Heiligabend – Anders als geplant

WeihnachtsmannHeiligabend – Mona ist zu Hause geblieben, während sich ihr Mann Tom die beiden Kinder geschnappt hat, um mit ihnen noch ein bisschen Schlitten zu fahren. Die ungeduldigen Söhne hätten sie ohnehin den letzten Nerv gekostet und wären obendrein bei den Vorbereitungen für das Fest keine Hilfe gewesen. Arbeit gibt es jedoch noch genug, besonders in der Küche. Zum frühen Abendessen würden schließlich auch ihre und Toms Eltern kommen. Mona gilt als gute Gastgeberin und gerade heute an Heiligabend soll alles perfekt sein. Im Wohnzimmer ist bereits alles fertig. Der Baum sieht wie immer wunderschön aus. Überall stehen Kerzen und mehrere Teller mit Plätzchen sind im Raum verteilt. Es duftet herrlich weihnachtlich.

Da klingelt es an der Haustür. Mona wundert sich. „Wer kommt denn jetzt? Tom kann mit den Kindern doch nicht schon wieder da sein. Die sind doch noch gar nicht lange weg.“, denkt sie sich.

Mona öffnet die Tür.

„Oh, mit Ihnen habe ich noch nicht gerechnet. Sie sind viel zu früh!“

„Das ist kein Problem. Ich kann warten“, erwidert der Mann mit dem langen weißen Kunstbart und der roten Zipfelmütze.

Mona zuckt mit den Schultern. „Auf nichts ist mehr Verlass“, denkt sie sich und hat mächtig Wut im Bauch. Den Weihnachtsmann hat sie über eine Agentur für 20 Uhr als besondere Überraschung für die Kinder bestellt. Na, das wird eine ordentliche Beschwerde geben, denn jetzt muss sie umdisponieren und die Bescherung noch vor dem Abendessen machen. Tief durchatmen. Heute ist Heiligabend, der Tag der Harmonie und des Friedens. Folglich also auch der falsche Zeitpunkt, um seinem Ärger laut Luft zu machen. Mit einem großen Jutesack unter dem Arm schlendert der Mann an Mona vorbei ins Haus. „Wohin?“, fragt er. „Der Baum ist ja wohl kaum zu übersehen“, antwortet Mona und kann sich dabei den spöttischen Unterton bei aller Höflichkeit nicht verkneifen. Was für einen Depp hat man da bloß wieder geschickt.

Im Wohnzimmer angekommen, lässt sich der Weihnachtsmann in einen Sessel plumpsen. „Möchten Sie solange etwas trinken?“, fragt Mona. Der Weihnachtsmann nickt. „Ein Bierchen wäre nett.“ Mona zieht die Augenbrauen hoch. Ein Bierchen? Was für ein seltsamer Wunsch für einen Mann, der später noch als seriöser Weihnachtsmann auftreten möchte. Womöglich hat er dann gar eine Alkoholfahne. „Nun gut“, denkt sie sich, „er soll sein Bierchen haben, aber nur ein einziges.“ Mona versorgt den Weihnachtsmann mit dem Getränk sowie einer Zeitung und verschwindet in der Küche. Nach einer Weile sieht sie nach dem Rechten. Inzwischen läuft der Fernseher und die Schale mit den selbstgebackenen Plätzchen steht neben dem Sessel auf dem Tisch. „Die waren eigentlich für meine Gäste gedacht“, knurrt Mona vor sich hin.

Sie beeilt sich mit ihren Vorbereitungen, denn diesen Weihnachtsmann möchte sie nicht noch viel länger unbeaufsichtigt lassen. Wer weiß, was ihm noch einfällt. Am Ende zupft er noch etwas vom Schokoladenbaumschmuck ab. Irgendwie ist ihr dieser Mann suspekt. Warum hockt er hier überhaupt so lange nutzlos herum, um auf seinen Einsatz zu warten? Hat er nichts Besseres zu tun, keine anderen Aufträge?

„Das ist wieder so typisch“, geht es Mona durch den Kopf, „die anderen haben ihren Spaß und ich bin wieder diejenige, die alles alleine managen muss“ Nach einer gefühlten Ewigkeit ist Mona endlich in der Küche fertig.

„Sie müssen sich nur noch ein wenig gedulden. Ich mache mich kurz zurecht und dann ist es fast schon soweit!“, vertröstet sie den Weihnachtsmann auf ihrem Weg zum Badezimmer. „Okay, Lady, wie Sie wünschen.“

Kopfschüttelnd geht Mona ins Bad. Eine seltsame Ausdrucksweise hat der Mann, so gar nicht weihnachtlich. „Außerdem, wie komme ich dazu, mich zu entschuldigen. Es ist doch allein seine Schuld, dass er warten muss.“ Schnell springt Mona unter die Dusche. Sie beeilt sich. Dann schlupft sie in ihren engen schwarzen Rock und zieht über dem dunkelroten Spitzen BH ihre glänzende weinrote Seidenbluse an. Mona lässt sie lässig über den Rock hängen, weil sie so ihr minimales Plätzchenbäuchlein verbergen will. „Hätte ich nur ein bisschen mehr Sport gemacht“, seufzt sie und holt die Schminkutensilien aus dem Schrank. Es beginnt eine kleine Prozedur von Make-Up, Concealer, über Kajalstift und Wimpertusche bis hin zum Puder und Rouge. In all diesen Töpfchen, Tuben, Pinseln und Quasten verbirgt sich das kleine Mysterium der Schönheit einer nicht mehr ganz jungen Frau. Mona zwingt sich zu einem Lächeln, doch ihr Spiegelbild verrät, wie schlecht ihr schauspielerisches Talent ist. Sie ist genervt. Schließlich greift sie zum roten Lippenstift. Zuerst die Oberlippe, dann setzt sie an der Unterlippe an.

Ohrenbetäubende Musik ertönt. Mona fährt vor Schreck zusammen und mit dem Lippenstift quer über die Wange bis fast zum Ohr. Himmel, was ist denn jetzt los? Sie prescht aus dem Bad. „Jetzt geht die Post ab, meine Süße!“, ruft der Weihnachtsmann über die laute Musik hinweg. Auf dem Tisch steht ein großer Rekorder. Sexy Thing von Hot Chocolate dröhnt durch das ganze Haus.

Mona bleibt mit offenem Mund stehen. Was ist denn in diesen Kerl gefahren? Spinnt er jetzt total?

„Was soll das?“, schreit sie, um die Musik zu übertönen. Der Weihnachtsmann beginnt, im Takt zu wippen. Mona zieht die Augenbrauen hoch. Was hat er vor?

Der Mann stellt einen Fuß auf den Sessel und zieht den Reißverschluss des Stiefels auf.  Kurz danach fliegt der Schuh im hohen Bogen auf das Sofa. Danach folgt der zweite Stiefel. Doch bevor er ihn ebenfalls wegwirft, nimmt er ihn zwischen die Beine und bewegt ihn im Schritt anstößig hin und her. Mona kann nicht glauben, was sie sieht. „Ach du heilige Sch…!“  Nun beginnt sich der Mann mit eindeutigen Posen auszuziehen. Mona schreit schrill auf. „Was tun Sie da? Hören Sie auf!“

Der Mann lacht und setzt seinen Striptease fort. „Für dich, Susi, von deinen Freundinnen Petra und Michaela!“

Mona schüttelt verzweifelt den Kopf. „Nein! Nein! Ich bin nicht Susi! Sie sind hier total falsch! Hören Sie auf!“ Ihre Stimme überschlägt sich.

„Susi, genieß es, Sexy Thing!“

„Schluss! Ich bin nicht Susi! Ich heiße Mona! Das ist eine schreckliche Verwechslung!“

Der Mann reißt sich die Jacke vom Leib und lässt die üppigen Muskeln spielen. Mona hebt die Jacke auf und hält sie dem Stripper verzweifelt entgegen. „Nehmen Sie! Ziehen Sie sich an! Gehen Sie wieder!“

„Ach Susi!“ Der Mann dreht sich um und streckt Mona das wackelnde Hinterteil entgegen.

„Was mache ich nur?“ Mona kann kaum einen klaren Gedanken fassen. „Wenn er mir nur glauben würde, dass ich nicht Susi bin … wenn Tom jetzt heimkäme … die Kinder … owei…“

Sie rennt mit der Jacke im Arm ins Schlafzimmer. Hatte sie dort nicht vorhin die Handtasche mit dem Ausweis abgestellt? Da fällt ihr der Reisepass ein, den sie immer in der Schublade ihres Nachtkästchens aufhebt.

Sexy Thing. Die Musik raubt ihr den letzten Nerv.

Sie schmeißt die Weihnachtsmannjacke auf ihr Bett, fällt auf die Knie und reißt die Schublade auf. Wo ist bloß das verflixte Ding, wenn man es mal braucht? Da entdeckt sie den Pass und reißt ihn hektisch heraus. Der Schublade gibt sie einen kräftigen Schubs. „Jetzt schnell wieder zurück, um die Sache zu beenden“, denkt sie sich. Ratsch! Ihre Bluse ist in der Schublade eingeklemmt und reißt in Stücke. Knöpfe kullern herum. „Egal“, denkt sich Mona, „nur schnell diesen furchtbaren Mann loswerden.“

Mona rennt mit zerfetzter Bluse ins Wohnzimmer. Der vermeintliche Weihnachtsmann tanzt inzwischen nur mehr mit einem weißen Tanga mit aufgemaltem roten Kussmund und der Zipfelmütze bekleidet im Wohnzimmer herum und gibt sein Bestes. Er zeigt auf Mona: „Sexy Thing!“

„Halt! Hier! Sehen Sie doch, ich bin nicht Susi!“ Mona rennt mit dem Ausweis wedelnd auf den Mann zu. Dabei stolpert sie über den zweiten Stiefel und verliert das Gleichgewicht. Mit den letzten Tönen der Musik breitet der Mann in einer finalen Pose die Arme aus und präsentiert seinen Körper. Mona strauchelt, dabei fliegt ihr Pass im hohen Bogen durch die Luft. Sie selber landet auf allen Vieren. „Yeah!“, ruft der Stripper. Mona schaut auf und starrt mit entsetzten Augen auf den Tanga vor ihrer Nase.

Die Haustür geht auf. Ein Chor von fröhlichen Stimmen erfüllt die unheimlich wirkende Stille, die Hot Chocolate hinterlassen hat.  „Hallo Mona“, ruft Tom, „stell dir vor, wir sind alle gleichzeitig angekommen! Ist das nicht ein lustiger Zufall? … Mona?“

copyright – Diese Geschichte ist von Netzfrau Doris Thomas

Netzfrau Doris Thomas ist eigentlich Kinderbuchautorin und widmet sich besonders dem Thema „Wale und Delfine“. Ihre selbst illustrierten Bücher findet man auf der Homepage www.Doris-T.de. Doris macht für uns tolle Zeichnungen und arbeitet bei uns aktiv mit.

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