Tschüss Götz George – Das Leben ist keine Seifenoper

George 1Götz George starb am 19. Juni und wurde bereits im Kreise seiner Familie in Hamburg beigesetzt. Still und leise tritt Götz George von der Bühne, der letzte Vorhang ist gefallen. Vor allem als „Tatort“-Kommissar Schimanski war er einem Millionenpublikum bekannt geworden. Doch er war mehr, er war einer der Großen, längst aus dem Schatten seines berühmten Vaters Heinrich George herausgetreten. Götz George, Deutschlands großer Charakterschauspieler. Doch der Medien Liebling war er nie, denn er sagte, was er dachte. Genau diesen Charakterzug schätzen wir an Götz George. 

Für Aufregung sorgte Götz George. Nach einem Streit auf offener „Wetten, dass…?“-Bühne sah Götz George „Wetten Dass“ nicht als „richtiges Feld“ und Thomas Gottschalk nicht als richtigen Ansprechpartner, um seinen Mörder-Blockbuster “Solo für Klarinette“ zu promoten. Fünf Jahre später, wieder bei „Wetten, dass“ betitelte ihn der Spiegel „grantiger George“. Er sei ein guter Schauspieler, „ich sitze nicht seit 40 Jahren auf einem weißen Sofa“, monierte George heftig, und selbst die Vermittlungsversuche von Schauspielerkollegin Christiane Hörbiger schienen zu scheitern. Doch bevor es zur endgültigen Eskalation kam, grinsten die Kontrahenten in die Kameras: Alles nur gespielt – „Wir sind doch alte Freunde!“

Heute huldigen alle Medien Götz George, doch die Medien meinten es nicht immer gut mit ihm. Allein schon die Empörung, als er am 28. Juni 1981 als Horst Schimanski zusammen mit seinem Kollegen Christian Thanner im Tatort in Erscheinung trat. Laut „Abendzeitung“ wirkte er wie eine „Kreuzung aus Bernhardiner und Kläffpinscher“ und die „Welt“ machte den Stabreim: „ein Maulheld zwischen Männern und Miezen“. „Der Ruhrpott kocht“, titelte die „Bild am Sonntag“. Und Deutschlands größter Binnenhafen, der mit jeder Schmuddel-Serie das Prädikat „Bad Duisburg“ in immer weitere Ferne entschwinden sah, ließ gleich am Dienstag nach Schimanski eilig beruhigend verkünden, das Duisburg in der Kriminalstatistik einen eher bescheidenen 38. Platz halte. Die „Neue Ruhr-Zeitung“ wurde da deutlicher. Sie forderte: „Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!“ Doch Schimi blieb und er wurde zu unserem „Helden“ und wir zu Parka-Trägern. Wenn Schimi mit Thanner und Hänschen am Sonntag Abend ermittelte, schauten damals knapp 20 Millionen Zuschauer zu. Hier setzten sich die Zuschauer durch und das war auch gut so.

Götz George, wie soll man ihn beschreiben? Nein, nicht als grantiger Schauspieler. Er machte wie kein anderer darauf aufmerksam, dass der Beruf Schauspieler ein harter Beruf ist, und zwar mit vielen Facetten. Mal komisch, dann wieder ernst. Stets war er ein Perfektionist und eins mit der Figur, die er gerade spielte. Er war überzeugend und rückblickend, besser als sein Vater. Oder einfacher: Jeder war für seine Zeit ein Star, der sein Handwerk verstand.

Unvergessen ist seine Rolle als der homosexuelle Massenmörder Fritz Haarmann in „Der Totmacher“ von 1995. Er spielte den KZ-Arzt Josef Mengele („Nichts als die Wahrheit“) und einen an Alzheimer erkrankten Busfahrer („Mein Vater“), einen Taschendieb („Das Trio“) und einen blinden Klavierlehrer („Der Novembermann“), einen Öko-Aktivisten („Lüg weiter, Liebling“) und einen todgeweihten Staatsanwalt („Nacht ohne Morgen“).und er spielte im TV-Drama „George“ seinen eigenen Vater Heinrich.

Qualität statt Quantität, das war Götz George. Und wer will es ihm übel nehmen, wenn er öffentlich auch mal als „grantiger“ Mensch auftrat. Er hatte doch Recht, das Leben ist keine „Seifenoper“. Viele wollen einem vorschreiben, wie man zu sein hat. Warum? Man glaubte ihm jedes Wort, keine Heuchelei oder Lobhudelei. Wenn er einen Film promoten sollte, dann sagte er es auch. Denn das gehört heute zum Beruf des Schauspielers dazu.

Lieber Götz George,

hier ein paar persönliche Worte von mir. Ich erlaube mir, dich einfach zu duzen. Zuerst zu deinem Vater. Er bleibt mir in Erinnerung, nachdem ich damals als Kind, welches ich noch war, „Der Postmeister“ sah. Ich war so beeindruckt auch von Hilde Krahl, die eine tolle Schauspielerin war. Und wenn du auch immer sagtest, dass man im Schatten eines ganz Großen steht, so sei hier erwähnt, dass deine Mutter ebenfalls eine Große war. 

Berta Drews war erst die Frau und später die Witwe von Heinrich George. Später war sie die Mutter von „Schimanski“. Und dennoch: Auch sie machte eine große Schauspielkarriere und war sicher ganz stolz auf ihren Sohn. Bei all dem, was heute über dich geschrieben wird, darf man eines nicht vergessen, Berta Drews musste zwei Söhne durchbringen und das hat sie geschafft, weil sie eine sehr gute Schauspielerin war. Es war damals sicher nicht einfach, was war das schon, eine Schauspielerin? Vielleicht hast du auch deswegen um die Anerkennung des Berufes so gekämpft.

Deine Mutter war ebenfalls eine ganz Große. Sie spielte sogar die Oma Anna in der Verfilmung des Romans von Günter Grass „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1979. Es ist der erste deutsche Film, der als Bester fremdsprachiger Film mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. „Die Drews“, wie sie jedermann in Berlin nannte, starb 1987. Sie war eine Parade-Schauspielerin bis zuletzt.

Zu deinem 75. Geburtstag sagte dein Bruder Jan, der Vater war für dich immer eine Überfigur. Vielleicht auch, weil er dich schon so früh verließ. Deine Familie war immer sehr stolz auf dich. Schon als du ein kleiner Junge warst und Theater spieltest, riefen die Leute „Bravo“. Sie freuten sich immer darüber. Schon komisch, dass man einem Vater noch was beweisen will, obwohl er gar nicht mehr lebt. Vielleicht war es auch gerade das, weil er nicht mehr sagen konnte, wie stolz er auf dich war. Aber sicherlich wäre er stolz gewesen, denn du, lieber Götz George, hast uns alle mit deinem Spielen bereichert. Nun gehst du heim, zu deinem Vater und zu deiner Mutter und lässt uns mit deinen Werken hier zurück.

Wir kommen wieder zu Thomas Gottschalk zurück, ein Interview aus 1985. Hier beschreibst du auch die Arbeit als Schauspieler und berichtest über „Horst Schimanski“.

Im Video erwähntest du Henry Charles Bukowski, Jr. Er veröffentlichte von 1960 bis zu seinem Tod über vierzig Bücher mit Gedichten und Prosa. Zitat: „Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur liegt darin, dass du in der Demokratie wählen darfst, bevor du den Befehlen gehorchst.“ Lieber Götz, ja, ich kenne Bukowski, weil du es uns so überzeugend gelehrt hast. Damals hatten wir kein Wikipedia, sondern wir gingen in die Bücherei und fragten dort nach.

Auf der Seite der Agentur Nicolai steht: Götz George wurde 1938 als Sohn von Heinrich George und Berta Drews in Berlin geboren.
Bereits als Kind stand er auf der Bühne des Berliner Hebbel-Theaters. Nach der Ausbildung bei Else Bongers erhielt er mit 22 Jahren seinen ersten Bundesfilmpreis 1960 für den Film JACQUELINE (Regie Wolfgang Liebeneiner), den Deutschen Kritikerpreis 1961 und den „Bambi“ als beliebtester Schauspieler 1962. So steht es in deiner Biografie. Viele weitere Ehrungen folgten. Das Demovideo zeigt deine Facetten und deine Vielseitigkeit.

Zu ihren bekanntesten Schülerinnen von Else Bongers gehörte unter anderem Hildegard Knef. Unsere Hilde, wie du nie richtig von den Medien geschätzt. Sie sagte das, was sie wollte und schrieb es auch. Unvergessen ihr Buch „Der geschenkte Gaul“ und das Lied “ Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Ella Fitzgerald bezeichnete Hildegard Knef als die „beste Sängerin ohne Stimme“. Wie oft wurde Hildegard Knef verkannt, immer wieder auf ihr chaotisches Privatleben angesprochen. Sie war soviel mehr, eine Frau mit Herz und Intelligenz und ihr ganzes Leben bestand darin, gut zu sein, sich beweisen zu müssen. Ja, Deutschland und seine Stars. Sagen sie, was sie denken, passen sie angeblich so gar nicht in die Medienwelt, weil sie sagen, was sie denken –  Frei nach Schnauze!

Du hast es gut gemacht, hast uns nicht an deinem Privatleben teilhaben lassen. Wer weiß, was die Medien aus dir gemacht hätten. Dann lieber einen kantigen grantigen Mann, der in den Talkshows als „Risiko“ eingestuft wurde, weil man nie wusste, ob man sich später entschuldigen muss. Was für ein Quatsch, genau darum liebten wir dich. Wir wollen nicht diese Heucheleien, sondern Tacheles.

Und dass du uns zum Abschied das Dokudrama „George“ mit dir als Hauptrolle als dein Vater Heinrich da gelassen hast, dafür danke ich dir sehr. Obwohl du in einem Interview sagtest: „Ich habe einfach meine Pflicht erfüllt. Der Film war nicht meine Idee. Wenn die Leute sich für Heinrich George interessieren, können Sie damit etwas über ihn erfahren. Mein größter Einwand war immer: Interessieren sich die Leute überhaupt noch für ihn? Die Jungen kennen ja mich kaum noch. Vorgestern im Hotel fragten die sehr freundlich nach meinem Namen. George. Und der Vorname…? Das ist so.“ Für dich wird dein Vater immer der Größte sein.

Da muss ich wieder an den alten Postmeister denken, ein mürrischer alter Mann mit Herz. Der alles für seine Tochter tat. Für alle, die dieses Meisterwerk nicht kennen:

Die Rolle des Postmeister in der deutschen Verfilmung der gleichnamigen Puschkin-Novelle gehört zu den intensivsten Menschendarstellungen des großen Heinrich George. Der Postmeister ist die Geschichte eines aufrechten alten Mannes auf einer Poststation in den russischen Weiten, der stolz ist auf seine schöne Tochter Dunja. Er meint, sie heirate in Petersburg einen Aristokraten. Sie aber führt das Leben der Kurtisane dieses Adeligen. Auf einer Welle des Glücks erlebt der alte Postmeister die Hochzeit seiner Dunja. Er durchschaut nicht, dass das ganze Fest der schlechte Scherz von Lebemännern und Kokotten ist, die einem alten gutgläubigen Vater eine Komödie vorspielen. Das Mädchen erträgt das Leben in Lüge nicht mehr und begeht Selbstmord – so die Beschreibung.

Ein aufrechter Mensch, ja, so würde ich dich beschreiben, mit Herz und Verstand und mit Hildegard Knefs Worten: „Für dich soll’s rote Rosen regnen“. Wir verlieren mit dir einen wundervollen Schauspieler, den man bitte auch in Zukunft so lassen soll, wie er es sich wünschte, sein Privatleben bleibt seins, die Werke gehören uns.

„Also, hier zu bestehen in Deutschland, ist das Aller-, Allerschwierigste. Und das habe ich geschafft, heute könnte ich abtreten. Ich habe das Ziel der Klasse erreicht. Das was ich jetzt mache, soll mir Spaß machen.“ Götz George 1996 über seine Karriere

Nun bist du abgetreten, für uns bist du der Größte und hast uns gezeigt, dass das Leben keine Seifenoper ist.

Nachdem ich nun über das Leben von Götz George geschrieben habe, möchte ich mich bei Horst Schimanski verabschieden. Es ist so, als hätte es ihn wirklich gegeben.

‪R.I.P. HorstSchimanski‬

Schimanski
Der Kriminalhauptkommissar a. D. Horst Schimanski hat seine letzte Ermittlung angetreten.
Seit dem 28. Juni 1981 ermittelte „Schimi“ in Duisburg-Ruhrort.
Zusammen mit seinem Kollegen Christian Thanner ermittelte das Duo von 1981 bis 1991 im Ruhrgebiet. Schimi: „Ich hab’ einfach kein Bock mehr, ich hab’ die Schnauze voll.“ Schimanski war nach seinem Abschied aus Duisburg nach Belgien gezogen, wo er seine Lebensgefährtin Marie-Claire kennenlernte und auf einem Hausboot lebte. Er kehrte 1997 zurück, als sein Freund Christian Thanner ermordet wurde.
Stets an der Seite von Schimi war auch Hänschen, sein holländischer Kollege, der eigentlich von Holland ausgeliehen war und blieb.
Auch als Pensionär ermittelte Schimanski in seinem Revier weiter, bis es 2013 hieß „Ich möchte gerne nach 65 arbeitsreichen Jahren Feierabend machen“.
Scheiße. Scheiße ..haben wir gesagt.
Nun heißt es „Schicht im Schacht“
Horst Schimanski hat seine letzte Ermittlung angetreten.

„Komm, komm! Du, Mensch, du, das kannste doch nicht machen! Mensch, du.“

Vielen Dank Schimi, niemals geht man so ganz….Danke Götz George, du wirst fehlen. In Hamburg sagt man Tschüs.

Netzfrau Doro Schreier

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