Gulagkinder – Bis zu 150.000 Kinder haben zwischen 1945 und 1980 als Pflege- oder Heimkinder Schreckliches erlebt.

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Immer wieder lesen wir: Das Kinderheim war die Hölle. Doch was diese Opfer danach bei jahrelangen Kämpfen um Entschädigungen erleben, verdient kaum eine andere Bezeichnung. So gut wie jede Strafe enthielt physische und psychische Gewalt. In einigen Fällen verband sich das Strafen überdies mit sexualisierter Gewalt. Die Fälle, über die es sich in diesem Beitrag handelt, widmet sich struktureller, sozialer, materiell-ökonomischer, körperlicher, psychischer, sexualisierter und sexueller Gewalt in Kinderheimen der Stadt Wien von den 1950er-Jahren bis in die 1970er-Jahre.

Doch auch heute noch kommt es immer wieder zu Missbrauch in Pflegeeinrichtungen, wo Kinder untergebracht werden, um geschützt zu sein. So berichteten wir 2015 in unserem Beitrag: Das große Geschäft mit der Not von Kindern – „Seelische Grausamkeiten“ incl. (daraus auch das Foto) über Fälle, die bis heute noch immer nicht geklärt sind. Viele weitere schreckliche Taten durch das Pflegepersonal kamen durch Untersuchungen und Befragungen von Zeugen ans Tageslicht. Jeden Tag werden im Durchschnitt 100 Kinder und Jugendliche aus ihren Familien genommen und in Einrichtungen untergebracht. Die Jugendämter wollen sie vor ihren Eltern schützen und verhindern, dass sie vernachlässigt oder gar misshandelt werden. Doch ist das so? Kennen Sie auch Probleme, bei denen das Jugendamt versagt hat? Wie ist es bei Scheidungen? Wird immer nach dem „Kindeswohl” entschieden? Diese „Inobhutnahmen” sind seit 2005 um 64 Prozent gestiegen. Die Jugendämter in Deutschland haben laut Statistischem Bundesamt 2013 mehr Kinder und Jugendliche in Obhut genommen als je zuvor. Häufigster Anlass war mit 40 Prozent die Überforderung der Eltern oder eines Elternteils.

Der Markt der stationären Einrichtungen wächst und ist lukrativ. Ein einziger Platz in einem Heim kostet die Kommunen im Jahr rund 50 000 Euro. Doch ob dieses Geld wirklich zum Wohl der Kinder und Jugendlichen verwendet wird, wird kaum überprüft: Den Jugendämtern fehlt die Zeit und ihre Eltern sind dazu nicht in der Lage. Nicht selten betreuen Mitarbeiter bis zu 90 Familien. Was wird sich nun ändern? Ändert sich überhaupt etwas? Immer wieder erreichen uns Netzfrauen Schicksale, die mit Jugendämtern zusammenhängen.

Gulagkinder – Bis zu 150 000 Kinder haben zwischen 1945 und 1980 als Pflege- oder Heimkinder Schreckliches erlebt.

Nach Jahrzehnten gibt es nun endlich seitens des österreichischen Staates eine Geste der Verantwortung. Am 17. November 2016 findet im Hohen Haus ein Festakt statt. Der ORF wird diese Veranstaltung übertragen. Dafür hat Franz Josef Stangl das Vorwort der aufgelegten Broschüre verfasst:

Jahrzehnte mussten wir schweigen. Unser Schicksal war ein verstecktes. Niemand interessierte es. Betroffene, die den Mund aufmachen wollten, wurden mit Gefängnis oder Psychiatrie bedroht. Verleumdung. Psychose. Unsere Kindheit und Jugend war eine schwere Last. Sie ist es bis heute. Lange mussten wir warten, bis das Schweigen gebrochen wurde, sich Heimhalter zu ihren Verbrechen bekannten. Mühsam begann die Aufarbeitung. Sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Wer mit Zögerlichkeit beginnt, dem fehlt der Schwung für eine lange Strecke.

Wehrlose Kinder und Jugendlich ohne Rechte, ohne Schutz. Nicht selten waren Sprüche wie von Vergasung und Erschlagen zu hören. Nicht wenige haben Suizid begangen. Auch jener sollten wir gedenken. Nun sind wir im Parlament angekommen. Was erwarten wir uns? Wir erwarten uns eine umfassende Aufarbeitung. Diese Veranstaltung darf kein Schlussstrich sein, so wenig wie uns unsere unauslöschlichen Erinnerungen einen Schlussstrich erlauben. Sie sind da, ob wir wollen oder nicht.

Wir wollen nicht mehr hören, was Länder und Kirche bereits getan haben, es wird immer wie ein Vorwurf an uns klingen. Die Betroffenen als Bittsteller. Wir haben uns nicht selbst vergewaltigt, psychisch und physisch gequält. Ich erwarte mir eine Begegnung auf Augenhöhe, ich wünsche mir ein respektvolles Miteinander. Ich wünsche mir, dass die offenen Baustellen bearbeitet werden und wir unsere Würde zurückbekommen. Nicht als Heimkinder, sondern als Bürger und Bürgerinnen dieses Staates.

Franz Josef Stangl gibt an, dass in Österreich nach Schätzungen von Dr.Hans Weiss nach 2 Jahre langen Recherchen 100 000 bis 150 000 Kinder und Jugendliche zwischen 1945 und 1980 in „Heimen“ oder sogenannten „Pflegeplätzen“ untergebracht waren. Buchtipp „Tatort Kinderheim“.

Der Verein Ehemalige Heim- und Pflegekinder Österreichs versucht immer wieder, PolitikerInnen dazu zu bewegen, der Forderung der Betroffenen nach Anerkennung ihres Martyriums nachzukommen. So auch in diesem Brief:

Sehr geehrte Frau Stadträtin Sonja Wehsely,

ich widerspreche Ihnen, dass Sie vor 2010 von Übergriffen auf Schutzbefohlene nichts gewusst haben.

In Akten wurde seit Stadträtin Maria Jacobi (60er bis 70 er Jahre) und vor Ihrer Amtszeit über Missbräuche berichtet. Ich darf Ihnen hier eine Antwort übermitteln, welche einer Anzeige wegen Misshandlung im KH Hütteldorf voranging. Natürlich hatten die Behörden mich NIE befragt. Der Direktor des KdH Hütteldorf Rudolf Häusler hatte diesen Bericht „geschönt“ und mir unterstellt, dass ich nur „geglaubt“ hatte, Hr. Prakisch (Lehrer) wollte mich treten. Die Wahrheit ist, dass er mich geprügelt und mit Füßen getreten hatte, bis mir die Nase blutete. Von einem vermeintlichen Glauben blutet keine Nase. Direktor Häusler erpresste mich und hat nur lakonisch gemeint: Wenn ich bei meiner Aussage bleibe, dann wird er mich nach KE (Kaiser Ebersdorf) oder in den Lindenhof (Eggenburg) transferieren. Er wollte, dass ich seinen Bericht unterschreibe. Ich weigerte mich und er stellte nur fest: Ich brauche deine Unterschrift nicht. Dir wird sowieso nicht geglaubt… Die Behörde ist dieser Anzeige, welche beim Stadtschulrat gemacht wurde, nicht nachgegangen und hatte die Anzeige in den „Rundordner“ fallen lassen.

Seitens der Schulbehörde und auch seitens der damaligen Jugendwohlfahrt wurde Stillschweigen „vereinbart“. Soviel mal zu Ihrer Unwissenheit, welche auch von der W-Bergkommission Dr. Helige bestritten wird, da sie festgestellt hat, man wusste in der roten Partei seit den 60er Jahren von den Missbräuchen…. Bitte bleiben Sie bei der Wahrheit. Ich ersuche Sie auch, nicht wie Ihre Genossen, nur Stillschweigen zu wahren, sondern sich der Mitverantwortung zu stellen. Robert Wolf

Zeugnis einer düsteren Zeit

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Aus unserem Beitrag:  Gulag – Straflager – oder einfach durch die Kinder- und Jugendfürsorge „betreut“ und verwahrt?

Der Abschlussbericht:

Die totale Erziehung

Das Repertoire der totalen Erziehung umfasste:

  • Die Zufügung von physischen Schmerzen, beispielsweise:
    • Mehrmaliges Eintauchen des Kopfes in die Klomuschel
    • Zerschlagen des Gesichts
    • Hinunterstoßen über Treppen
    • Verrenken eines Unterarmes
    • Würgen mittels eines um den Hals gelegten nassen Handtuchs
    • Schweres Verprügeln mit Reitgerten, ledernen Hosengürteln, Ochsenziemern, Linealen und Holzschlapfen
    • Wurf von schweren Schlüsselbunden an den Kopf
    • Die Duldung oder Provozierung einer Art Selbst-Justiz in den Kinder- und Jugendgruppen sowie die Disziplinierung beziehungsweise Quälung und Misshandlung von jüngeren oder körperlich schwächeren Kindern durch stärkere Kinder und Jugendliche.
  • Psychische Gewalt durch systematisches Verächtlichmachen, Herabwürdigen, Sarkasmus und Zynismus, in einzelnen Fällen die Zufügung von Todesängsten.
  • Soziale Gewalt, beispielsweise:
    • Die über jedes pädagogisch erforderliche Maß hinausgehende Einschränkung der Kommunikation im Schlafsaal und bei Tisch (Redeverbot)
    • Die Einschränkung von Besuchen
    • Die oft willkürliche Untersagung von Ausgängen zu Eltern und Verwandten
    • Die unbegründete Vorenthaltung von angemessenen Bildungschancen
    • Die Vorenthaltung des Zugangs zu gewünschten Lehrberufen und von mittleren und höheren Schulen
    • Damit verbunden die Verursachung von materiellen Nachteilen im späteren Berufsleben
  • Materielle Gewalt, beispielsweise:
    • Die Ausbeutung der Arbeitskraft der Kinder und Jugendlichen im Anstaltshaushalt
    • Die Einbehaltung von persönlichem Eigentum von Heimkindern durch Erzieherinnen und Erzieher
    • Die vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren erbärmliche Ausstattung mit Kleidern
    • Der Zwang zum Tragen von Heimkleidung, die stigmatisierte, ausgrenzte, die Zöglinge abwertete und deprimierte.
  • Sexualisierte Gewalt, die vorgeblich in erzieherischen Absicht ausgeübt wurde, beispielsweise:
    • Das Antretenlassen der Buben, um den Penis zu prüfen und zu misshandeln (im städtischen Heim Hohe Warte: „Schwanz abschlagen“)
    • Die Inspektion von Vagina und After bei Mädchen, verbunden mit herabwürdigenden sexualisierten Bemerkungen
    • Schläge auf die Vagina mit einem Besenstil (im Heim der „Kreuzschwestern“ in Laxenburg)
  • Dem Zwang, das oft nicht kindgerechte, zu fette Essen zur Gänze aufessen und in der Folge mehrfach Erbrochenes neuerlich aufessen zu müssen (Esszwang).

Die genannten Gewaltformen wurden regelmäßig von einem Teil der Erzieherinnen und Erzieher praktiziert. Sie waren Teil der Erziehung, die in vielen Heimen als legitim und angemessen galt.

Sexuelle Gewalt

Sexuelle Gewalt, über die aus Heimen wie Eggenburg, Hohe Warte, Wilhelminenberg, Pötzleinsdorf, Wimmersdorf, Pitten, Laxenburg und anderen berichtet wird, ist nicht zum Repertoire totaler Erziehung zu zählen. Es war unmöglich, sie noch als erzieherische Maßnahme zu tarnen. Sexuelle Gewalt wurde unter Ausnutzung von Machtpositionen durch Erzieherinnen und Erzieher an Zöglingen ausgeübt.

Den vollständigen Bericht finden Sie HIER. 

Im Namen aller Opfer – denen mein aufrichtiges Mitgefühl gehört – wünsche ich mir, dass in Zukunft solche Vorfälle nicht mehr möglich sind, und wenn doch, dass die  Opfer angehört und dass ihnen Glauben geschenkt wird!

Netzfrau Lisa Natterer

Gulag – Straflager – oder einfach durch die Kinder- und Jugendfürsorge „betreut“ und verwahrt?

Das große Geschäft mit der Not von Kindern – „Seelische Grausamkeiten“ incl.

Wenn Jugendämter versagen – Die kleine Chantal starb an Methadon-Vergiftung – Obhut von drogensüchtigen Pflegeeltern

Kinder sind „billig“ und ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert – Kinderprostitution, Kinderhandel, Kindersoldaten, Kinderarbeit

Obdachlose Jugendliche – Tausende Kinder in einem Wohlstandsland auf der Straße – wie kann das sein?

“Verlorene” Kindheit – wenn kleine Kinder zu Pflegekräften werden

Gewalt gegen Frauen – auch hier in Europa!

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Diese Aussagen kann ich voll bestätigen. Vom Zentralkinderheim kam ich in eine Großbauernfamilie Nähe Radkersburg, Stmk. Unter den Folgen leide ich heute noch.

  2. Es Scheißt sich um uns Heimkinder von Hütteldorf und Eggenburg keiner etwas.Die Stadt Wien glaubt will sie die kosten für Entschädigungszahlungen und Psychologischen Behandlungen bezahlen und übernehmen das wieder alles gut ist.Das die Verbrecher Erzieher/innen Lehrer in Heim Hütteldorf den wichtigsten Teil unserer Kindheit nämlich das da sein und die Entfaltung in der Kindheit im Kindesalter genommen wurde und es dadurch zerstört ist.Es wird auch verschwiegen das sich einige die im Heim waren waren sich das Leben genommen haben oder vor dem Abkratzen sind.Es war im KH Hütteldorf wie im KZ.Keine Kinderrechte noch Menschenrechte gab es dort.MFG Wolfgang

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