Gewusst? Zuwara in Libyen ist die größte Schlepperhochburg – Hier sterben jeden Tag Menschen

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Die Leichen von fünf Kindern wurden vor der Küste von Zuwara, Libyen, mit weiteren 111 Leichen aus dem Wasser gezogen. Nur 180 Flüchtlinge haben überlebt. Als das Boot kenterte, sollen sich zwischen 430 und 470 Menschen auf dem Boot befunden haben. Drei Schlepper wurden festgenommen. Die Zahlen, die wir recherchierten, sind Schätzungen, da niemand genau weiss, wie viele in einem Boot mitgenommen wurden. Oft werden erst Tage später Leichen angeschwemmt. Viele bleiben für immer vermisst. (Auf Wunsch haben wir die Fotos der toten Kinder entfernt – hier geht es zum Original mit den Fotos)

Von der libyschen Küstenstadt Zuwara sind es mit dem Boot ca. acht Stunden bis Lampedusa. Der kleine Fischerort entwickelte sich zu einem Zentrum des Menschenschmuggels. Die eigene Küstenwache ist machtlos, die Schlepper werden immer mächtiger.

Der Hafen von Zuwara ist voll. Dicht an dicht liegen hier Fischerboote. Doch das Geld wird nicht mit Fisch verdient, sondern mit Flüchtlingen.

Wir haben dazu einen Augenzeugenbericht und sind erschüttert, was wir bei unserer Recherche herausgefunden haben.

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Die Tragödien von Zuwara

Zuwara gilt als ein wichtiger Knotenpunkt für Flüchtlinge, die mit dem Boot nach Europa wollen.

Bei den Kindern auf dem Foto (das wir auf Wunsch entfernt haben), handelt es sich um Opfer der jüngsten Tragödie, die sich vor der Küste von Zuwara, einer Küstenstadt etwa 60 km westlich von Tripolis, abgespielt hat.

„Diese Tragödie erschüttert unsere Gemeinschaft in Zuwara“, sagt Ibrahim Gibara, ein Beamter der Gemeinde Zuwaras. „Wenn Sie die Körper von den kleinen Kindern sehen, ist das einfach zu viel.“

Einige der Freiwilligen machten Fotos von den leblosen Körpern und schickten sie durchs Netz. Sie sollen aufrütteln und zeigen, dass das die bittere Realität ist. Es muss bekannt werden, damit endlich gehandelt wird.

Täglich kentern Boote

In Zuwara kentern immer wieder Boote. Tag für Tag müssen Menschen gerettet werden. Auch während wir schreiben, bekommen wir die Nachricht, dass Menschen sterben oder gerettet werden. Eine Tragödie sondergleichen spielt sich vor Zuwara ab – und die Welt schaut zu.

Zwei Boote kenterten unmittelbar nacheinander, das erste mit etwa 40 Menschen an Bord, von denen 25 Personen gerettet werden konnten. Drei Leichen wurden aus dem Wasser gezogen und 12 Menschen bleiben vermisst. Dann folgte eine weitere Tragödie mit 116 Leichen. Hier bleiben 150 Menschen vermisst.

Zuwara – Tag für Tag geschehen hier Tragödien. Die Mannschaft des Rettungsschiffs aus Schweden entdeckte ein Holzschiff, nur etwa 30 Meilen von Libyen entfernt, mit etwa 500 Menschen zusammengepfercht in einem Lagerraum. Nur etwa 400 von ihnen konnten gerettet werden. In der Nähe des Motors fanden die Retter 30 Leichen. Man vermutet, dass sie auf Grund giftiger Dämpfe und Asphyxie starben. Die italienische Küstenwache zählte später 52 Leichen.

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At one point, while rescuers from MOAS and Poseidon took people from a boat of about 570 people another with 600 migrants appeared on the horizon. Photo: MSF/ Gabriele Casini

8170 Menschen wurden innerhalb von nur 4 Tagen in Libyen gerettet

Allein von Samstag, dem 22. August 2015 bis zum Mittwoch, dem 26. August 2015 konnten 8170 Menschen gerettet werden.

Rund 67 Flüchtlinge starben, nachdem mehr als 3000 Menschen die Überfahrt nach Europa zwischen Dienstag und Mittwoch versucht hatten. Die italienische Küstenwache sagte in einer Erklärung, dass die rund 3000 Menschen in 10 verschiedenen Booten unterwegs waren. Sie mussten auf der zentralen Mittelmeerroute gerettet werden. Rettungskräfte aus der Migrant Offshore-Hilfe-Station (MOAS), Medicines Sans Frontieres (MSF), die schwedische Küstenwache und die italienischen Marine haben mindestens 1800 Menschen retten können. Die meisten von ihnen wurden etwa 30 Quadratmeilen nördlich von Zuwara gerettet. 

Beispiele für „typische“ Rettungsaktionen

Gegen 11 Uhr wurden Rettungskräfte von der Poseidon und MOAS auf ein Boot aufmerksam. An Bord etwa 600 Migranten. Auch hier entdeckten die Rettungskräfte Leichen.

Nur eine Stunde später: ein Schlauchboot mit 100 Menschen an Bord. Weitere 150 Menschen wurden an der Küste angeschwemmt, während das italienische Marineschiff Fiorillo in dieser Gegend unterwegs war.

Alle Holz – oder Schlauchboote sind total überbelegt. Die geretteten Menschen leiden an Übelkeit und Austrocknung. Auf den Booten werden sie zusammengepfercht, bis auch der letzte Platz belegt ist. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Menschen, desto mehr Geld für die Schlepper.

Überlebende berichteten: Die Menschen an Bord erzählen: Sie verließen Zuwara um Mitternacht von Dienstag auf Mittwoch. Viele von ihnen kamen aus Pakistan, Bangladesh und aus Afrika – südlich der Sahara.

Libya arrests three smugglers over refugee boat disaster

Das schnelle Geld mit den Flüchtlingen

Die Flüchtlinge zahlen hier pro Kopf 800 US-Dollar. Auf ein Schiff passen etwa 150 von ihnen. Das macht 120 000 US-Dollar, die in einer Nacht an Umsatz erwirtschaftet werden. Für jeden Beteiligten, vom Organisator des Schmuggels bis zu den Seeleuten, sind das 20 000 bis 30 000 US-Dollar. Wenn das Schmuggelschiff verloren geht, weil es sinkt oder von den Europäern nach der Rettung der Flüchtlinge abgeschossen wird, bleibt immer noch ein großer Gewinn. Ein einfaches Schiff gibt es in Libyen schließlich schon ab 6000 US-Dollar.

Mitglieder der libyschen Roten Halbmond dazu neigt, Überlebende von Mittwoch Tragödie, in der 12 Personen gedacht werden, um ihr Leben verloren haben.

„Sie brachten uns in einen Van mit schwarzen Fenstern.“

Faisal, ein 30 jähriger aus Pakistan sagt, dass er sein Land vor zwei Jahren verlassen hätte, um in Libyen Arbeit zu finden. Er ließ sich in Sirte nieder. Doch dann kam die Terrorgruppe ISIS und übernahm die Küstenstadt.

„Ich konnte nicht mal bleiben, obwohl ich ein Muslim bin. Es war einfach zu gefährlich. Einem Schmuggler musste ich LYD 300 (etwa 150 €) bezahlen. Also machte ich mich auf den Weg nach Tripolis. Das Geld hatte ich von Verwandten bekommen. Dann ging ich nach Zuwara. Dort bot mir ein anderer Schmuggler für LYD 1000 (etwa 500 €) einen Platz auf einem  Boot an.“

Faisal sagte, er sei in einem „Haus“ in einem Viertel von Zuwara mit weiteren 121 Personen untergebracht worden.  

„Dann, am Dienstag, kamen sie zu uns und brachten uns in einem Van mit schwarzen Fenstern unter. Es war eine Gruppe von fünf Schmugglern – zwei aus Tunesien, ein Libyer und zwei aus Nordafrika. Sie packten uns wie Sardinen in den Van. Wir waren in Gruppen von etwa 15 Personen aufgeteilt. Die, die unter Deck waren, haben zwischen LYD 500 und  LYD 800 (€ 250 auf € 400) bezahlt. Sie waren 15 Stunden in einem vollgestopften Raum ohne Belüftung. Eine Gruppe von 50 Personen wurde in einem Raum von etwa 3 Meter x 5 Meter und nur sechs Meter hoch vollgestopft. Weitere 30 wurden neben dem Motor platziert, trotz der Gefahr, den giftigen Rauch einzuatmen.“

So der Augenzeugenbericht von Faisal, der gerettet werden konnte. Die Menschen neben dem Motor starben, wie schon oben geschrieben, an den Dämpfen.      

Drei Menschenschmuggler nach der Tragödie verhaftet

Die Männer, alle aus Zuwara, wurden Donnerstagabend verhaftet, 24 Stunden, nachdem das Holzboot mit ca. 430 Flüchtlingen etwa fünf bis 10 Meilen vor Zuwara kenterte. Es handelt sich um den  21-jährigen Alyasse Krshman, den 32-jährigen Ayoub Askeer und den 26-jährigen Nasem Azzbi. Alle drei sind libyische Staatsangehörige und sollen für den Tod von mindestens 250 Menschen verantwortlich sein.

Die Polizei verhaftete die Männer nach Angaben von Überlebenden. Die Offiziere gaben den drei Menschenschmugglern die Fotos der toten Kinder in die Hand und veröffentlichte deren Fotos. Ihre Festnahme ist nahezu beispiellos. Im Juni konnten die Polizeibehörden keine einzige Verhaftung nennen – obwohl die Stadt als wichtiger Knotenpunkt von tausenden Migranten bekannt ist.

Die Hilfsmaßnahmen

Freiwillige Helfer aus Libyen, vom Roten Kreuz und aus Zuwara zogen nach einer Tragödie 116 Leichen aus dem Wasser. Die Toten waren an die Küste westlich der Stadt bis zur tunesischen Grenze angeschwemmt worden. Darunter die Kinder, die Sie auf dem Foto sehen.

Einem Bericht vom 5. August zufolge gab es Hunderte von Opfern vor dem Hafen von Zuwara. Die ersten Hilfsmaßnahmen werden von humanitären Schiffen aus und von der Küstenwache durchgeführt. Auch die Marine ist tätig, aber nichts zu sehen von Frontex / Triton und den Schiffen von EUNAVFOR MED.

Die Militäroperation EUNAVFOR Med

Der EU-Ministerrat beschloss am 18. 05. 2015 die Militäroperation „EUNAVFOR Med“, um im Mittelmeer sowie an der Küste Libyens militärisch gegen „Menschenschmuggler-Netzwerke“ vorzugehen. Dieses Vorhaben gefährdet Menschenleben. Flüchtlinge landen in der Falle, doch noch immer wird nichts vor Zuwara unternommen, obwohl hier Tag für Tag Menschen sterben.

Normalerweise hätte Frontex vor Ort sein müssen, um zu verhindern, dass Menschenschmuggler weiterhin tätig sein können. Doch die derzeitigen Rettungsmaßnahmen vor der Küste Zuwaras in Libyen beschränken sich auf nur wenige humanitäre Schiffe, die nördlich der libyschen Küste tätig sind. 

Heutige Rettungsmaßnahmen sind auf die wenigen humanitären Schiffe nördlich der libyschen Küste, in internationalen Gewässern, in der Nähe der Ölplattformen Offshore Bouri Field beschränkt. Einige Schlepper und Schiffe der italienischen Marine und die Ärzte ohne Grenzen sind vor Ort.  Quelle 

Frontex

Die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen, kurz Frontex genannt, unterstützt die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union bei der Überwachung, Kontrolle und Sicherung ihrer Außengrenzen.

Dazu zählen auch Einsätze gegen Flüchtlinge nach Europa und die Rückführung von Personen aus Drittstaaten.

Das Frontex -Einsatzgebiet reicht vom Seegebiet vor der senegalesischen Küste bis zur Ukraine. Italien forderte die EU-Gemeinschaft auf, mehr Beiträge zu leisten, um den Ansturm der Flüchtlinge, die ihren einzigen Ausweg in der Flucht übers Meer sehen, besser managen zu können.

Italien stellt die Aktion Mare Nostrum ein

Italien stellte aus Geldmangel die Aktion Mare Nostrum ein, woraufhin die EU Frontex einführte. Frontex, mit der Operation Triton, übernahm diese Aufgaben. Deren Einsatz kostet die EU jetzt 9 Mio € pro Monat. Das ist insofern merkwürdig, als Mare Nostrum mit 3 Mio € Monatskosten der EU zu teuer war, sodass sie die Mittel nicht aufstocken wollten. Frontex scheint eher ein gewinnorientiertes Unternehmen zu sein – die Arbeit leisten die humanitären Rettungsdienste. 

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Das Team auf dem Dignity1 kann bestätigen, dass es viele Tote gibt, aber Frontex und die EU sind nicht vor Ort. Warum investiert die EU 2,8 Millionen Euro gegen Schlepper und ist nicht mal da, wo die Hochburg der Schlepper ist? Während wir diesen Bericht schrieben, bekamen wir von der Dinity1 die frohe Botschaft, dass wieder 119 Menschen gerettet werden konnten. 

Tag für Tag sterben Menschen, die sich von Zuwara aus aufs Meer begeben.

Die Bewohner der Stadt Zuwara demonstrierten auf Grund der Tragödien. Sie versuchten, darauf aufmerksam zu machen, welche menschlichen Opfer die Haupteinnahmequelle der Stadt fordere. Zuwara nahe der tunesischen Grenze ist der wichtigste Ausgangshafen für Flüchtlinge auf dem Weg über das Mittelmeer nach Italien.

Dennoch floriert das Geschäft mit Flüchtlingen in Zuwara weiterhin. Für viele Familien in der Stadt ist Schlepperei – egal wie unethisch das Gewerbe auch sein mag – die einzige Einkommensquelle. Da fragen wir uns: Wo sind EU und UNO? Wollten Sie nicht gegen diese Schlepper vorgehen?

Netzfrau Doro Schreier

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo und vielen Dank für eure gute Arbeit, liebe Netzfrauen!
    Es ist sicher wichtig und richtig aufzuklären, den Menschen zu zeigen, was passiert. Nur bin ich nicht sicher, ob es richtig ist, die vermutlichen Schlepper mit vollem Namen und Foto hier zu veröffentlichen. Denn soviel ich weiß, gilt die Unschuldsvermutung bis es eine Verurteilung durch ein Gericht gab. Ich kann davon in dem Artikel nichts finden. Es mussten schnell »Schuldige« her und da sind sie. Einer von denen ist gerade 21 Jahre alt, das wäre bei uns die Grenze zur Jugendstrafe.
    Also mir wäre es lieb, wenn die Berichterstattung sich an die üblichen journalistischen oder menschlichen Richtlinie hielte und keine Vorverurteilung und Menschenjagdt unterstützt.
    Vielen Dank
    Beatrix

    • Welche „üblichen“ Richtlinien? Die von der Atlantikbrücke verordneten die man eher als Maulkorb klassifizieren kann ? Ich würde mal sagen, die Wahrheit geht vor.

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