Genozid der Tutsi


Tutsi JungeGegen das Vergessen

Im April dieses Jahres wiederholt sich der Jahrestag eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheit zum 21. Mal. 1994 fand der Völkermord an der Tutsi-Minderheit in Ruanda statt.

Die Tutsi leben in Ruanda und Burundi im Osten Afrikas und im östlichen Grenzgebiet der Demokratischen Republik Kongo. Sie sind eine sozial lebende Gruppe, zu vergleichen mit einer indischen Kaste. Die Kolonialmächte Deutschland, Großbritannien und Belgien festigten eine Unterscheidung der beiden Gruppen Hutu und Tutsi. Interessanterweise gab es keinen geografischen oder gar einem geburtsbedingten Grund für die Beurteilung, wer ein Tutsi oder Hutu war.

Man unterschied nach der Menge der Rinder, die ein Mensch besaß. Wer viele Rinder besaß; war ein Tutsi, und wer weniger Rinder besaß, ein Hutu. Hierbei interessierte es im Hinblick einer Regierungsbildung nicht, dass die Hutu rund 85 % der Bevölkerung ausmachten. Im Zuge dieser Unterscheidung der Großmächte regierte die Minderheit der Tutsi das Land. Die Kolonialmächte zogen ab und überließen das Land den Konflikten, die daraus entstanden. Im Jahre 1994, nach vielen Unruhen in den Jahren davor, eskalierte die Situation zwischen den Tutsi und den Hutu dann endgültig.

Manchmal erleben Netzfrauen im Zuge der Recherchen ein Déjà-vu. Und manchmal muss man die tragische Einsicht gewinnen, dass Menschen nicht aus ihren Fehlern lernen.

Der Kanadier Roméo Dallaire, Kommandeur der in Ruanda stationierten 2500 Blauhelme, informierte schon ganz zu Beginn seiner Übernahme der dortigen Einheit 94 seine Vorgesetzten über bedenkliche Vorgänge. Ein Insider hatte Dallaire die Information über die Planung eines Putsches der Hutu-Extremisten zugespielt. Die UN-Zentrale in New York nahm diese Warnung fatalerweise nicht ernst.

Anfang April begann der Putsch der Hutu auf den damaligen gemäßigten Präsidenten Ruandas, Habyarimana. Sie schossen sein Flugzeug ab und töteten ihn. Noch am gleichen Tag begann das systematische Abschlachten der Tutsi, anders kann man das nicht nennen.

Dallaire setzte sich mit UN-Generalsekretär Kofi Annan in Verbindung und berichtete von der Situation. Der verbot jedoch jede Einmischung mit der Begründung, sein Mandat binde ihn an eine neutrale Haltung.

In einer Kirche wurden internationale Militärbeobachter gezwungen, bei einem Massaker zuzusehen. Die Extremisten machten auch vor anderen Kirchen nicht halt.

Diese erschütternden Zitate stammen von überlebenden Frauen:

„unsere Mutter sagte uns immer, dass man in einer Kirche sicher sei, also versuchten wir, dort Schutz zu finden. Als wir in der Kirche ankamen, war ein Gottesdienst in Gang. Wir blieben und nahmen an der Predigt teil. Plötzlich stürmten Männer in die Kirche und bedrohten den Pfarrer. Der kniete nieder und sagte den Männern, dass Sie alles und jeden mitnehmen könnten. Sie sollten nur bitte das Gebäude nicht beschädigen. Die Männer trieben uns zusammen, nahmen uns alles ab, was wir besaßen und töteten dann einen nach dem anderen. Ich habe nur überlebt, weil sie mich zwischen den Toten nicht entdeckten“.

Keiner wurde verschont. Weder Kinder, die verzweifelt um ihr Leben bettelten und weinten, noch Frauen und schon gar keine Männer.

Dallaire bat um 4000 Soldaten, um die Morde zu stoppen. Ende April zog Belgien aber seine Blauhelme ab. Fast gleichzeitig beschloss der UN-Sicherheitsrat trotz der Schilderung der Lage, alle Blauhelme abzuziehen. Bis auf eine Menge von ca. 300 Mann war keiner mehr im Land. Zu diesem Zeitpunkt waren schon ca. 200 000 Tutsi getötet worden.

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Mitte Mai wurde dann die Zahl der Toten durch das Rote Kreuz auf mittlerweile 500 000 Menschen geschätzt.

„Ich schlief tagsüber und schlich mich nur bei Nacht vorwärts. Wenn es hell wurde, versteckte ich mich unter den Leichen, die überall gestapelt am Weg lagen. Ich traute mich kaum zu atmen. Einmal, als ich in der Dämmerung losging, sah ich, wie eine Familie getötet wurde. Der Mann wurde erschossen. Die Frau, die ein Kind auf dem Rücken trug, wurde auf das Brutalste vergewaltigt. Das Kind und die Frau schrien fruchtbar. Es waren fünf Männer, die über sie herfielen. Als sich alle befriedigt hatten, schlugen sie mit einer Machete auf die Frau und das Kind ein. Ich hörte ein ersticktes Röcheln und dann sah ich, wie der Kopf des Kindes auf den Boden rollte. Ich zog mich leise wieder zurück und verbrachte zwei ganze Tage unter den Leichen, bevor ich mich wieder traute weiter zu gehen“.

Der UN-Sicherheitsrat beschloss im Mai, 5500 Soldaten nach Ruanda zu schicken. Annan hierzu: „Allerdings war nicht ein einziges Ratsmitglied bereit, Truppen beizusteuern. Ich selbst führte Dutzende Telefongespräche, aber die Antwort war stets dieselbe. Wir erhielten nicht ein einziges Angebot“.

„Ich war 16 Jahre alt und noch nie mit einem Mann zusammen gewesen. Die drei Männer hielten mich fest. Einer versuchte, in mich einzudringen, als ihm das nicht gelang, nahm ein anderer Mann ein Messer und schnitt meine Scham auf. Das tat furchtbar weh. Danach vergewaltigten sie mich alle drei. Immer und immer wieder taten sie das. Einer der Männer wollte mich danach umbringen. Ein andere sagte aber, dass sie mich doch lieber am Leben lassen, damit sie mich wieder vergewaltigen können“.

Dallaire: „Wir hatten Flüsse voller Leichen durchwatet, Brücken überquert, an deren Pfeilern sich die Toten stapelten, waren an Sümpfen vorbeigekommen, deren Pegel durch die Massen aufgeblähter toter Leiber gestiegen war“.

Erst Ende Juni waren die Völkermörder eingekesselt. Wohlgemerkt nicht von Blauhelmen, sondern von einer schlagkräftigen Rebellentruppe, die von der Tutsi-Minderheit dominiert wurde. JETZT erst entsandte Frankreich 2500 seiner Soldaten, um sowohl eine „Schutzzone“ für Hutus zu errichten als auch für die Völkermord-Milizen.

„Als ich merkte, dass ich schwanger war, legte ich mich auf den Bauch und drückte ganz, ganz fest. Ich wollte das Kind aus meinem Bauch haben aber ich konnte es nicht rausdrücken. Als meine Tochter dann zur Welt kam, konnte ich sie nicht lieben. Ich versuchte es, denn ich bin ja ihre Mutter aber ich misshandelte sie immer öfter. Ich versuchte, sie zu lieben, aber ich habe schaffte es nicht“.

Innerhalb von nur 100 Tagen fielen bei dieser Abschlachtung vom 6. April bis Mitte Juli 199, in etwa bis zu 1 000 000 Tutsi zum Opfer.

Kinder, Frauen und Männer wurden auf bestialische Weise getötet, vergewaltigt und verkrüppelt. Die Folgen dieses Gemetzels tragen diese bis heute, selbst die Menschen, die 1994 noch nicht lebten.

„Wir wurden angehalten, unseren Kindern zu erzählen, was passiert war. Also tat ich das. Mein Sohn sah mich an und sagte nichts. Er reagierte überhaupt nicht. Er redet auch heute kaum“.

„Als mein Sohn begann, Kleber zu schnüffeln und Alkohol zu trinken, war er 12 Jahre alt. Ich wusste nicht, was ich dagegen tun sollte. Ich war hilflos“.

Das Traurigste an der Geschichte ist die Tatsache, dass immer noch kein Frieden herrscht. Die FDLR, Forces Démocratiques de Libération, ist eine Rebellengruppe, die vorwiegend im Kongo operiert. Ihre Mitglieder sind vorwiegend Hutu. Sie begehen noch heute schreckliche Verbrechen. Die Situation in Ruanda ist nach wie vor schrecklich.

Ja, es ist furchtbar, was dort passiert, schrecklich, aber weit weg, zum Glück. Allerdings sitzt der Präsident der FDLR hier in Deutschland. Er regiert von Mannheim aus seine „Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas“, wie sich diese Gruppe auf Deutsch nennt. Wie es dazu kommen kann, das solch ein Mensch unter das deutsche Röckchen kriecht und es sich gut gehen lässt, während in seinem Auftrag furchtbare Dinge geschehen, ist uns im Moment noch ein Rätsel. Wir gehen dem aber nach. Abschließend ein Beitrag zum Thema.

Auf der Spur eines mutmaßlichen Kriegsverbrechers

Bei Völkermord drückt man gerne beide Augen zu, und zwar den Opfern

(c) Alexander Eilers (*1976), Aphoristiker

Netzfrauen

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