„Coronavirus könnte uns auslöschen“: Indigene blockieren ihre Dörfer – John Lundin: Quarantined in the Heart of the World

zur englischen Version Indigene Gruppen in ganz Südamerika blockieren ihre Dörfer und ziehen sich in ihre traditionellen Wald- und Berghäuser zurück, um der potenziell katastrophalen Bedrohung durch das Coronavirus zu entkommen. In den letzten Tagen haben indigene Gruppen in Brasilien, Kolumbien, Ecuador und Peru Schritte unternommen, um sich vor dem zu schützen, was sie mit dem vergleichen, wie Pocken und Masern, die von europäischen Invasoren zwischen dem späten 15. und dem 17. Jahrhundert eingeschleppt worden war. Bis zu 90% der präkolumbianischen Bevölkerung Amerikas, geschätzte 60 Millionen Menschen, wurden damals  ausgelöscht. „Dies ist ein sehr dunkler Teil unserer Geschichte“, sagen die Indigenen, „und wir wollen keine Wiederholung. Wenn unsere alten Menschen an dem Virus sterben, dann stirbt mit ihnen auch unsere Geschichten, unser Wissen und am Ende wir.“ In Brasilien gab es bei den Indigenen bereits durch das Coronavirus die ersten Toten, nachdem Holzfäller in ihr Gebiet eingedrungen waren. Auch in Kolumbien isolieren sich die indigenen Gemeinschaften und errichten Straßensperren außerhalb ihrer Reservate und versuchen sich so zu schützen. Seit vielen Jahren lebt der Schriftsteller John Lundin in Kolumbien bei einem Stamm in der kolumbianischen Sierra Nevada und erlebt mit ihnen die Isolation.

„Coronavirus könnte uns auslöschen“: Indigene  blockieren ihre Dörfer

Die tägliche Invasion von Holzfällern in Ländern mit indigenen Völkern wird inmitten der globalen Coronavirus-Pandemie noch besorgniserregender. Um so wichtiger ist es, dass diese indigenen Völker noch mehr geschützt werden. Ein Coronavirus bedeutet für sie den Tod und es wäre nicht das erste Mal, dass ganze Stämme von Indigenen durch von „Weißen“ eingeschleppte Krankheiten ausgerottet werden. Schon in der Kolonialzeit starben viele Indigene, und zwar durch ansteckende Krankheiten, die die Kolonial-Mächte mitgebracht hatten. Siehe auch: R.I.P. “Wächter Amazoniens“ Zezico Rodrigues – Der Völkermord in Brasilien an den Guajajara ist im Gange! – Calls for justice after latest murder of indigenous Guajajara leader in Brazil

„Wir haben ein Treffen abgehalten und beschlossen, uns am besten zu schützen, indem wir in unser Land zurückkehren“, sagte Luis Fernando Arias, Koordinator der nationalen indigenen Organisation Kolumbiens und Mitglied der Kankuamo aus der Sierra Nevada an der Karibikküste .

Die Arhuaco sind eine der letzten indigenen Zivilisationen, die seit der Zeit der Azteken und Inkas kulturell intakt überlebt haben (Christopher P Baker).

„Die Gedanken unserer Vorfahren sind in jeden Felsen und jedes andere Element eingebettet, in dem Menschen Kontakt haben“, so die Überzeugung der Arhuacos. Wir existieren in einem bewussten Universum, in dem alle materiellen Dinge Leben und Bewusstsein haben. Für uns ist es unergründlich, dass der „moderne Mensch“ nicht glaubt, dass die Erde den Schaden, den wir ihr zufügen, bewusst erlebt.“

Umgeben von einem fast unpassierbaren Dschungel und in den letzten Jahrzehnten im Kreuzfeuer zwischen der kolumbianischen Armee, Farc-Guerillas und rechten Paramilitärs gefangen, lebten diese „verlorenen“ Ureinwohner fünf Jahrhunderte lang in fast völliger Isolation und schützten ihr Territorium standhaft vor  den „Eindringlingen“ von außen. Die indigenen Gemeinschaften schafften es sogar, dass 2016 die Konzerne im Regenwald von Kolumbien  kein Gold fördern durften. Zwischen 1996 und 2006 wurden fast 60.000 Menschen vertrieben und 2.600 Menschen ermordet. Profiteure der Menschenrechtsverletzungen waren auch deutsche Energieversorger. Nach fünf Jahren Kampf der indigenen Völker bestätigte das kolumbianische Verfassungsgericht 2016, dass die Region, in der die Bergbaukonzerne aus Kanada die Lizenzen erhalten hatten, um Gold zu bergen, ein rechtlich anerkannter Naturschutzpark für die indigenen Völker und somit geschützt ist. Siehe auch: Konzerne dürfen im Regenwald kein Gold fördern 

Doch jetzt stehen die Indigenen in Kolumbien vor neuen Herausforderungen, dem Coronavirus, welches sie ausrotten kann. Die indigenen Gemeinden haben die Entscheidung getroffen, sich zu isolieren.

Die Flucht in einer Zeit der Epidemie ist eine langjährige Praxis für südamerikanische indigene Gemeinschaften, eine Überlebenstechnik, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wie sie es von ihren Ahnen gelernt haben.

Mitten unter den Indigenen in Kolumbien lebt John Lundin. John Lundin ist  ein Umweltaktivist und der Autor von Journey to the Heart of the World, einem Roman, der mit den indigenen Völkern der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien geschrieben wurde.

Im Herzen der Welt:  „Die Mutter hat den Berg geschaffen, um das Herz der Welt zu sein und die Heimat all ihrer Schöpfung zu sein. Das Herz der Welt ist das Herz eines lebenden Planeten.“  aus dem Buch von John Lundin, dass er mit den indigenen Ältesten der Völker Kogi, Arhuaco und Wiwa der Sierra Nevada de Santa Marta geschrieben hat.

John Lundin war dabei, als die Indigenen in Kolumbien sich in die Isolation zurückzogen, und lässt uns an seinen Erlebnissen teilhaben. Was können wir von den Indigenen lernen? Die Antwort von John Lundin haben wir für Sie übersetzt.

Quarantäne im Herzen der Welt

John Lundin

Die winzige Stadt Minca, Kolumbien, ist nicht auf der üblichen kolumbianischen Touristenkarte zu finden. Sie liegt auf einem Berg in der kolumbianischen Sierra Nevada mit Blick auf Santa Marta und das Karibische Meer, hat übers Jahr insgesamt nur 800 Einwohner und sieht sich ein wenig isoliert.

Und dies nie mehr als jetzt.

Ich lebe hier. Ich lebe hier seit neun Jahren. Die indigenen Völker der Region, die Kogi und Arhuaco, glauben, dass dies das Herz der Welt sei. Auch ich glaube dies inzwischen.

In neun Jahren erlebte ich viele Veränderungen. Als ich ankam, war die Gewalt der Drogen-Kartelle gerade am Abklingen, und die Touristen, die Kolumbien zuvor gemieden hatten, entdeckten sie. In letzter Zeit ist Minca zu einem wunderbaren Reiseziel für Rucksacktouristen aus aller Welt geworden, die die unberührte tropische Natur, den Fluss und die Bäche und Wasserfälle, die Vögel und andere Wildtiere der Sierra Nevada genießen möchten.

Doch am Freitag, dem 20. März 2020 änderte sich alles.

Der kolumbianische Präsident Iván Duque verhängte eine landesweite Quarantäne, und Minca schloss sich den Nationen der Welt in einem globalen Lockdown an. Die Isolation wurde zu einer neuen Lebensweise.

Heute sind die Straßen – es gibt nur zwei in Minca – ruhig, keine Menschenseele geht an den verschlossenen und verriegelten Geschäften vorbei. Die Touristen sind alle per Flugzeug nach Hause evakuiert worden. Und der Rest von uns dort wohnenden Ausländern passt sich an das einsame Leben an.

Ich bin Schriftsteller. Schreiben ist ein einsames Unterfangen. Ich bin es gewohnt, still zu beobachten und nachzudenken und dann meine Überlegungen in Worte zu fassen. Das ist es, was ich jetzt tue.

Auf Einladung der indigenen Völker kam ich in die Sierra Nevada de Santa Marta, um mit ihnen zu leben, von ihnen zu lernen und mit ihnen ein Buch zu schreiben – ein Buch, das ihre spirituelle und ökologische Botschaft mit der Welt teilen würde, die Botschaft, dass unsere Erdenmutter krank ist und sicherlich sterben wird, wenn wir, die sie den Jüngeren Bruder nennen, unsere Wege nicht ändern.

Obwohl dies nicht genau das ist, was sie im Sinn hatten, finden wir uns jetzt alle dabei, „unsere Wege zu ändern“.  Zwar weiß niemand von uns, wie sein Leben aussehen wird, wenn diese Krise endlich vorüber ist, doch eines wissen wir mit Sicherheit: Nichts wird je wieder so sein wie vorher.

Das passierte schon einmal. Meine indigenen Freunde erzählen aus dem Gedächtnis, eine Erinnerung, die seit mehr als fünfhundert Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wird, die Geschichten darüber, wie der weiße Mann in Schiffen mit Stoffflügeln an den Küsten Kolumbiens ankam und die Krankheit des weißen Mannes mit sich trug, eine Pandemie, die schließlich die Kulturen der Maya und Inka – und der Tayrona – auslöschte. Die Ruinen von Ciudad Perdida – Verlorene Stadt -, zu denen Touristen bis heute strömten, sind ein Mahnmal eines Vorläufers dessen, was wir heute erleben.

Wie gingen die indigenen Völker damals damit um?

Die Kulturen, die überlebten, taten dies mit „social distancing“ – sie isolierten sich von den infizierten Europäern. Die Kogi und die Arhuaco flohen ins Hochgebirge, verbrannten Brücken hinter sich und ließen sich schließlich in einem neuen Leben nieder, das sie von dem Schaden trennte, der schließlich den Maya und Inka und anderen zugefügt wurde.

Mir ist klar, dass wir aus den Lektionen lernen können, die die Ureinwohner der Sierra Nevada in ihrer Zeit der erzwungenen Isolation gelernt haben. Das ist etwas von dem, was sie mich gelehrt haben.

Erstens: Gemeinschaft ist unsere Rettung. Keiner von uns lebt allein, ob isoliert oder nicht. Wir alle sind voneinander abhängig, und andere sind von uns abhängig. Wir leben in Gemeinschaft. Und ein reiches Leben entsteht nicht durch die Anhäufung von „Dingen“, sondern durch die Teilnahme an der Förderung des Wohlergehens der Gemeinschaft als Ganzes.

Und zweitens, und eine Begleiterscheinung des ersten, ist es ein Aufruf, unseren Lebenssinn zu entdecken. Unsere Zeit der Isolation kann eine Zeit sein, in der wir sie für uns selbst erforschen. Die Eingeborenen bieten [uns] eine Antwort, die wir vielleicht gut daran tun, sie uns zu eigen zu machen: Jeder von uns ist aufgerufen, das Herz der Welt zu werden – das mitfühlende, fürsorgliche und liebende Herz des organischen Planeten, unserer lebenden, atmenden Madre Tierra [Mutter Erde].

Das ist es, was die frühesten Völker der Erde in ihrer Zeit der Isolation entdeckten. Wir täten gut daran, diese Zeit zu nutzen, um ihrem Beispiel zu folgen.

Während ich hier im Herzen der Welt sitze und über meinen Platz im großen System der Dinge nachdenke, in der Gewissheit, dass der morgige Tag sicherlich Ungewissheit, aber auch unbegrenzte Möglichkeiten bietet, lade ich Sie ein, sich mir an Ihrem eigenen Platz, auf Ihre eigene Art und Weise, in Ihrer eigenen Isolation anzuschließen – sich vorzustellen, wenn auch nur für einen Augenblick, das Herz der Welt zu werden. Auf diese Weise können wir damit beginnen, die Welt zu heilen, uns gegenseitig zu heilen und uns selbst zu heilen. Unsere Zeit der Isolation kann zu einer Zeit des Zusammenkommens werden.

Über den Autor: John Lundin ist der Autor von „The New Mandala – Eastern Wisdom for Western Living„, geschrieben mit dem Dalai Lama, und Reise zum Herzen der Welt

John Lundin: Quarantined in the Heart of the World

By John Lundin March 31, 2020

The tiny town of Minca, Colombia isn’t on the typical Colombian tourist map. Perched on top of a mountain in Colombia’s Sierra Nevada overlooking Santa Marta and the Caribbean Sea, with a year-round population of only 800, Minca feels a bit isolated.

And never more so than now.

I live here. I have lived here for nine years. The indigenous peoples of the area, the Kogi and Arhuaco, believe this is the heart of the world. I have come to believe that as well.

In nine years I have seen many changes. When I first arrived, the narco-violence was just winding down and the tourists, who had previously ignored Colombia, were discovering it. Recently Minca has become a prime destination for backpackers from all over the world, seeking to enjoy the unspoiled tropical nature, the river and streams and the waterfalls, the birds and other wildlife of la Sierra Nevada.

But on Friday, March 20, 2020, everything changed.

Colombia’s President Iván Duque declared a nationwide quarantine, and Minca joined the nations of the world in a global lockdown. Isolation became a new way of living.

Today the streets – there are only two in Minca – are quiet, not a soul passing past the locked and shuttered tiendas. The tourists have all boarded evacuation flights back home. And the rest of us permanent ex-pats are adapting to the solitary life.

I am a writer. Writing is a solitary endeavor. I’m used to quietly observing and reflecting, then putting my reflections into words. That’s what I find myself doing now.

I came to the Sierra Nevada de Santa Marta at the invitation of the indigenous peoples, to live with them, to learn from them, and to write a book with them – a book that would share their spiritual and environmental message with the world, the message that our Earth Mother is ill and will surely die if we, the ones they call the Younger Brother, don’t change our ways.

While this is not exactly what they had in mind, we now find ourselves all “changing our ways.”  While none of us knows what our lives will look like when this crisis has finally passed, one thing we know for certain is that nothing will ever be the same.

This has happened before. My indigenous friends recount from memory, a memory passed on from generation to generation for more than five hundred years, the stories of how the white man arrived on the shores of Colombia, in ships with wings of cloth, bearing with them the white man’s disease, a pandemic that eventually wiped out the cultures of the Maya and Inca – and the Tayrona. The ruins of Ciudad Perdida – Lost City – that tourists flocked to until now are a monument to a precursor of what we’re experiencing today.

How did the indigenous peoples deal with it then? The cultures that survived did so with ‘social distancing’ – isolating themselves from the infected Europeans. The Kogi and the Arhuaco fled to the high mountains, burning bridges behind them, and eventually settling into a new life that separated them from the harm that eventually came to the Maya and Inca and others.

It’s obvious to me that we can learn from the lessons the indigenous of the Sierra Nevada learned in their period of forced isolation. This is some of what they have taught me.

First, community is our salvation. None of us lives alone, isolation or not. We all depend on each other, and others depend on us. We live in community. And a rich life does not come from accumulating ‘things,’ but rather from participating in furthering the well-being of the community as a whole.

And second, and a corollary of the first, is a call to discover our purpose in life. Our time of isolation can be a time to explore that for ourselves. The indigenous offer an answer that we may do well to adopt as our own: we are each called to become the heart of the world – the compassionate, caring and loving heart of the organic planet, our living breathing Madre Tierra.

That is what the earliest peoples on the Earth discovered in their period of isolation. We would do well to use this time to follow their example.

So, as I sit here in the Heart of the World, contemplating my place in the great scheme of things, certain that tomorrow presents uncertainty, to be sure, but also unlimited possibilities, I invite you to join me in your own place, in your own way, in your own isolation – to envision becoming, if only for a moment, the heart of the world. In so doing we can begin to heal the world, to heal each other, and to heal ourselves. Our time of isolation can become a time for coming together.

About the author: John Lundin is the author of The New Mandala – Eastern Wisdom for Western Living, written with the Dalai Lama, and Journey to the Heart of the World.

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