Staatlich verordnet – Gebärmaschinen im Iran

iran 1Der Iran ist in vielen Köpfen ein rückständiges, vom Islam geprägtes Land.

Doch wer genauer hinsieht entdeckt, dass der Iran sich schon seit Jahren erfolgreich nach westlichen Werten orientiert und entwickelt. Es sind z. B. im Moment 60 % aller Studenten dort weiblich. Viele Fortschritte machte der Iran in den letzten Jahren. Unter anderem ist die freie Wahl des Lebenspartners schon seit einiger Zeit vollkommen normal..

Auch wenn diese Punkte für uns selbstverständlich sind, stellten sie dort einen Fortschritt dar, der sich in den letzten Jahren zwar mühsam aber selbstbewusst entwickelt hat.

Es ist außerdem schwer für unsere westliche Welt zu akzeptieren, dass auch verhüllte Frauen selbständig sind und ein großes Selbstbewusstsein haben. Sie studieren Physik, Chemie und Mathematik. Viele Frauen im Iran sind momentan berufstätig und gehen in ihrem Job und den mittlerweile recht fortschrittlichen Ansichten auf.

Die Juristin Hamideh Mohagheghi, Vorsitzende der Muslimischen Akademie hier in Deutschland, lebt seit mehr als 30 Jahren bei uns und beschreibt Folgendes:

„…auch auf dem Land ist die Situation der Frauen besser, als man vermuten könnte. Insbesondere bewundere ich das Selbstbewusstsein der Landfrauen. Sie erledigen die meiste Feldarbeit und dazu die religiöse Erziehung der Kinder wie überhaupt deren Erziehung. Sie setzen sich sehr dafür ein, dass ihre Kinder eine gute Bildung bekommen und es ist offensichtlich, dass die Frauen durch dieses Engagement viel mehr zu sagen haben. Ich beobachte dann die Männer dieser Frauen, die ganz ruhig in einer Ecke sitzen und Tee trinken, während ihre Frauen alles entscheiden. Die Frauen sagen ganz deutlich, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Manchmal auch laut und in einer Art und Weise und in einem Ton, bei dem ich mir denke: Der arme Mann!“

Allerdings scheint noch Platz für eine Entwicklung nach oben zu sein, was das iranische Schulsystem angeht. Hier werden ca. 50 Kinder in einer Klasse unterrichtet. Überforderte Lehrer versuchen, den Kindern etwas bei zu bringen, was bei einer solchen Anzahl von Schülern in den staatlichen Schulen gar nicht geleistet werden kann. Wem eine gute Schulbildung seiner Kinder wichtig ist, schickt sie von Anfang an in private und teure Einrichtungen. Das beginnt schon im Kindergarten. Dort wird den Kindern meist schon die erste Fremdsprache beigebracht, nämlich Englisch. Wenn die Kinder etwas älter sind, schickt man sie zu einem Privat-Lehrer, der ihnen weitere Fremdsprachen beibringt. Das ist eine ziemlich kostspielige Angelegenheit und kann meist nur für maximal zwei Kinder geleistet werden. Das Bedürfnis, den Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen, und der Golfkrieg gegen den Irak haben zu einem problematischen Geburtenrückgang geführt.

Mit der Revolution 1978 wurde Schah Mohammad Reza Pahlavi abgesetzt, womit die Monarchie im Iran abgeschafft war. Kurz danach fand der Krieg gegen den Irak  (1980) statt und trug zu einer Rationierung der Grundversorgung der Menschen bei.

Harmideh Mohgheghi dazu:

„Pro Kopf und Monat wurde beispielsweise 1 Kilo Zucker zugeteilt. Wer mehr als zwei Kinder hatte, bekam zeitweise keine zusätzlichen Coupons. Das war eine der Maßnahmen, um zu zeigen, dass zwei Kinder genug sind. Und daran haben sich viele gehalten“.

Waren es 1980 noch im Schnitt sechs Kinder je Frau, so sank die Anzahl der Kinder einer Familie im Zuge der Veränderungen, innerhalb von 30 Jahren auf heute aktuell 1,7 Kinder je Frau.

Die Zweikindfamilie setzte sich als Ideal in der iranischen Gesellschaft durch. Verhütungsmethoden wie Pille, Spirale und Kondome wurden jetzt häufig in den Städten Irans verwendet. Auf dem Land war der Geburtenrückgang teilweise noch höher, obwohl dort noch nach der traditionellen Methode, dem Coitus interruptus, verhütet wurde. Es liegt also nahe, dass hier eventuell auch Abtreibungen eine große Rolle gespielt haben.

Die Geburtenrate schrumpfte deutlich und schnell um 70 %. Das ist um ein Vielfaches schneller als diese Entwicklung im Zeitraum von 30 Jahren in Deutschland brauchte. Die Geburtenrate in anderen Ländern schrumpfte im Schnitt nämlich nur um 30 %.

Diese rasant fallende Geburtenrate im Iran ist eine der Größten in der Geschichte der Menschheit. Die Konsequenzen daraus werden jetzt wieder nach ganz alten Methoden auf den Rücken der Frauen gepackt.

Die Iran-Expertin Raha Bahreini der NGO (non-governmental organization) der Amnesty International, erklärte in einem Bericht, sie befürchte, dass Frauen zu „Gebärmaschinen“ reduziert würden. Es liegt ein Gesetzentwurf vor, der unter anderem den Gebrauch von Verhütungsmethoden einschränkt oder sogar ganz verbietet. Außerdem ist eine Diskriminierung von kinderlosen Frauen am Arbeitsmarkt in Planung. Der Gesetzesentwurf, der sich auf die Verhütung bezieht, kann jederzeit in Kraft treten, so Bahreini zur Ernsthaftigkeit dieses Entwurfs.

Im Iran ist die freiwillige Sterilisation die zweithäufigste Verhütungsmethode, auch diese soll verboten werden. Zusätzlich soll auch die Information über Verhütungsmethoden gänzlich untersagt werden.

Schon im Jahr 2012 wurde das staatliche Familienplanungsprogramm, das Kondome und Sterilisationen subventionierte, ersatzlos gestrichen.

Bahreini meint zur Streichung, dass internationale Studien gezeigt hätten, dass sie nicht grundsätzlich zu einer höheren Anzahl von Geburten führt. Und selbst wenn dies so wäre und die Geburtenrate anstiege, „…rechtfertigt dies nicht die massive Beschneidung der Rechte der Frauen“. Der Nebeneffekt sei ein Anstieg der Müttersterblichkeit, da sich Frauen nunmehr unsauberen und illegalen Abtreibungen unterziehen werden, so die Expertin.

Die Word Health Organisation (Weltgesundheitsorganisation) berichtete für das Jahr 2008 über weltweit 21,6 Millionen illegale Abtreibungen. Zudem sind danach bei fünf Millionen Frauen Behinderungen aufgetreten.

Der zweite diesbezügliche Gesetzesentwurf bereitet der Expertin ähnliche Kopfschmerzen. Ab April wird darüber diskutiert werden, ob bei Bewerbungsgesprächen bevorzugt in dieser Reihenfolge – Männer mit Kindern – Männer ohne Kinder – Frauen mit Kindern – entschieden werden soll. Bahreini meint, dass kinderlose Frauen dann keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt hätten. Die ersten Auswirkungen hätten sich schon gezeigt, „…Bereits jetzt nehmen nur 17 Prozent der Frauen am Arbeitsmarkt teil. Darin enthalten sind auch jene Frauen, die auf der Suche nach Arbeit sind.“

Außerdem sollen Scheidungen im Iran nun nicht mehr so einfach durchzusetzen sein wie bisher. So würden die Frauen wieder in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Männern geraten. Auf diese Weise wollen die iranischen Behörden der Kontrolle über die Körper der Frauen ein Stück näher kommen.

INFOBOX

Iran – Säure-Überfälle auf Frauen

Netzfrauen IranZunahme der Proteste gegen die unmenschlichen Verbrechen des geistlichen Regimes und das Verspritzen von Säure gegen Frauen. Am Mittwoch, dem 22. Oktober, griffen abends die repressiven Truppen des Regimes aus Angst vor dem kochenden Zorn von tausenden, tapferen Menschen in Isfahan, die vor dem Justizgebäude der Mullahs in der Nibakht-Straße demonstrierten, die Versammelten an, verhafteten mehr als 50 Jugendliche und brachten sie an einen unbekannten Ort. In Teheran demonstrierte eine Anzahl von Menschen- und Frauenrechts-Aktivisten vor dem Parlamentsgebäude des Regimes (der Majlis). Dabei skandierten die Demonstranten Slogans wie diese: „Tod dem iranischen ISIS“, „Schlimmer als ISIS – bespritzt ihr uns mit Säure?“, „Tod den Säurespritzern“, „Die Verschleierung kann nicht erzwungen werden“, „Mit Hijab, ohne Hijab – wir wollen keine Säure-Überfälle“, „Frauenrecht auf Sicherheit? Säure-Überfall – Grausamkeit“, „Die frauenfeindlichen Gesetze sollten kassiert werden“. Quelle

Eine tragische und schlimme Rückentwicklung in einem Land, in dem die Frauen gerade erst ihren Platz im Haus und auf dem Feld verlassen und Fuß im Berufsleben fassen konnten. Selbständige, gebildete und bildhübsche Frauen werden nun zurückgeworfen in eine Zeit, an die sich keiner gern erinnert. Wir bleiben dran!

Netzfrau Ilo

R.I.P. Reyhaneh Jabbari – 1325

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