Congratulations Canada – Kanadas cooles Kabinett: „Weil wir das Jahr 2015 schreiben“

KanadaKanada hat gewählt und erstmals wird in Kanada das Justizministerium von einem Mitglied der indigenen Völker Kanadas geführt: Jody Wilson-Raybould ist 44 und stammt aus der indianischen We-Wai-Kai-Nation. Die Menschen in Kanada haben sich für einen Kurswechsel entschieden.

Der neue Premierminister Trudeau besetzte die Hälfte der Regierung mit Frauen, eine Quote von 50 Prozent. Auf die Frage einer Reporterin, warum er die Geschlechter-Gleichheit für wichtig erachte, antwortete der neue Premier: „Weil wir das Jahr 2015 schreiben.“

Justin Trudeau löst Stephen Joseph Harper ab, der von 2006 bis 2015 an der Spitze der Regierung Kanadas stand. Unter Harper wurde die kanadische Provinz Alberta, die Heimat der Harpers, wegen des Teersandabbaus zerstört. Siehe auch Pipeline durchs Paradies, dort wo Wale singen.

Förderkonzerne zermalmen Kanadas Urwälder, um aus Teersand Öl zu gewinnen.1,35 Millionen Hektar Wildnis wurden in der kanadischen Arktis für Fracking freigegeben. Das National Energy Board, der Hauptregulator in Kanada, hatte außerdem Pläne von Trans Canada, dem Unternehmen hinter der umstrittenen Keystone-XL-Pipeline in den USA, genehmigt, eine 16-Milliarden-Dollar-Erdgas-Pipeline von der arktischen Küste bis nach Alberta zu bauen. Niedrige Gaspreise und erhöhte US-Produktion brachten zum Glück das Projekt zum Stillstand.

Stephen Joseph Harper beseitigte störende Reformen für den Umweltschutz und machte den Ölmultis Steuergeschenke.Unter anderem trat er für die Privatisierung der kanadischen Gesundheitsfürsorge und für einen konservativen Kurswandel in der Gesellschaftspolitik ein. Fernerr förderte er die Genmanipulation. Bereits im November 2013 hatten wir Netzfrauen darüber informiert, dass die damalige kanadische  Regierung unter Premierminister Stephen Harper wieder einen Schritt in die Richtung von genmanipulierten Lebensmitteln getan hatte. Der „Frankenstein-Fisch“ soll auf den Verbrauchertellern landen. Kanadas Regierung genehmigt die kommerzielle Produktion von genetisch veränderten Lachs-Eiern. Auch sonst war Harper als Freund der Konzerne bekannt. Reformen änderte er zugunsten dieser und nicht zugunsten der Bevölkerung.

Teersands

Nach Stephen Harper folgt nun der 43-jährige Trudeau, der am 19.Oktober einen Erdrutschsieg erzielte. Er tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters Pierre Trudeau. Pierre Trudeau war von 1968 bis 1984 mit Unterbrechungen Premierminister von Kanada. Sein ältester Sohn Justin folgte ihm in seiner politischen Laufbahn und wurde am 4. November 2015 ebenfalls Premierminister Kanadas.

Trudeau befürwortet Hanf-Legalisierung

Der 43-jährige Trudeau ist so etwas wie der Rockstar der kanadischen Politik. „Ich werde der Premierminister aller Kanadier sein“, versprach er der Bevölkerung. Der Vorsitzende der Liberalen Partei ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger für die Legalisierung von Marihuana, für das Recht auf Abtreibung und gegen die kanadische Beteiligung am Krieg gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“.

Trudeau sagte, Kanada werde sich auch weiter am Anti-IS-Kampf beteiligen. Er habe Obama aber klar gemacht, dass er sich an das Versprechen aus dem Wahlkampf halten und die Flugzeuge abziehen werde.

15 Ministerinnen  und 15 Minister

Sein Wahlversprechen löste der Liberale Trudeau nach dem Machtwechsel von dem Konservativen Stephen Harper  am 04.November ein, als er sein neues Kabinett vorstellte. Der Generalgouverneur, David Johnston, der Statthalter Königin Elizabeths, vereidigte Justin Trudeau als neuen Regierungschef sowie 15 Damen und 15 Herren als Ministerinnen und Minister. Er hatte schon vor der Wahl versprochen, die Frauenquote in seinem Kabinett werde 50 Prozent betragen.

Justizministerin wurde Jody Wilson-Raybould . Bereits vor 32 Jahren hatte ihr Vater, Chief Bill Wilson, dem damaligen Premierminister Pierre Trudeau bei einer Konferenz 1983 gesagt, dass seine Tochter Jody eines Tages einen Premierminister-Posten erhalten werde. In dem Video erzählte Wilson, dass beide Kinder Anwälte werden wollen, um eines Tages Premierminister werden zu können, damit sie sich für die Rechte der Indigenen Bevölkerung einsetzen können. 

Jody Wilson-Raybould war zu dem Zeitpunkt 12 Jahre alt und sah die Konferenz damals zu Hause in Campbell River live im Fernsehen. Sie hatte sich als Ziel gesetzt, die erste indigene Ministerpräsidentin zu werden. Nach 32 Jahren ist es soweit, Jody ist Justizministerin und Generalstaatsanwältin. Sie hat Rechtswissenschaft studiert und war von 2000 bis 2003 als Staatsanwältin an einem Gericht in Vancouver tätig. Von 2009 bis Sommer 2015 war sie „regionaler Häuptling“ des Verbandes der indianischen Völker der Pazifikprovinz British Columbia.

Der Stamm, aus dem sie kommt, sind die Kwakwaka’wakw, die First Nations in der heutigen kanadischen Provinz British Columbia. Sie leben auf der nördlichen Vancouver-Insel, auf Haida Gwaii und dem angrenzenden Festland.

„Die Kanadier haben eine Regierung gewählt, die uns zusammenbringen und nicht gegeneinander ausspielen soll“, sagte der Generalgouverneur von Kanada, David Johnston, der am 04.Dezember 2015 vor dem Parlament in Ottawa traditionsgemäss die Regierungserklärung des Premierministers vorlas.

In der Erklärung wurde eine bessere Zusammenarbeit mit den kanadischen Ureinwohnern und den Provinzen des Landes versprochen. Das ist auch unbedingt notwendig. In Kanada sind 1200 weibliche Ureinwohner vermisst oder sie wurden getötet . Immer wieder berichtet die Protestbewegung Idle No More von weiteren Fällen, in denen nach wie vor indigene Frauen getötet werden, ohne dass die Regierung reagierte. Im Gegenteil, der damalige Premierminister Harper wies sogar die Forderung ab, dieses komplexe Thema amtlich untersuchen zu lassen. Trudeau hingegen versäumte keine Zeit, um eine solche Untersuchung gleich zu Beginn seiner Amtszeit einzuleiten.

Die First Nations protestieren gegen die Verletzung von Verträgen und Vereinbarungen mit der Regierung. Doch Idle no more, was so viel bedeutet wie  „Wacht auf!“ ist viel mehr als nur eine Protestnote, es ist ein sehr kreativer und kultureller Versuch, sich gegen die rücksichtslose Ausbeutung von Naturressourcen zu wehren – mit Tänzen, Flashmobs und vor allem Social Media – und nicht nur Indigene aus Kanada und den USA schließen sich ihr an. Viele weitere Indigene Völker weltweit gehören mittlerweile zu Idle no more. Wir Netzfrauen stehen mit Idle no more in Kontakt.

Trudeau hat zudem kürzlich versprochen, auch den gesamten Forderungskatalog der Untersuchung einer Wahrheitskommission zu übernehmen. Es handelt sich insgesamt um 94 Punkte.(PDF:Truth and Reconciliation Commission of Canada: Calls to Action)  Die Kommission lieferte Mitte Dezember den Schlussbericht über die einstigen Internate ab, in denen viele indigene Kinder ihre Schuljahre verbrachten, oft unfreiwillig. Trudeau nannte das System dieser so-genannten Residential Schools «eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Kanadas». Endlich wird dieses Thema wieder aufgerollt, was auch notwendig wurde. 

Über Haida Gwaii haben wir Netzfrauen bereits berichtet.Siehe David gegen Goliath im Indianerland – Haida siegen über Starbucks

Ein Ex-Elite-Cop wird Verteidigungsminister und Kanadas erster Weltraumfahrer wird Verkehrsminister.

Neben Jody Wilson-Raybould befinden sich in der Regierung ein Inuit, ein Flüchtling aus Afghanistan, ein Homosexueller, ein Astronaut und vier Sikhs, von denen einer fälschlicherweise als Khalistan-Fundamentalist beschuldigt, gefoltert und für zwei Jahre in Indien gefangen genommen wurde.

An der Spitze des Verteidigungsministeriums steht Harjit Sajjan, ein Sikh, dessen Familie von Indien nach Kanada emigrierte, als er fünf Jahre alt war. Sajjan arbeitete als Kriminalbeamter in Vancouver, bevor er seinen Dienst beim kanadischen Militär antrat. Der aus Punjab stammende Sajjan ist ein hochdekorierter Soldat, der schnell zum Oberstleutnant aufstieg und Einsätze in Bosnien und Afghanistan leitete. Er wird der erste Sikh sein, der einen Posten innerhalb der NATO bekleidet – immer mit Bart und Turban, so wie es sein Glaube, der Sikhismus, verlangt.

Als Ministerin für Demokratische Institutionen wurde die in Afghanistan geborene Maryam Monsef ernannt. Im Kindesalter flüchtete die mittlerweile 30-Jährige mit ihrer Mutter aus dem Land am Hindukusch. Ihr Vater und ihr Onkel verschwanden während der owjetischen Invasion in den 1980er-Jahren aus bisher unerklärlichen Gründen.


Ministerin für Sport und Menschen ist die 44-jährige blinde Carla Qualtrough. Sie vertrat ihr Land bei den Paralympischen Spielen 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona. Nach ihrer Schwimmkarriere studierte Qualtrough Politikwissenschaften und arbeitete bei der Organisation Human Rights Commission Canada, die sich für Gleichberechtigung aller Bevölkerungsschichten einsetzt.

Das Amt als Verkehrsminister bekleidet der 66-jährige ehemalige Astronaut Marc Garneau. Er war drei Mal im All (1984, 1996 und 2000) und jahrelang Präsident der kanadischen Weltraumbehörde.

Das Ministerium für Fischerei wird von Hunter Tootoo geleitet. Er gehört zu den Inuit aus dem Norden Kanadas.


Die 54-jährige Jane Philpott ist ausgebildete Ärztin und übernahm das Gesundheitsministerium. Es ist das erste Mal in der Geschichte Kanadas, dass eine Ärztin dieses Ressort übernimmt.

 Minister für Nationale Verteidigung und Angelegenheiten der Veteranen wurde der ehemalige Anwalt für Behinderte, Kent Hehr. Er ist 45 und im Oktober 1991 änderte sich das Leben von Kent schlagartig. Schüsse aus einem vorbeifahrenden Auto trafen den damaligen College-Hockey-Spieler. Er kam ins Krankenhaus, das er nach neun Monaten im Rollstuhl verlassen durfte. Seit diesem tragischen Abend ist er querschnittsgelähmt. Kent war schon früh ein Kämpfer für die Erhaltung natürlicher Ressourcen und für ausreichende Mittel für die öffentliche Bildung. Er machte sich für die Gleichberechtigung der Mitglieder der LGBTQ stark. (LGBT ist eine aus dem englischen Sprachraum kommende Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, also Lesben, SchwuleBisexuelle und Transgender). Seine Geschichte auf englisch: Treffen Sie Kent Hehr.

Chrystia Freeland ist die Ministerin für Internationalen Handel. Sie war als freie Journalistin für die Financial Times, die Washington Post und The Economist in der Ukraine tätig. Ihr Name steht auf der vom russischen Außenministerium am 21. März 2014 veröffentlichten Liste von Personen, denen im Zusammenhang mit der Krimkrise die Einreise nach Russland verwehrt ist. Sie ist mit dem britischen Reporter und Autor Graham Bowley verheiratet und hat drei Kinder. 

2012 veröffentlichte sie ihr Buch:  Plutocrats. The Rise of the New Global Super-Rich and the Fall of Everyone Else –  Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite. Westend Verlag GmbH, Frankfurt 2013. ISBN 978-3864890451. Mehr zu ihrem Buch können Sie hier lesen: Die Superreichen

Die Veröffentlichung des Textes des Trans-Pacific Partnership wird in Kürze erwartet, und die Ratifizierung des Handelsabkommens zwischen Kanada und der EU dürfte im Frühjahr 2016 beginnen. Chrystia Freeland gilt als Handelskritikerin.

Unser Wunsch für 2016? Wir möchten mehr Politiker/innen wie Justin Trudeau in der Politik. Kein ganz einfacher Wunsch, aber machbar.

Das neue kanadische Kabinett ist mit Ministern besetzt, nicht mit Laien, sondern mit „Profis“, die sich schon Jahre mit den Themen auseinandergesetzt haben, für die sie nun verantwortlich sind.

Die neue kanadische Regierung will die Diskriminierung und Unterdrückung der Ureinwohner beenden. Trudeau teilte Obama gleich zu Beginn mit, dass er das halbe Dutzend kanadischer Jets zurückziehen werde, die seit letztem Jahr Angriffe gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien und in Irak fliegen. Die neue Regierung steht für Transparenz und Gleichberechtigung. Ferner will Kanada eine führende Rolle bei der Reduktion des Ausstoßes von Klimagasen spielen.

Das neue Kabinett ist ein Potpourri aus routinierten Politikern und Newcomern, die Erfahrungen aus der Privatwirtschaft und aus Nichtregierungsorganisationen mitbringen – ein Modell für das 21. Jahrhundert, das auch ein Ressort „Umwelt und Klimawandel“ vorsieht.

Congratulations Canada !

Netzfrau Doro Schreier

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6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Da kann man nur Kanada zu einer sehr guten Wahl gratulieren. Justin Trudeau, neuer Premier in Kandada, hat bisher eine „astreine“ Politikerkarriere hingelegt und wenn er nur annähernd in die großen Schuhe seines Vaters Pierre Trudeau passt – erfolgreicher und langjähriger Premier von Kanada – dann ist mir nicht Bange, dass es weiter mit Kanada aufwärts geht. Übrigens: Justin Trudeau möchte Cannabis legalisieren – längst überfällig, auch in Deutschland !
    Ein wunderbares Auswanderungsland…..Man müßte nochmals 30 sein…..! Auch Gratulation an die Netzfrauen, die einen hervorragenden Bericht über Kanada geschrieben haben.

    • DOCH
      Kanada hat Hier & Jetzt den ersten Schritt getan
      und geht als Vorbild voran –
      wir hier in Deutschland können das ebenso.

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