menschen haben nichts davon gesehen – siehe auch Spanien.

  13. Meiner Ansicht nach kann nur ein System Griechenland retten, und das ist das Sysrem der Regionalwährung.
    Siehe Silvio Gesell, Benjes und weitere Schriftsteller

  14. macht euch unabhängig, mit Regionalgeld, Bildungsgutscheinen nach dem Vorbild Brasiliens- „Saber“, Tauschbörsen, Repaircafes, Regionaler und saisonaler Ernährung, erzieht eure Kinder selbst zu verantwortlichen, kreativen Menschen, homöopathische Behandlung bei allen Krankheiten, ist günstig, und geht an die Ursachen, statt symptomatische Linderungsbehandlung, lasst euch nicht impfen, weder körperlich noch geistig- über die offiiziellen Medien, baut „Earthships“, bilig aus Recycling Material, mit unabhängiger Energieversorgung….alles ist möglich, es gibt genug zu tun, fangt an, hier und weltweit, denn wir sind eine Familie, wenn es einem Menschen nicht gut geht, betrifft es alle!

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