Agadez: Wo die Reise durch die Wüste von Afrika nach Europa beginnt und niemand ihre Leichen zählt

NigerDie Flüchtlingskrise in Europa und der andauernde Krieg in Syrien beherrschen die Schlagzeilen, doch nicht nur aus Syrien flüchten Menschen vor Gewalt und Kriegen. 2,7 Millionen Menschen auf der Flucht leben zurzeit in der Region Tschadsee. Auslöser ist u. a. die Gewalt durch Boko Haram. Allein in diesem Jahr machten sich mehr als 13 000 Menschen auf die gefährliche Reise durch die Wüste. Von Nordafrika nach Italien flüchteten sie über das Mittelmeer. Tausende ertranken dabei, Tausende verdursteten.

Millionen Menschen sind im Tschad und Kamerun wie auch in Nigeria auf der Flucht vor der Gewalt von Boko Haram. Der Name der Terrorgruppe steht für„westliche Bildung ist verboten“. Boko Haram wurde im Jahr 2002 in Maiduguri, im Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias von Mohammed Yusuf gegründet. In den ersten Jahren operierte die Gruppe offen als fundamentalistisch-islamistische Gemeinschaft, die alles Westliche, vor allem eine säkulare Gesellschaftsform, entschieden ablehnte. Die Quellen, aus denen Boko Haram sich finanziert, sind dunkel und schwierig zu recherchieren. Es gibt vielfältige Beweise, dass sie ihre gewaltsame Kampagne durch örtliche kriminelle Aktivitäten finanzieren, vor allem durch Banküberfälle, bei denen sie Millionen erbeuteten. Allerdings liegen auch Hinweise vor, dass die Gruppe Zahlungen aus dem Ausland erhalten hat, insbesondere aus Saudi-Arabien und dem Iran.

Boko Haram hat seit Beginn ihrer gewaltsamen Kampagne keine Forderung gestellt außer einem Ultimatum am 1. Januar 2012, alle Christen sollten innerhalb von drei Tagen den Norden Nigerias verlassen, oder „die Konsequenzen [ihrer Weigerung] tragen“. Die Anführer der Gruppe beharren fest auf der Ablehnung jeglichen Dialogs. Sie haben sich der Terrorgruppe IS angeschlossen. Der Name „Boko Haram“ besteht aus dem Begriff der Hausa-Sprache „Boko“, was „westliche Bildung“ oder „westliche Gesellschaftsform“ bedeutet, und dem arabischen „Haram“ für „religiös strikt verboten“.

Was die Medien uns zeigen, sind Flüchtlinge aus Afrika, die die gefährliche Reise bis nach zum Beispiel Italien oder Griechenland geschafft haben. Was aber nicht gezeigt wird, sind die Orte, von wo aus die Menschen starten. Es gibt nicht nur in der Türkei Menschenschmuggler, die auf Kosten dieser Flüchtlinge Kasse machen, sondern ein Ort ist Agadez. Agadez liegt im Zentrum des afrikanischen Staates Niger. 

2,7 Millionen Menschen auf der Flucht leben zurzeit in der Region Tschadsee.

http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Migrant_Routes_Niger_2016.pdf

http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Migrant_Routes_Niger_2016.pdf

Seit dem Jahr 2014 wurden Millionen Menschen durch die Gewalt im Bundesstaat Borno aus ihrer Heimat vertrieben. Den meisten von ihnen fehlt es an ausreichend Nahrung, sauberem Wasser und einer angemessenen Gesundheitsversorgung. „Wir brauchen Verstärkung“, sagt der Nothilfekoordinator Chibuzo Okonta von Ärzte ohne Grenzen. „Unsere wiederholten Aufforderungen an andere Hilfsorganisationen, die Vertriebenen in Borno zu unterstützen, blieben bisher erfolglos.“

2,7 Millionen Menschen auf der Flucht leben zurzeit in der Region Tschadsee. Ihre Situation resultiert aus den Anschlägen der Gruppe „Westafrika-Provinz des Islamischen Staates“ (besser bekannt als Boko Haram), aber auch aus den Gegenschlägen von Streitkräften, die der Gewalt Einhalt gebieten sollen. Der ursprünglich in Nigeria ausgebrochene Konflikt hat sich nach Kamerun, Tschad und Niger ausgebreitet. Fast täglich werden mehrere Angriffe und Selbstmordattentate verzeichnet. „Die Gewalt hat die bereits bestehende Krise verschärft“, erklärt die Projektleiterin Isabelle Mouniaman. „Diese Region leidet bereits seit Langem unter Armut, einer unsicheren Ernährungslage, wiederkehrenden Krankheitsausbrüchen und einem kaum existierenden Gesundheitswesen. Den Menschen fehlt es am Nötigsten.“ Ärzte ohne Grenzen verstärkt daher die Hilfsleistungen in der Region Tschadsee.

158 000 Kameruner wurden aus ihrem Zuhause vertrieben. 70 000 Flüchtlinge aus Nigeria wurden zudem in Kamerun aufgenommen. Boko Harams Gewalt hat nun auch Nordkamerun erreicht. War es Mitte 2015 noch ein Sechstel, leidet nun bereits ein Drittel der Bevölkerung entlang der nigerianischen Grenze an Hunger. Sieben von zehn Kleinbauern mussten ihre Felder verlassen.

Bis die Ursachen der Flucht bekämpft sind,vergehen Jahre. Die Flüchtenden gehen jetzt eher das Risiko ein, in der Sahara grausam zu verdursten als erneut auf die reichen Länder zu warten, die ihnen versprachen zu helfen. Die Länder in Afrika sind reich an Rohstoffen, doch davon profitieren zum größten Teil nur die westlichen oder chinesischen Konzerne.

Rennen für das Überleben in Niger durch die brennende Wüste

Der folgende Bericht ist von Ahmed. Es ist nicht sein richtiger Name, sondern einer der vielen Tausenden von Flüchtlingen, die jedes Jahr durch die Sahara flüchten, wo pralle Hitze und Staub ihr Überleben gefährdet. Sie haben meist schon alles, was sie hatten, den Schleppern gegeben. Viele verlieren auf dieser Reise ihr Leben. Augenzeugen berichten von Leichen und Skeletten, die in der Wüste als stumme Zeugen den Weg markieren. Darunter viele Frauen und Kinder, elendig verdurstet. Wie viele es sind, weiß keiner, denn sie werden nicht gezählt. Auch finden wir in den Medien keine Zahlen, so als gäbe es diese Flüchtlinge nicht. 

Bevor die Flüchtlinge Libyen erreichen, liegt vor ihnen eine gefährliche Reise von bis zu sechs Tagen quer durch die Sahara mit extremen Temperaturen. Haben sie dann diese Reise überlebt, erwarten sie wieder neue Schlepper, die sie übers Meer bringen, wo dann viele ertrinken.

Ahmed berichtete, dass bei seiner Flucht durch die Wüste mehrere Dutzend Menschen auf zwei Lastwagen verteilt in Richtung algerische Grenze gebracht werden sollten. „Ich erinnere mich nicht genau, welches Datum es war, als wir uns auf den Weg machten, aber die meisten Menschen waren Frauen und Kinder, sie mussten mehr zahlen als ich. Wir dachten, dass wir nur ein Tag unterwegs seien, aber die Lastwagen waren in einem schlechtem Zustand, und nachdem ein Reifen platze, wurde Halt gemacht

Unsere Nahrung und Wasser reichten für drei Tage. Als wir merkten, dass wir es nicht in dieser Zeit schaffen würden, suchten wir nach der nächsten Wasserstelle. Sieben Menschen starben bereits, bevor wir zur ersten kleinen Wasserstelle kamen. Dort gab es nicht genug Wasser für alle. Mit einer Gruppe Männer beschlossen wir weiter zu fahren und einen weiteren Brunnen zu suchen. Die Frauen und Kinder ließen wir bei dem ersten Brunnen. Es dauerte lange, etwa bis zum nächsten Morgen.

Wasser ist wichtig, um die Wüstendurchquerung zu überleben.

Die Frauen und Kinder waren durch den Aufenthalt in der Wüste so schwach gewesen, dass sie es nicht mehr schaffen konnten.

„Ich konnte nichts tun. Ich sah die Frauen und Kinder auf dem Weg zum Brunnen zu sterben. „

Nur etwa 10 Männer wurden letztlich von einem LKW wieder abgeholt und zur algerischen Grenze gebracht, wo sie von der dortigen Regierung etwas Hilfe bekamen. Quelle 

BBC veröffentlichte am 31. März 2016 ein Video – Die Reise durch de Wüste

Welch ein Glück für die EU, brauchen sie sich doch nicht um diese Menschen kümmern. Klingt makaber, aber nach dem, was wir bereits aus Afrika berichteten, muss man es so sehen. War Ihnen bekannt, dass die EU auch hier Grenzzäune baut?

Bereits seit Anfang letzten Jahres ist bekannt, dass Europa die Flüchtlingsströme reduzieren will. Nach den Vorschlägen, die von der italienischen Regierung vorgelegt wurden, würde die EU die nordafrikanischen Länder finanzieren und ihre Flotten in Such- und Rettungsaktionen für die Zehntausenden von Menschen trainieren, die von Libyen nach Italien. flüchten. Sind diese erst mal gerettet, werden sie in die Herkunftsländer zurückgebracht. Genau das erleben wir jetzt mit dem Abkommen EU und Türkei. Alles ist gar nicht neu, sondern war schon im Vorfeld geplant.

Mittlerweile wurde die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vom Auswärtigen Amtes beauftragt, mehrere Programme durchzuführen. Zwischen Niger und Nigeria entstehen neun Grenzstationen. Das Auswärtige Amt finanziert den Bau von drei der Stationen. Für die übrigen kommt die Europäische Union auf. Zu einem weiteren Programm heißt es: „Im Rahmen des Vorhabens wurden den Partnern Fahrzeuge (Geländewagen), Büroausstattung (Computer, Drucker), GPS-Geräte zur Grenzvermessung sowie Baumaterial zur Errichtung von Grenzsteinen und eine Versorgungsinfrastruktur in Grenznähe (Latrinen, Duschen, Wasserpumpen) zur Verfügung gestellt.“ Mehr als 280 000 Euro fließen dieses Jahr zudem an die internationale Polizeiorganisation Interpol. Damit wird die Vorbereitung eines zweiwöchigen „Regionalworkshops“ für Niger und andere Staaten der Sahel-Zone finanziert. Themenschwerpunkte sind die Bekämpfung von Terrorismus, Korruption und Geldkriminalität.

Dazu gehört aber auch eine einwöchige Grenzkontroll-Operation „unter der Leitung von Interpol und mit Verwendung von Interpol-Technik“.  Berlin arbeitet unterdessen schon am nächsten Schritt der Kooperation mit Niger. Im Mai beschloss zunächst der Europäische Rat, die zivile EU-Mission Eucap Sahel Niger auszuweiten. Neben Maßnahmen gegen Terrorismus und die organisierte Kriminalität gehören seither auch Maßnahmen gegen die illegale Migration und Schleuser zum Profil der Mission. In der Stadt Agadez soll ein Außenposten entstehen, weil sich viele Flüchtlinge von dort aus auf den Weg nach Libyen begeben. Lesen Sie dazu: Boko Haram in Nigeria – Hundertausende auf der Flucht – EU und Deutschland bauen Grenzzäune

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Auch nördlich der Region bemüht sich Deutschland um besseren Grenzschutz. Bereits 2013 startete die EU die Border Assistance Mission (Eubam) in Libyen. Jedes Jahr fließen seither rund 26 Millionen Euro in die Ausbildung des libyschen Grenzschutzes. In Deutschland zeichnet hier das Bundesinnenministerium hauptverantwortlich und stellt drei Ausbilder, zwei von der Bundes-, einen von der Landespolizei. Angesichts der Wirren des libyschen Bürgerkriegs und der verheerenden humanitären Lage für Flüchtlinge vor Ort gerät diese Kooperation allerdings zusehends in die Kritik. Wenn so viel Geld in Maßnahmen gesteckt wurde, wieso kann die Hochburg der Schlepper immer noch frei agieren?

Aus Angst vor der Terrorgruppe Boko Haram sind Tausende Nigerianer nach Kamerun geflohen, aus Angst vor Boko Haram wiederum weist die dortige Regierung sie jetzt aus und zusätzlich erwartet sie neue Grenzzäune – errichtet mit den Geldern der EU und Deutschland. Schaffen sie die Flucht durch die Wüste nach Libyen, wo die IS ihr Unwesen treiben, dann folgt die nächste Gefahr, das Meer. Wer den langen Weg wirklich nach Europa schafft, erwartet statt einer Aufnahme eine Rückführung dorthin, woher diese Menschen gekommen sind.

Das ist das 21.Jahrhundert – Leichen markieren ihren Weg in der Hoffnung auf eine neue Zukunft.

Netzfrau Doro Schreier

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1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Und wie soll die Lösung aussehen? Sollen wir alle potentiellen Opfer von Boko Haram mit dem Charterflug nach Deutschland fliegen, damit Boko Haram dort seinen islamischen Staat aufbauen kann? Sollen die Europäer ihre Armeen dorthin schicken? Oder sollen wir Waffen liefern, damit sich die Menschen dort gegen die Terroristen verteidigen können? Was ist die Lösung? Die Frage ist ernst gemeint!
    Auch wenn jedes Opfer eines zu viel ist, sterben in den besagten Ländern wahrscheinlich weniger Menschen am Terrorismus als in der EU im Straßenverkehr.
    Und was ist mit den Flüchtlingen aus Ländern ohne Krieg und Terror, wie Marokko, Algerien, Nepal, Indien, Albanien, Kosovo etc.?
    Und auch aus den Krisenregionen flüchtet nicht jeder, weil er um sein Leben fürchtet!
    http://www.fnp.de/lokales/wetterau/Sitzstreik-Fluechtlinge-fordern-eigenes-Haus;art677,1940890
    Sitzstreik: Flüchtlinge fordern eigenes Haus
    Unfassbar! Eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak hat am Montag mitten in Karben eine Hauptverkehrsstraße blockiert. Mitten im Verkehr legt sich der Fahrer vor die Autos – will sich, seine Frau und seine Kinder überfahren lassen. Im Irak sei ihnen ein eigenes Haus versprochen worden – das fordern sie jetzt ein.

    Sobald wieder gegen irgendeine „bösen Despoten“ gehetzt wird wie Assad, Saddam, Gaddafi u.a. und Sanktionen gefordert werden, die ja niemals die Despoten oder Herrscherfamilien treffen, sondern immer nur die einfachen Bürger, sollten wir protestieren! Diese staatliche Hetze gegen Despoten ist ja nie aus humanitären Gründen statt, sondern aus geopolitischen Gründen.
    Steinmeier sagte letztens zu den Waffenlieferungen an die Saudis „wir brauchen Saudi Arabien für den Friedensprozess im Nahen Osten“ – was für ein Hohn, unterstützen die Saudis doch den Terror weltweit!

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