„Die katholische Kirche will die Missbrauchsfälle weiter vertuschen“

KircheInterview mit Francesco Zanardi, Gründer der italienischen Organisation „Rete L’abuso“ (dt. Netz gegen den Missbrauch) – “Triggerwarnung”

Du bist der Gründer und Präsident der Organisation „Rete L’abuso“, die zurzeit die einzige Organisation in Italien ist, die sich um das Problem des sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester kümmert. Weshalb und wann hast du die Organisation gegründet?

Die Idee entstand Ende 2009 und zunächst ging es um eine Organisation zur Selbsthilfe für die Opfer. Dabei merkten wir sehr bald, dass wir alle nicht nur die Erfahrung des Missbrauchs gemeinsam haben, sondern auch das Bedürfnis, Gerechtigkeit zu erfahren für das, was wir als Kinder erlitten, und für die Folgen der Taten.

Also bemühten wir uns darum, dass der Mensch, der uns Gewalt angetan hatte, vor Gericht gestellt wurde. Dabei war oft ein großes Problem für uns, dass nach dem Gesetz einige der Taten bereits verjährt waren. Also entwickelten wir diverse Strategien, wobei wir von der Annahme ausgehen, dass Pädophilie nicht heilbar ist. Im nächsten Schritt machen wir den Täter ausfindig, sowie ein Opfer, dessen erlittene Straftaten noch nicht verjährt sind, und erstatten Anzeige. Dabei stellten wir fest, dass diese Vorgehensweise therapeutisch wertvoll ist und den Opfern hilft, ihr Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu erfüllen.

Wie viele Personen arbeiten mit dir und wie finanziert ihr euch?

Wir sind in unserer Organisation etwa 400 Menschen, die Opfer von sexuellem Missbrauch durch Kleriker geworden sind, das sind etwa 10 % aller Opfer in Italien. Die anderen finden leider nicht die Kraft, das Verbrechen anzuzeigen.

Einige der Mitglieder von Rete L’abuso kümmern sich in ganz Italien um Dinge wie die gegenseitige Unterstützung der Opfer, die Einleitung von Ermittlungen oder um andere Projekte, die von unserem Sitz in Savona aus koordiniert werden.

Wir finanzieren uns komplett selbst, vor allem durch Spenden. Unsere Arbeit ist in Italien nicht sehr populär, die Leute ziehen es vor, die Augen zu verschließen und so zu tun, als gäbe es Kindesmissbrauch nicht, insbesondere im kirchlichen Bereich.

Wie sind deine Erfahrungen mit den Behörden: Wenn ein Fall eines pädophilen Priesters, bzw eines Missbrauchs, öffentlich bekannt wird, was geschieht dann? Oder wenn ein Opfer den Mut findet, den Täter anzuzeigen, was passiert?

Leider ist es nicht immer einfach, mit den Behörden zu tun zu haben. Oft ziehen auch die es vor, nicht zu ermitteln. Viele Probleme entstehen und du machst dich unbeliebt. Ich habe euch hier ein Video verlinkt, das über Don Luciano Massaferro berichtet. Er ist ein Priester aus Alassio, in der Nähe von Savona, der 2012 zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, aber schon wieder auf freiem Fuß ist. Während der Ermittlungen gingen die Menschen auf die Straße, um zu demonstrieren – aber nicht für das vergewaltigte Mädchen, sondern für den pädophilen Priester. Unter den Demonstranten war leider auch der Bürgermeister.

(Italienisch, Interview mit einer Demonstrantin: „Wir kennen ihn, wir können nicht glauben, dass er das getan haben soll.“)

Erzähl‘ uns etwas vom Fall „Wesolovsky“.

Der Fall Wesolovsky ist der größte Betrug, den der Vatikan – unter Mithilfe der italienischen Presse – den Katholiken untergejubelt hat. Dem hohen polnischen Prälaten wurde mit einem diplomatischen Pass die Flucht ermöglicht, er konnte sich im Vatikan verstecken und wurde auf diese Weise faktisch den Ermittlungsbehörden der Länder, in denen er Straftaten begangen hatte, entzogen. Nachdem die Ermittlungen gegen ihn bekannt wurden, forderte die UNO den Vatikan auf, sich um diesen Kriminellen zu kümmern. Der Vatikan versteckte ihn und tat dann so, als hätte man ihn ins Gefängnis gesteckt. Alle italienischen Zeitungen taten so, als hätte eine aufsehenerregende Verhaftung stattgefunden, und niemandem fiel auf, dass Wesolovsky schon wenige Monate nach der „Verhaftung“ in aller Seelenruhe frei herumlief. Der Vatikan wird Wesolovsky niemals den staatlichen Ermittlungsbehörden übergeben, denn dann riskieren sie, dass er auspackt und die Namen der anderen ranghohen Prälaten nennt, die innerhalb eines internationalen Pädophilen-Netzwerks mit ihm in die Sache verwickelt sind.

Du hast uns schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass es im italienischen Grundgesetz einen Paragraphen gibt, der die staatlichen Ermittlungsbehörden verpflichtet, sobald Ermittlungen gegen ein Mitglied des Klerus aufgenommen werden…

…den Vorgesetzten des beschuldigten Priesters zu informieren, also meist den Bischof oder Kardinal, dass ein Ermittlungsverfahren eröffnet worden ist, dass eine Akte angelegt worden ist – und dieser Vorgang gibt der Kirche die Möglichkeit, das Verfahren zu beeinflussen, also letztendlich die Rechtssprechung zu beeinflussen. Das ist nichts Positives. Es sollte ausgeschlossen sein, dass so etwas möglich ist, aber leider ist es die Realität. Dieser Paragraph stammt noch aus den Lateranverträgen.

Wie geht ein Missbrauch durch einen katholischen Priester normalerweise vonstatten? Wenn es für dich okay ist, erzähl uns, wie es in deinem eigenen Fall war.

Es gibt kein klar umrissenes Schema, dennoch existieren einige Gemeinsamkeiten, die das Vorgehen des Täters charakterisieren. Das auserkorene Opfer stammt meist aus armer Familie, leidet unter Vernachlässigung durch die Bezugspersonen und häufig ganz besonders unter der Abwesenheit einer Vaterfigur. Der Priester geht oft so vor, dass er versucht, das Vertrauen der Familie des Opfers zu erlangen, sodass es für das jugendliche Opfer deutlich schwieriger wird, ihn anzuzeigen. In meinem eigenen Fall gab es neben diesen Ausgangspunkten noch andere Faktoren – zum Beispiel, dass ich durch das kulturelle Umfeld, in dem ich aufgewachsen war, überzeugt war, dass ein Mann Gottes einem niemals etwas Böses antun könnte. Als es passierte, war ich elf Jahre alt, ich war mitten in meiner sexuellen Entwicklung begriffen und dabei, körperliche Vorgänge zu entdecken. Der Priester sprach oft mit uns über Selbstbefriedigung und über Dinge, die mit Sexualität zu tun hatten, und aus der Sicht eines elfjährigen Kindes erschien mir das alles ganz normal – fast so, als sei es ein „Recht“ des Pädophilen, mit mir Sex zu haben. Ich brauchte lange, um zu begreifen, dass das, was geschah, nicht in Ordnung war.

Hast du dich an den Bischof gewandt?

Ja natürlich, ich war schließlich katholisch und fest davon überzeugt, dass der Bischof für Gerechtigkeit sorgen würde. Ich erhielt über einen längeren Zeitraum vom Bischof Drohungen, zum Beispiel sagte er mir, dass sich Don Nello umbringen würde, wenn ich ihn anzeigen sollte, und dass ich ihn dann auf dem Gewissen hätte.

Geschieht es deinem Eindruck nach häufig, dass sich der Priester nicht mit „Anfassen“ begnügt, sondern es wirklich zu einer Penetration kommt, vaginal oder anal?

Ja. Sagen wir es so, eine sexuelle Beziehung – egal ob pädophil oder nicht – ist immer darauf ausgelegt, dass es zum Vollzug des sexuellen Aktes kommt. Ich würde sagen, dass der erste Annäherungsversuch sich möglicherweise auf „Fummeln“ oder „Anfassen“ beschränkt, aber dabei bleibt es nicht. Es geht darüber hinaus.

Vor einigen Monaten veröffentlichten wir einen Artikel über den Fall Luisa Bonello. Die italienische Ärztin soll sich angeblich erschossen haben, nachdem sie erfolglos versucht hatte, vom Papst eine entschiedene Reaktion und eine Lösung dieses Problems zu erhalten. Du hast mit ihr zusammen gearbeitet. Wie siehst du ihren Fall?

Der Fall Luisa Bonello ist sehr kompliziert. Kein Mensch hier in Savona glaubt, dass sie sich selbst umgebracht hat. Die Zeitungen berichteten über den Fall ausführlich und stellten den Aspekt der pädophilen Geistlichen dabei sehr in den Fokus. Wir von Rete L’abuso glauben nicht, dass Dr. Bonellos Tod in Zusammenhang mit diesen Dingen steht. Der Hauptgrund ist, dass die Unterlagen, die Luisa Bonello dem Papst in Rom übergab, von mir selbst zusammengestellt wurden. Also hätten sie mich umgebracht und nicht sie, wenn das das Motiv gewesen wäre. Ein anderer Punkt ist, dass Luisa Bonello zu einer Freimaurer-Loge gehörte, und leider berührt das Thema der Freimaurerei auch die Kirche, denn sowohl die Mafia als auch die Freimaurerei sind eng mit dem „Istituto delle Opere Religiose“ (dt. Institut der religiösen Werke, bzw Vatikanbank) IOR, verknüpft. Aus Dokumenten, die wir haben, geht hervor, dass Luisa Bonello begonnen hatte, auch in dieser Hinsicht nachzuforschen, und dabei die Verstrickung von hohen Prälaten entdeckte, die in der Vergangenheit hier in Savona gelebt haben und die sie kannte. Ein sehr komplexes Thema – wir haben dazu vor kurzem einen Filmbeitrag gedreht, den man sich auf unserer Website ansehen kann.

Kommen wir auf Rete L’abuso und deine Arbeit zurück: Weigert sich die katholische Kirche in deinen Augen, die Situation zu lösen und Kinder und Jugendliche vor den Übergriffen und Vergewaltigungen durch pädophile Priester zu beschützen?

Die katholische Kirche strebt faktisch danach, das Problem nicht angehen zu müssen, oder zumindest kümmert sie sich nur um die aufsehenerregenden Fälle – die, die bekannt geworden sind und somit die größte Bedrohung für das Image der Kirche darstellen. Ich habe es schon mehrfach öffentlich angesprochen: Es gibt ein ganz, ganz einfaches System, das Problem in den Griff zu bekommen, nämlich die Bischöfe zu verpflichten – und das kann der Papst direkt tun – die Fälle zur Anzeige zu bringen. Und genau das tut er nicht. Dabei wäre es eine ganz einfache Lösung, denn dann würde sich die zuständige Zivilbehörde damit befassen, also die Staatsanwaltschaft. Die Tatsache, dass sie die Fälle nicht bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige bringen wollen, sondern sie weiter auf interner Ebene regeln wollen, lässt keinen Zweifel daran, dass sie nur dort, wo die richtig schlimmen Fälle sind, ein paar Bröckchen hinwerfen, und die anderen Fälle vertuschen.

Also ist das Motiv letztendlich, dass die Kirche nicht will, dass externe Ermittlungsbehörden sich einmischen, weil sie so die Verbindungen innerhalb des Vatikans aufdecken würden?

Genau. Der Staatsanwalt entdeckt dann am Ende die eigenen Gesetzesbrüche. Deshalb gefällt es der Kirche überhaupt nicht, dass die Staatsanwaltschaft in diesen Dingen ermitteln könnte.

Und am Ende bedeutet das, dass es der Kirche wichtiger ist, die eigene Macht zu beschützen, als die Kinder und Jugendlichen zu beschützen.

Der Schutz des eigenen Images ist der Kirche wichtiger. Sagen wir es so: Für die Kirche gibt es viele Dinge, die aus ihrer Sicht „opferbar“ sind. In diesem Fall sind es die Kinder, die für die Kirche „opferbar“ sind, um den guten Namen der Kirche als Institution zu erhalten. Eine Institution, die sich selbst schon tief reingeritten hat mit den ganzen sexuellen Tabus, die sie vertritt – das ist in Wahrheit das heißeste Eisen. Aus diesem Grund wollen die Kirchenvertreter sich öffentlich nicht damit auseinandersetzen. Es ist ein bisschen wie bei der Mafia: Wenn ein Fall ans Licht kommt und es gibt etwa einen unbequemen Zeugen, dann ist dieser Zeuge aus Sicht der Mafia „opferbar“, um sich selbst zu erhalten.

Was denkst du über Kardinal Angelo Bagnasco, den Präsidenten der italienischen Bischofskonferenz?

Ich traf Bagnasco im Juni 2011 und übergab ihm Informationen und Beschwerden, aber er unternahm nichts. Kardinal Bagnasco bekleidet in Italien ein wichtiges Amt: Er ist das Oberhaupt der italienischen Bischöfe. Er ist derjenige, der seinen Bischöfen die Verpflichtung zur Anzeige der Missbrauchsfälle auferlegen müsste. Nicht nur der Papst, sondern auch Kardinal Bagnasco könnte das entscheiden, wenn er denn wollte. Aber stattdessen erklärte er öffentlich, dass die Kirche die pädophilen Priester nicht anzeigen wird, „um die Opfer zu schützen“. Das hatte einige Proteste zur Folge, als er das bekanntgab.

Hast du von der Kirche jemals irgendeine Reaktion bekommen? Haben sie sich jemals an dich gewandt?

Nein. Wir haben als Organisation im Namen zahlreicher Opfer etliche Briefe an die Kirche geschrieben. Wir bekamen nie eine Antwort. Wie gesagt, die Kirche will die Sache intern klären und schon gar nicht in Zusammenarbeit mit den Opfern.

Hast du jemals Drohungen erhalten?

Von der Kirche selbst – nein. Aber generell habe ich sehr viele Drohungen erhalten, man hat mir einen am Galgen hängenden Mann auf die Haustür gemalt, ich bin verprügelt worden…

Verprügelt?

Ja, einmal wurde ich vor meiner Haustür angegriffen. Außerdem zerstach man die Reifen meines Autos und die meines Motorrollers… Da sind ein paar Dinge passiert.

Taten fanatischer Katholiken?

Höchstwahrscheinlich. Es wäre falsch zu sagen, dass es die Kirche gewesen ist. Nur ist es eben so, dass das, was die Kirche vertritt, in einigen Menschen eine bestimmte Einstellung erzeugt, den Fanatismus. Wer dann schlecht über die Kirche spricht, der kriegt eben sein Fett weg. Leider denken kulturell bedingt viele Menschen in Italien so.

Facebook- Rete L’Abuso Onlus

Netzfrau Katja Seel

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich als Katholik muß leider sagen, daß die katholische Kirche ein Baals-Kult des Todes ist.
    Es ist eine politisch, wirtschaftlich, weltstaatliche Organisation zur geistig-seelischen Beherrschung der Massen. Ein Drittel satanisch, ein Drittel götzendienerisch, ein Drittel christlich.
    Es ist eine Sekte. Auf alle anderen Kirche trifft diese Einschätzung auch mehr oder weniger zu. Es sind alles Sekten im Verbund mit Regierungen oder selbst im Regierungsgeschäft.

    Die Lehre des Lebens interessiert die meisten Menschen leider sowieso nicht. wir meistens abgelehnt, wenn ich die wichtigsten Punkte davon erkläre. Allerdings und das dürfen wir nicht vergessen, hat sich in der Sache Mitmenschlichkeit durch die Arbeit der christlichen Sekten egal welcher Art enorm viel positives Entwickelt. Und das ist sehr wichtig, vielleicht das Wichtigste überhaupt. Der Rest kommt irgendwann sowieso. Aber es könnte vielleicht besser sein.

  2. http://die-kinder-lassen-gruessen.at
    Österreichischer Dokumentarfilm!
    Begleitet von der Kamera suchen die Betroffenen die Tatorte von damals auf, viele machen ihre Geschichten erstmals öffentlich, auch ihre Familien erfahren zum ersten Mal von diesem verschwiegenen Schmerz. Ein beklemmender Einblick in das wohl größte Verbrechen der Nachkriegszeit. Der nicht aufgearbeitete Missbrauch bleibt ein Trauma quer durch die Gesellschaft, ermöglicht durch ein Milieu der Unterdrückung und der Gottesfürchtigkeit. Eine Anklage, die sprachlos macht, aber auch Hoffnung.

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